Vor Gott und
Menschen
angenehm
|
Gottfried Breitfuß als Nathan der Weise - an den Schauspielbühnen in Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund
|
Bewertung:
Dass sich von den deutschen Dramen der Aufklärung, des Sturm und Drang und der Klassik Nathan der Weise einen Ehrenplatz auf den Spielplänen bewahren konnte, hat nicht unbedingt erfreuliche Gründe. Offenbar teilen viele Intendanten und Dramaturgen die Überzeugung, dass Lessings Plädoyer für Toleranz zweieinhalb Jahrhunderte nach seiner Veröffentlichung an Bedeutung eher gewonnen als verloren hat. Die Schönheit der Sprache, das Raffinement des Aufbaus dieses Dramatischen Gedichts allein können seinen anhaltenden Erfolg nicht begründen. Sie würden nicht erklären, warum Nathan der Weise mehr als doppelt so oft inszeniert wird wie Kleists Prinz Friedrich von Homburg. Die Analogien freilich sind nicht sehr tragfähig. Mit den politischen Wortführern Israels und Palästinas haben Nathan und Saladin herzlich wenig gemeinsam, und ohnedies spielt der Gegensatz der Religionen heute eher eine Nebenrolle.
Die Schullektüre hat daran festgehalten, dass Lessings Pointe allen Figuren und ihren Religionen Gerechtigkeit widerfahren lässt. Seit den bahnbrechenden Inszenierungen von Friedo Solter und Claus Peymann müssen sich die Regisseure mit der Tatsache herumschlagen, dass das Happy End nur um den Preis möglich ist, dass Recha (wie die weniger unbeschwerte Rachel in Halévys Oper La Juive) Christin und nicht Jüdin ist und dass Nathan aus dem Kreis der glücklich Vereinten ausgeschlossen wird. Lessings letzte Worte sind eine Regieanweisung:
„(Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.)“
Für die Titelfigur gilt sie nicht. Jedenfalls nicht nach Auschwitz. In Bertolt Brechts Kaukasischem Kreidekreis heißt es am Schluss in Übereinstimmung mit dem Dorfschreiber Azdak:
„Ihr aber, ihr Zuhörer der Geschichte vom Kreidekreis nehmt zur Kenntnis die Meinung der Alten: Dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind also die Kinder den Mütterlichen, damit sie gedeihen, die Wagen den guten Fahrern, damit gut gefahren wird, und das Tal den Bewässerern, damit es Frucht bringt.“
So weise war Lessing und sein Nathan noch nicht. Und viele, so ist zu fürchten, die von Blutbindungen faseln, sind es heute noch nicht.
*
Mit Gottfried Breitfuß konnte das Alte Schauspielhaus einen idealen Darsteller für die Titelrolle gewinnen. Den Stuttgartern ist er kein Unbekannter. Zwölf Jahre gehörte er zum Ensemble des Staatstheaters. Ein Dauerbrenner wurde seine und Ernst Konareks Version von Josef Haders und Alfred Dorfers Indien. 2005 ging er an das Schauspielhaus Zürich, das er im vergangenen Jahr verlassen hat. Sein komisches Talent kommt einer Figur entgegen, die man von der historisch verständlichen sentimentalen Aufladung der Nachkriegszeit – man denkt an Ernst Deutsch – befreien musste. Bei Lessing ist die Apposition „der Weise“ ja durchaus zweideutig. Sie bezeichnet einen Menschen, der lebenserfahren ist, aber auch schlau. Nathan selbst, ein skeptischer Rationalist eher als ein eitler Mystiker, sieht die Eigenschaft, die ihm das Volk zuschreibt, nüchtern:
„Und wenn es ihn
Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise
Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der,
Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?“
Nathan sagt, als er von der Rettung Rechas erfährt:
„Begreifst du aber,
Wieviel andächtig schwärmen leichter, als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch
Andächtig schwärmt, um nur, — ist er zu Zeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst —
Um nur gut handeln nicht zu dürfen?"
Das ist Aufklärung, Vernunftglaube in reinster Form und zugleich Esprit. Lessings Nathan hat mit Agnostizismus mehr zu tun als mit Chassidismus. Einer katholischen Lesart freilich, der Wunder vertraut sind (was ist ein Tempelherr in Engelsgestalt gegen die Auferweckung von Toten?) und die beim Anblick von siebenarmigen Leuchtern zerfließt, kommt er nicht entgegen. Der Nathan des Gottfried Breitfuß ist ein Verwandter von Moses Mendelssohn, von Sigmund Freud und Professor Bernhardi, nicht von Joseph Roths Hiob. Er nimmt den Tempelherrn beim Wort, der über Nathan sagt:
„Besonders, da man sagt, er habe
Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als
Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,
Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger
Gelehrt, als der Vernunft genügt.“
Nathan trägt in Stuttgart, anders als auf dem Titelblatt des Programmhefts, einen Alltagsanzug. Nathan zum Tempelherrn:
„Sind Christ und Jude eher Christ und Jude
Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Mensch
Zu heißen!“
Der Patriarch hingegen trägt eine überdimensionale Krone. Breitfuss und die Regie verzichten bei Nathan auf die (antisemitischen) Klischees wie Plattfüße oder „Reden mit die Händ“. Das überlassen sie der Christin Daja.
