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Premierenkritik

Nie wieder

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Vor dem Ruhestand von Thomas Bernhard - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Toni Suter

Bewertung:    



Gelegentlich wird diskutiert, was günstiger sei fürs Theater: ein inszenierender oder ein nicht inszenierender Intendant respektive eine inszenierende oder eine nicht inszenierende Intendantin. Für beide Optionen gibt es gute Argumente und Beispiele. Eins aber lässt sich ahnen: Intendant*innen, die selbst nicht Regie geführt haben, schlafen besser, wenn sie in Rente gehen. Wer einmal inszenierender Burgtheaterdirektor war (die bislang einzige Frau in dieser Funktion, Karin Bergmann, hat nicht inszeniert), findet keine Ruhe mehr. Der Inszenierungsdrang treibt ihn um, und sei die Herausforderung noch so glanzlos. Claus Peymann inszenierte kurz vor seinem Tod, als er kein eigenes Theater mehr leiten durfte, in Ingolstadt und am vormals verachteten Theater in der Josefstadt – unter anderem Thomas Bernhards Der deutsche Mittagstisch –, Matthias Hartmann inszenierte ebendort, an der Josefstadt, Thomas Bernhards Der Theatermacher mit dem demnächst in den Ruhestand scheidenden Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle, und Martin Kušej durfte nun in Stuttgart, wo er einst, vor mancherlei Zuspruch und Frust, unter der Direktion von Friedrich Schirmer seine größten Triumphe feierte, Vor dem Ruhestand – richtig, von Thomas Bernhard, auf die Bühne bringen, ein nicht geringes Risiko: Claus Peymann, wer sonst, hat hier vor 47 Jahren die Uraufführung des Stücks mit dem unvergessenen Traugott Buhre neben Kirsten Dene und Eleonore Zetzsche inszeniert. Noch leben Theater- und Thomas Bernhard-Fans, die sich daran erinnern. So erfolgreich war diese Inszenierung, dass Peymann sie zwanzig Jahre später am Burgtheater mit derselben Besetzung auferstehen ließ. Aber Bernhards Hauptrollen, die er nicht zufällig gelegentlich nach realen Schauspielern benannt hat, sind zu verführerisch, als dass man sie ablehnen könnte. Zwischen Buhre und Matthias Leja waren schon mehrere namhafte Darsteller als der ehemalige SS-Offizier Rudolf Höller, eine der fiesesten Figuren in Bernhards Arsenal, zu sehen. Die über fast ein halbes Jahrhundert anhaltende Aktualität des Stücks legt Zeugnis ab von dessen literarischer Qualität und zugleich von der bedrückenden gesellschaftlichen Wirklichkeit. Kušej betont sie, etwas plump und unter Aufopferung der Plausibilität des Personals, das unter Berücksichtigung des Textes älter als 110 Jahre sein müsste, indem er die Story in eine nahe Zukunft verlegt, in der die AfD an die Regierung kommt.

Anlass und Modell für Höller war seinerzeit der damals kurz zuvor zurückgetretene baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger. Dessen Skandal dürfte mittlerweile vergessen sein. Aber Thomas Bernhard war ja kein Historiker. Seine Stücke sind ebenso wenig an reale Ereignisse gebunden wie seine Figuren an reale Schauspieler, deren Namen sie tragen. Burkhard C. Kosminski freilich, der Stuttgarter Intendant, dürfte, nach der Ermittlung, diesen Bezug durchaus im Hinterkopf gehabt haben, als er just dieses Stück auf den Spielplan setzte.

Die Konstellation ist die gleiche wie in Ritter, Dene, Voss: ein Mann und seine zwei Schwestern, gespielt von Katharina Hauter und Therese Dörr. Auch darin beherrscht der männliche Protagonist nach einem knapp einstündigen Präludium der beiden Damen die Bühne, jedenfalls auf der akustischen Ebene. Der auffälligste Unterschied zwischen Matthias Leja und Traugott Buhre liegt in der Artikulation, im Klang der Stimme, die in Thomas Bernhards Stücken mit ihren ausschweifenden Monologen eine wichtige Rolle spielen. Lejas deutliche, vollklingende Aussprache lässt ihn jünger, energischer wirken als Buhres charakteristische knödelnde Sprechweise.

Matthias Leja kostet die (unfreiwillige?) Komik der Bernhardschen Texte aus. Er tut gut daran, weder Filbinger, noch das Klischee des unverbesserlichen Nazis zu imitieren.

Annette Murschetz hat ein Anti-Karl-Ernst-Herrmann-Bühnenbild beigesteuert: Panorama anstatt Vertikale. Die Decke ist auf geschätzt drei Meter, die halbe Höhe des Bühnenraums abgesenkt. Die Schauspieler*innen nehmen meist starre Positionen ein – die eine Schwester, Clara, sitzt sowieso im Rollstuhl – und reden weniger zueinander als ins Publikum. Die Arrangements erinnern an Bilder der Neuen Sachlichkeit. Nazikitsch hängt nur an den sterilen Wänden. Wenn Höller die Fotos aus dem Krieg, inklusive KZs, kommentiert, steht er, zappelig, mit dem Rücken zum Zuschauerraum.

Außer der Zeit des kargen Geschehens und einigen Details hat Martin Kušej das Ende verändert. Bei ihm stirbt Rudolf Höller nicht an einem Herzschlag, sondern wird von seinen Kindern erschossen. Angsttraum oder Aufforderung an das Publikum zum Handeln? Der Skandal, so vermuten wir, wird ausbleiben. Thomas Bernhards Provokation hat ihre Brisanz verloren. Daran ändert auch ein hinzugefügter Vatermord nichts. Über das Politikverständnis von Bernhard und Kušej kann man ohnedies streiten. Immerhin hat das Ensemble einen Theaterabend auf die Bühne gebracht, der das Repertoire wohltuend ergänzt.




Vor dem Ruhestand von Thomas Bernhard - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Toni Suter

Thomas Rothschild - 22. Februar 2026
ID 15716
VOR DEM RUHESTAND (Schauspiel Stuttgart, 21.02.2026)
von Thomas Bernhard

Inszenierung: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Komposition: Bert Wrede
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Benjamin Große
Mit: Matthias Leja, Katharina Hauter und Therese Dörr
Premiere war am 21. Februar 2026.
Weitere Termine: 05., 13., 19., 29.03.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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