Der Schrecken
der Erkenntnis
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Bewertung:
Kann man eine über 2.000 Jahre alte Geschichte noch einmal neu erzählen? Der preisgekrönte britische Dramatiker Robert Icke (39) hat gezeigt, man kann und die Menschen damit in ihrer Gegenwart unmittelbar erreichen. Ödipus wurde in seiner Neubearbeitung bereits in Amsterdam, London, Athen und New York gezeigt und erlebte nun unter Ickes Regie die deutschsprachige Erstaufführung am Münchner Residenztheater.
Die Story ist bekannt: Ödipus tötet König Laios und heiratet dessen Witwe Iokaste. Er weiß nicht, dass dies seine Eltern sind, und damit beginnt die Tragödie.
In Ickes Fassung wird die Handlung in eine Wahlkampfzentrale verlegt. Ödipus ist Politiker und wartet gespannt auf seinen höchst wahrscheinlichen Wahlsieg. Diese Entscheidung knüpft an das Original an. Ursprünglich hieß das Stück Ödipus der Tyrann. Heute ist der Begriff Tyrann negativ konnotiert, damals aber bedeutete er einfach “ein durch Beifall gewählter Anführer“.
Auf dem Video zu Beginn sieht man Ödipus bei seiner populistischen Ansprache zu, fasziniert und auch ein bisschen gruselnd. Das hat man doch schon oft gehört: „Ein krankes System, alles wird jetzt anders, er ist der Kandidat des Volkes.“ Und dann verspricht er noch die Gerüchte über seine ungeklärte Identität aus dem Weg zu räumen und seine Geburtsurkunde zu veröffentlichen. Außerdem will er den Tod seines Vorgängers Laios aufklären.
Im Kreis seiner Familie und seines Wahlkampfteams wartet er auf das Ergebnis, eigentlich siegessicher, aber doch angespannt, lässt er sich immer wieder Zwischenergebnisse durchgeben. Das aufziehende Unglück beginnt mit dem Seher Teiresias, der ihm mitteilt, er hätte seinen Vater getötet, die Mutter geheiratet und der nächste Anführer hieße Kreon, der Bruder von Iokaste.
Ödipus reagiert wütend und beschuldigt Kreon ihm eine Falle stellen zu wollen, aber eine winzige Saat des Zweifels ist gesät. Während die Wahrheit nach und nach ans Licht kommt, wird einem Ödipus immer sympathischer. Er hat nicht, wie im Original, seinen Vater im Streit erschlagen, es war ein Unfall. König Laios ist in dieser Fassung ein großer Unsympath, der Kinder und junge Mädchen vergewaltigt hat. Seine Untaten erinnern an Jeffrey Epstein. Auch Iokaste wurde von Laios geschändet, kein Wunder, dass sie froh über seinen Tod war. Und Ödipus hat nicht, wie bei Sophokles, Iokaste als Trophäe bekommen, nachdem er das Rätsel der Sphinx gelöst hat. Er hat sich bei der ersten Begegnung mit ihr sofort in sie verliebt.
Seiner munteren Familie ist dieser Ödipus zugewandt und verständnisvoll. Als sein Sohn Polyneikes (Dominikus Weileder) sein Schwulsein offenbart, freut sich Ödipus für und mit ihm. Eine Paraderolle hat auch Rita Russek als seine -vermeintliche – Mutter Merope. Sie will ihm seine Herkunft erklären, aber dafür ist die Zeit noch nicht gekommen, deshalb wimmelt er sie immer wieder freundlich ab.
Während alle gespannt auf das Wahlergebnis warten, wird das Mobiliar Stück für Stück herausgetragen und die Mitarbeiterschaft verabschiedet sich. Okay, nicht ganz logisch, wenn noch eine Siegesfeier stattfinden würde, ist nichts mehr da. Aber die Botschaft ist klar, alle Gewissheiten werden nach und nach demontiert.
Es ist ein großes Zuschauerglück und hoch spannend diesen beiden herausragenden Darstellern, Barbara Horvath als Iokaste und Felix von Manteuffel als Ödipus zuzusehen, wie sie Stück für Stück ihres Lebens verlieren. Als sie vor den Trümmern stehen, sind sie andere Menschen geworden. Das schreckliche Ende ist bekannt. Eine herausragende Schauspielerleistung und eine gelungene Umsetzung in die Gegenwart.
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Ödipus von Robert Icke - am Residenztheater München | Foto (C) Birgut Hupfeld
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Isabella Schmid – 26. April 2026 ID 15818
ÖDIPUS (Residenztheater München, 24.04.2026)
von Robert Icke nach Sophokles aus dem Englischen von Christina Schlögl
Inszenierung: Robert Icke
Bühne: Hildegard Bechtler
Kostüme: Wojciech Dziedzic
Sounddesign: Tom Gibbons
Lichtdesign: Natasha Chivers
Videodesign: Tal Yarden
Dramaturgie: Lea Maria Unterseer
Besetzung:
Ödipus ... Florian von Manteuffel
lokaste ... Barbara Horvath Kreon ... Robert Dölle Merope ... Rita Russek Corin ... Michael Goldberg Lichas ... Daria Welsch Antigone ... Linda Blümchen Teiresias ... Steffen Höld Polyneikes ... Dominikus Weileder Eteokles ... Volodymyr Melnykov Fahrer ... Thomas Reisinger
Premiere war am 24.April 2026.
Weitere Termine: 26., 29.04./ 06., 08., 12., 18.05./ 18., 27., 28.06.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de/
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