Atemberaubend
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Grafik: Rita Brandneulinger
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Bewertung:
Noch bis zum 11. Oktober ist NESTERVALS ELDORADO - ein immersives Total-Theater, das die Wiener Volkstheatergruppe Nesterval als "ortsspezifische Arbeit für die Sophiensæle" in einem (auch für die Sophiensæle) schier unvorstellbaren Produktionsaufwand stemmte - zu begehen, zu beschauen, zu erhören, zu erleben.
Das ganze Haus ist quasi auf den Kopf gestellt: Über alle drei Stockwerke hinweg gibt es kleine ud größere "Binnen-Sets", die durch schwarze Vorhänge voneinander abgegrenzt sind, und zwischen diesen Aktionsflächen, in denen dann einzelne "Binnen-Stücke" stattfinden, verläuft ein Labyrinth an Gängen, in dem man sich (falls ungelenkt) verlaufen könnte.
Weit über drei pausenlose Stunden lang geht es um...
..."die queere Geschichte der Stadt vor und während des Terrors des Nationalsozialismus – insbesondere im Berliner Scheunenviertel rund um die Sophiensæle. Inspiriert von den Biografien schwuler, lesbischer, bisexueller und trans* Menschen, die während der NS-Diktatur systematisch verfolgt und ermordet wurden, werden Fiktion und Wirklichkeit gekonnt zu einer berührenden Erzählung verwoben, in der das Publikum zu den Gedanken der Protagonist*innen wird.
[...]
Unsere Geschichte über acht namenlose Charaktere, die nur mit einem einzelnen Buchstaben benannt werden, beginnt 1934, kurz nach der Ermordung von Ernst Röhm, Führer der Sturmabteilung (SA). Namenlos sind sie, weil kein einziger Charakter ausschließlich auf einem Schicksal einer realen homosexuellen Person in der Zeit des Nationalsozialismus basiert, sondern für zahlreiche Biographien steht. Im Verlauf des Stückes verschwinden die Namenlosen nach und nach, sei es durch Abreise oder Tod.
Und es gibt die Anderen, elf ebenso auf den Geschehnissen jener Zeit basierenden Figuren, mit denen die Namenlosen in unterschiedlichster Weise mehr oder minder freiwillig oder familiär verbunden sind.
[...]
Zentrum des Stücks ist die Kantine der Druckerei der Porzellanfabrik Nesterval in den Sophien Sälen im Berliner Scheunenviertel. Während die Belegschaft hier tagsüber zum Mittagstisch zusammentrifft, erwacht dieser Ort nachts zu einem ganz anderen Leben. Hier finden sich die Namenlosen zu geheimen konspirativen Treffen ein – oder auch zu beschwingten Tanzabenden."
(Quelle: nesterval.at)
Und genau auf diese (in realo nicht existiert habende) Kantine der Porzellanfabrik Nesterval fokussiert sich der (in den jeweiligen "Binnen-Stücken" behandelte) Unterdrückungs- und Verfolgungsapparat der Nazis, und dort beginnen ihre durch Denunziation und erpresstem Verrat durch "einfache Mitbürger" zunehmend forcierteren Verhöre, Verhaftungen, Verschleppungen queerer Menschen bishin zu ihrer Vernichtung.
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Zunächst gab es ein Eröffnungsbild [s. Foto unterhalb] mit allen 8 Namenlosen und 11 Anderen, und das Publikum wurde aufgefordert jeweils einem "Charakter" dieser insgesamt 19 Akteurinnen und Akteure einzeln zu folgen und sich (infolgedessen) auf dessen Gedanken, die derjenige im jeweiligen "Binnen-Stück" veräußert, einzulassen.
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Eröffnungsbild zu NESTERVALS ELDORADO Foto (C) Alexandra Thompson für Nesterval 2026; Bildquelle: nesterval.at
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Das bedeutete, dass ich mich spontan und schnell entscheiden musste, wem ich hinterher ging, und ich wählte (mehr durch Zufall, versteht sich) den smarten Gestaop-Sturmbandführer Dietrich Wagner (gespielt von Chris Pfannebecker); dessen "Binnen-Stück" begann in dem von ihm gemieteten Zimmer der Pension von Anna Binder (gespielt von Rita Brandneulinger) und setzte sich dann, von "Binnen-Set" zu "Binnen-Set" hin und her geratend, in oder ohne Korrespondenz mit den weiteren Namenlosen bzw. Anderen fort, d.h. ich konnte lediglich aus seiner Perspektive das Gesamtgeschehen nach und nach verfolgen und mir letzten Endes eine Art von Überblick verschaffen, wem und warum der Nazi-Scherge das Leben zur Hölle machte.
