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Premierenkritik

Ein Fest für Winfried

und ein mordendes

Staatsoberhaupt



Shakespeares Richard III. im Schauspielhaus Esslingen | Foto (C) Patrick Pfeiffer für WLB

Bewertung:    



Bislang ist Hannah Arendt nicht als Dramatikerin aufgefallen. Das lässt sich auch nicht dadurch kompensieren, dass man ein paar Teelöffel Jelinek-Textfläche darüberträufelt wie Himbeersirup über ein Grießkoch. Sei’s drum. Es wäre nicht das erste Mal, dass das Theater undramatische Texte als Material benützt. Aber ich bekenne: Es legt sich wie Mehltau auf mein Interesse für eine Philosophin und Heidegger-Geliebte, wenn sie ein bündnisgrüner Ministerpräsident wie ein Mantra im Munde führte, dem es gelungen ist, sein Amt als Darling der CDU-Wähler zu verabschieden und fünfzehn Jahre grüner Regierung ohne eine Spur zu beenden, die seine CDU-Vorgänger nicht ebenso gut hätten hinterlassen können. Übrigens: in meinen Studententagen dachte man bei dem Namen Heidegger an den „Jargon der Eigentlichkeit“ (Theodor W. Adorno) und an das übereifrige NSDAP-Mitglied. Für Elfriede Jelinek war das 1991 Motiv und Anlass für die Niederschrift von Totenauberg. Bei ihr heißen die Antagonisten „Die Frau“ und „Der alte Mann“. Warum nicht „Die Jüdin“ und „Der alte Katholik“ oder „Die Antifaschistin“ und „Der alte Nazi“? In Stuttgart heißen sie, wie wir der Ankündigung entnehmen, wieder, ganz ohne Verallgemeinerung, Hannah Arendt und Martin Heidegger. Ist das nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ein Vor- oder ein Nachteil?

Am selben Abend aber wie Zwischen zwei Menschen ent­steht manch­mal, wie selten, eine Welt am Schauspiel Stuttgart hatte an der Württembergischen Landesbühne (WLB) in Esslingen Shakespeares Richard III. Premiere, knapp drei Wochen, ehe der Gaststar Max Simonischek in dieser Rolle am 15 Kilometer entfernten und nicht nur deutlich großzügiger subventionierten, sondern (deshalb?) auch signifikant massiver beachteten Staatstheater sein Unwesen treibt. Und weil man, wie meine Mutter zu sagen pflegte, mit einem Hintern nur auf einer Hochzeit tanzen kann, entschied ich mich für den bei Mimen und Zuschauern beliebten Massenmörder am Landestheater und gegen die Philosophin nach dem Geschmack des Ex-Ministerpräsidenten.

Nebenbei: zu den Aufgaben der Landestheater gehört auch die Versorgung des Umlands. Allein in den Wochen nach der Premiere wird der Esslinger Richard an fünf Orten außerhalb des Stammhauses gezeigt. Ohne diese zusätzliche Belastung bliebe die so oft geschmähte Provinz praktisch theaterfrei.

Gewählt hat man in Esslingen die viel gespielte Übersetzung von Frank Günther aus dem Jahr 2001. In Stuttgart hat sich Andreas Kriegenburg für Rudolf Schallers Übersetzung von 1964 entschieden, die vor den neueren Versuchen von Erich Fried, Thomas Brasch, Frank Günther und zahlreichen ehrgeizigen Dramaturgen mit August Wihelm Schlegels Version konkurrierte. Im Vergleich mit Schaller nimmt sich Günther mehr Freiheiten, insbesondere beim Metrum, heraus. Beide Übersetzungen haben ihre Kritiker und ihre Befürworter. Dass die jüngere Übersetzung besser sein müsse als die ältere, wäre zu kurz gegriffen.

Der Anwärter auf Platz 1 unter den Schurken der dramatischen Weltliteratur hat zurzeit nicht nur am Neckar Konjunktur. Offenbar scheint ein Stück über ein kriminelles Staatsoberhaupt in unsere Zeit zu passen wie Arsch auf Eimer. Da muss man, Mord inbegriffen, nicht erst lange nach Analogien in der Gegenwart fahnden. Noch eins hat dieser Richard III. mit vielen Politikern gemeinsam: Sie können tun, was sie wollen, sie können noch so sehr gegen Gesetze verstoßen, noch so verbrecherisch handeln, ihre Umwelt fällt auf sie herein. „Ward je in solcher Laun’ ein Weib gefreit?/ Ward je in solcher Laun’ ein Weib gewonnen?“ heißt es in Schlegels Übersetzung. Die Sätze des Mörders, der die Witwe seines Opfers erobert, ließen sich paraphrasieren: „Ward je in solcher Laun’ ein Volk verführt?/ Ward je in solcher Laun’ eine Wahl gewonnen?“

Genau darin aber liegt das Faszinosum und die Herausforderung von Richard III. Die Inszenierung und der Darsteller der Titelrolle müssen ein unbescholtenes Publikum glauben lassen, dass es einem Bösewicht von gigantischem Ausmaß gelingen kann, die Herzen derer zu erobern, denen er Leid zugefügt hat und weiter zuzufügen im Begriff ist. Das unterscheidet Richard von Macbeth oder Mephistopheles.