Die langen Repliken verleihen der Stimmfarbe eine besondere Bedeutung. Bei Gottfried Breitfuß hat sie einen ganz anderen Charakter als etwa das melodiöse Pathos eines Ernst Deutsch oder der gutturale Tonfall eines Traugott Buhre. Die Herkunft aus dem Salzburgischen ist bei Breitfuß nicht zu überhören.
Ist Nathan gütig und weise, so ist der Patriarch eine der zugleich komischsten und schrecklichsten Figuren der deutschen Dramatik. Sein „Tut nichts! der Jude wird verbrannt“ wurde, was Lessing noch nicht wissen konnte, zum Leitmotiv der deutschen Geschichte. Vom Großinquisitor in Don Karlos unterscheidet den Widersacher Nathans, dass jener ganz ungefiltert grausam ist. So oder so: weder Schiller noch Lessing spricht sich für Toleranz gegenüber den Intoleranten aus. Daraus kann man lernen.
Ein Vergleich zwischen Nathan der Weise und der gegenwärtigen Situation im Nahen Osten drängt sich auf. Das Stichwort zur Rechtfertigung eigenen Unrechts lautet heute „Terror“: Der Terror der Hamas, der israelische Terror im Gazastreifen, der Terror christlicher Milizen im Libanon. Bei Lessing kommt das Wort Terror nicht vor. Aber im Hintergrund spielt er eine Rolle. Nathan erzählt dem Klosterbruder:
„Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage
Zuvor, in Gath die Christen alle Juden
Mit Weib und Kind ermordet hatten; wisst
Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau
Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich
Befunden, die in meines Bruders Hause,
Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt
Verbrennen müssen.“
Und der Patriarch will den Juden ohne Wenn und Aber verbrennen lassen:
„Wie? die große Pflicht,
Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?“
Dennoch: verglichen mit dem Jerusalem von 2026 leben Lessings Protagonisten geradezu idyllisch nebeneinander. Einen Nathan mit dem Gesicht Netanjahus oder gar mit dem seiner orthodoxen Koalitionspartner kann man sich nicht vorstellen. Mitte August wurde bekannt, dass der israelische Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir deutlich mehr Gewalt im Gazastreifen gefordert hatte. Man solle jede Nacht mehrere Dutzend Palästinenser in Gaza töten. Das erfüllt den Tatbestand des Aufrufs zum Massenmord, daran ist nicht zu rütteln.
„Es gibt dort Menschen, die des Lebens nicht würdig sind. Sie sollten nicht leben. Sie sind nicht einmal Menschen.“
So redet kein Nathan. Darauf wollen wir bestehen. Da spricht das hässliche Antlitz des Antisemitismus hinter der Maske eines Juden.
Und Nathans Ende in der eher konventionellen Inszenierung des Alten Schauspielhauses? Die Schullektüre wird in Erinnerung gerufen durch den Anfang der Ringparabel, die ertönt, noch ehe ein Schauspieler die Bühne betreten hat. Und Nathan bleibt am Schluss nicht außen vor, sondern verneigt sich, Hand in Hand, inmitten des Ensembles. Alles in Butter. Der Preis der Weisheit. Augen zu und durch.
|
Nathan der Weise - an den Schauspielbühnen in Stuttgart | Foto (C) Martin Sigmund
|
Thomas Rothschild - 31. Oktober 2026 ID 16123
NATHAN DER WEISE (Altes Schauspielhaus, 30.10.2026)
Regie: Catja Baumann
Bühne und Kostüme: Gwendolyn Bahr
Musik: Adrian Sieber
Dramaturgie: Susanne Schmitt
Besetzung:
Nathan ... Gottfried Breitfuß
Recha ... Hannah Sophie Schad
Daja ... Stefanie Klimkait
Tempelherr ... Tillmann Depping
Saladin ... Marc-Philipp Kochendörfer
Sittah ... Selda Falke
Al-Hafi, ein Derwisch/ Der Patriarch/ Ein Klosterbruder ... Marius Hubel
Premiere an den Schauspielbühnen in Stuttgart: 30. Oktober 2026
Weitere Termine: 31.10./ 04.-07., 10.-15., 17.-21., 24.-28., 30.11./ 01.-05.12.2026
Weitere Infos siehe auch: https://schauspielbuehnen.de
Post an Dr. Thomas Rothschild
Freie Szene
Neue Stücke
Premieren (an Staats- und Stadttheatern)
ROTHSCHILDS KOLUMNEN
Hat Ihnen der Beitrag gefallen?
Unterstützen auch Sie KULTURA-EXTRA!
Vielen Dank.
|
|
|
Anzeige:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
BALLETT | PERFORMANCE | TANZTHEATER
CASTORFOPERN
FREIE SZENE
INTERVIEWS
PERSONEN
PREMIEREN- KRITIKEN
ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski
RUHRTRIENNALE
SALZBURGER FESTSPIELE
URAUFFÜHRUNGEN
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|