Ein gelegentliches Ausbrechen aus der Gruppe war freilich jederzeit möglich; das machte ich dann auch und geriet so in die "Binnen-Sets" und "Binnen-Stücke" eines oder mehrerer weiterer "Charakter" usf.
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Rita Brandleulinger (als Vermieterin Anna Binder) und Chris Pfannebecker (als Gestapo-Sturmbandführer Wagner) in NESTERVALS ELDORADO Foto (C) Alexandra Thompson für Nesterval 2026; Bildquelle: nesterval.at
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Als besonders berührend empfand ich die aufsteigenden Lebenslinien vom namenlosen S. (gespielt von Mio Wendelin Riedl), der der Neffe der ihn bemutternden Porzellanfabrikstochter Martha Nesterval (gespielt von Aston Matters) war und vom Nazi-Pimpf zum Widerständler zu mutieren schien - auch musste er versuchen den homosexuellen Nachstellungen des Nazi-Schergen Wagner, der sich immerhin selbst als Schwulenhasser und -verfolger begriff, zu entgehen, obgleich auch er (Der S.) inzwischen längst so eine Art von schwulem Coming out in sich verspürte.
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Mio Wendelin Riedl (als Der S.) in NESTERVALS ELDORADO Foto (C) Alexandra Thompson für Nesterval 2026; Bildquelle: nesterval.at
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Zum Schluss wurden ich und all die anderen aus dem Publikum von Pfarrer Harald Poelchau (gespielt von Peter Kraus) zu einem aus Grabkreuzen bestehenden Friedhof gelenkt, auf dem die Seelen einiger der Namenlosen sozusagen wiederzuerkennen waren; und ganz vorn spielte sich währenddem ein Video auf, das zig historisch ermittelte Opfer aus der queeren Community der damaligen Zeit auflistete, die meisten von ihnen wurden in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet.
Harter Tobak.
Ja, es verschlug mir gestern Abend zur Premiere fast den Atem.
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Andre Sokolowski - 25. September 2026 ID 16058
NESTERVALS ELDORADO (Sophiensaele, 24.09.2026)
Künstlerische Leitung und Regie: Martin Finnland
Buch: Teresa Löfberg
Co-Autor*innen: Gisa Fellerer, Martin Finnland und Lorenz Tröbinger
Dramaturgie und kaufmännische Leitung: Tove Grün
Technische Leitung: Lukas (Lupo) Saller und Johannes Felber
Produktion Wien: Chiara Seide
Produktion Berlin: Gioia Morgan
Szenografie: Andrea Konrad
Set-Bau: Sophiensæle
Kostümbild: Sophie Eidenberger basierend auf Dritan Kosovrasti
Choreografie: Jerôme Knols basierend auf Marcelo Doño
Technische Dramaturgie: Lorenz Tröbinger
Komposition: Julian Muldoon
Songtexte: Sarah Muldoon
Musikkuration, Video: Alkis Vlassakakis
Sounddesign: Lorenz Tröbinger und Alkis Vlassakakis
Besetzung:
Die Namenlosen
Der C. ... Christopher Wurmdobler
Der F. ... Martin Finnland
Die G. ... Gisa Fellerer
Die K. ... Géraldine Schabraque
Der P. ... Stefan Pauser
Der S. ... Mio Wendelin Riedl
Die R. ... Romy Hrubeš
Der W. ... Willy Mutzenpachner
Claire Waldoff ... Felizitas Navidad
Die Anderen
Anna Binder ... Rita Brandneulinger
Arthur Nesterval ... Knut Berger
Dietrich Wagner ... Chris Pfannebecker
Eduard Glück ... Marcel Jacqueline Gisdol
Martin Mayerhof ... Martin Walkner
Hedwig Glück ... Laura Athanasiadis
Martha Nesterval ... Aston Matters
Paul Lopek ... Lorenz Tröbinger
Pfarrer Harald Poelchau ... Peter Kraus
Traudl Jungmann ... Sabrina Strehl
Viktor Eckardt ... Alkis Vlassakakis
Inspizienz
Fräulein Emma ... Gioia Morgan
Fräulein Evi ... Sophie Eidenberger
Fräulein Else ... Tove Grün
Premiere war am 24. September 2026.
Weitere Termine: 01.-04., 08.-11.10.2026
Eine Produktion von Nesterval in Koproduktion mit Sophiensæle. Basierend auf der Koproduktion mit brut Wien
Hintergründe zu NESTERVALS ELDORADO
https://www.andre-sokolowski.de
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