Allerdings reden wir hier von Shakespeares Richard III., nicht vom historischen Richard, dessen Gebeine erst vor vierzehn Jahren, mehr als 500 Jahre nach seinem Tod, entdeckt wurden. Zugleich ist der Fall ein Beispiel für die Macht der Kunst. Wahrscheinlich würden die Ergebnisse der mit modernen Mitteln möglichen Untersuchungen des Fundes nur ein paar Spezialisten interessieren, wenn es Shakespeares Drama nicht gäbe, wie kaum jemand nach dem tatsächlichen Doktor Faust aus Knittlingen fragte, der übrigens fast ein Zeitgenosse von Richard III. war, wenn Goethe ihm nicht seine Dichtung gewidmet hätte. Was wüssten wir über Wilhelm Tell oder Maria Stuart, wenn Schiller sie nicht für seine Dramen neu erfunden hätte? Und nichts deutet darauf hin, dass der geschichtliche Marcus Antonius Brutus in seiner Trauerrede „an honourable man“, einen ehrenwerten Mann genannt hat. Die Literatur ist stärker als die historische Wahrheit. Die „Banalität des Bösen“, von der Hannah Arendt mit Bezug auf Eichmann sprach, trifft für die Wirklichkeit zu. Für die Literatur reicht sie nicht aus. Hannah Arendt stellt das „kalkulierte Böse“ Richards der „Gedankenlosigkeit“ Eichmanns gegenüber. Dem „kalkulierten Bösen“ entspricht das originär dramatische Mittel des Zwiegesprächs mit sich selbst, zu dem der „gedankenlose“ Politbürokrat Eichmann nicht fähig war.

Noch ein Nachwort zur Aktualität von Richard III. Die Kriminalität fängt ja nicht erst beim Mord an. Wenn Sie in der Steuererklärung zu niedrige Einkommen angeben, sind Sie krimineller Energie verdächtig und haben Glück, wenn Sie mit dem Vorwurf grober Fahrlässigkeit davonkommen. Hier ein zu wenig beachteter Beitrag des SWR vom vergangenen Juni: Was man vergeblich sucht, sind die Namen der Verantwortlichen und wie viel sie erstatten müssen, für wie lange sie für Veruntreuung von Steuergeldern und für die Irreführung der Öffentlichkeit ins Kittchen kommen. Darin beziehungsweise im Unterschied bei den Konsequenzen liegt die Aktualität von Shakespeares Schurkendrama. Die heutigen Gauner ziehen ja nicht in die Schlacht. Sie benötigen kein Pferd, kein Pferd. Ihr Königreich bleibt ihnen erhalten. Sie verlieren nicht einmal wegen Inkompetenz ihre ertragreichen Posten. Da kann einem der literarische Richard, dessen Modell Shakespeare wahrscheinlich Unrecht getan hat, sogar sympathisch sein. Er ist wenigstens geistreich.

Bekanntlich hat Shakespeare in höchst unterschiedlichen Genres Meisterwerke geschrieben. Das Besondere seiner Begabung lag darin, dass er nicht nur in seinen Komödien, sondern auch in seinen ernsten und tragischen Dramen vorbildlich komische Szenen untergebracht hat. Das aber hat die Esslinger Regisseurin Eva Lemaire gründlich missverstanden. Ihre Stilisierung grenzt ans Groteske, ihre Clownszenen zeichnen sich, jedenfalls bis zur Pause, durch ein Timing aus, das jeder Komik abhold ist. Das hat mehr mit Mel Brooks zu tun als mit Shakespeare.

Richards Gegenspieler stehen auf der Bühne als Punchingballs zur Verfügung. Über weite Strecken sprechen sie bei unmotiviert changierender Lichtregie ins Publikum. Drumherum beeindrucken, Symbole für den Aufstieg, Allzweckwaffen und Podien für das reichhaltige Personal, tragbare Aluminiumleitern.

Und Richard? Er heißt Kim Patrick Biele, hat einen Buckel und hinkt. Heute wissen wir, was lange bezweifelt wurde: Der historische Richard litt tatsächlich an einer Skoliose. Ob er mit den Armen gefuchtelt hat wie seine Reinkarnation in Esslingen, ist nicht verbürgt.



Shakespeares Richard III. im Schauspielhaus Esslingen | Foto (C) Patrick Pfeiffer für WLB

Thomas Rothschild - 27. September 2026
ID 16060
RICHARD III. (Schauspielhaus Esslingen, 26.09.2026)
Regie & Bühne Eva Lemaire
Kostüme: Marian Hoefnagels
Dramaturgie: Sarah Frost
Mit: Kim Patrick Biele (als Richard) sowie Mendel van der Ploeg, Marit Rosanne Hooijschuur, Elif Veyisoglu, Martin Theuer, Reinhold Ohngemach, Franziska Theiner, Marcus Michalski, Markus Michalik und Alessandro Scheuerer
Premiere an den Württembergischen Landesbühnen Esslingen: 26. September 2026
Weitere Termine: 01., 04., 10., 17., 20., 22., 30.10./ 11., 14., 27.11./ 18.12.2026// 24.01./ 26.02.2027


Weitere Infos siehe auch: https://wlb-esslingen.de


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