Ein rätselhaftes
Werk der Welt-
literatur
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Thomas Schmauser in Meister und Margarita - an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Armin Smailovic
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Bewertung:
Das erste Bild ist schon mal gewaltig: Pontius Pilatus (souverän: Edmund Telgenkämper) thront auf einem Stuhl, der auf einem riesigen Sockel steht, eingehüllt in eine weiße Toga mit blutrotem Schal, umhüllt von Nebelschwaden. Der römische Stadthalter muss über Jeschua, wie Jesus hier mit hebräischen Namen genannt wird, richten. Der großartige Schauspieler Erwin Aljukic wird an einer Kette heruntergelassen. Man leidet mit ihm mit, als er sich als selbstloser, menschenfreundlicher Mensch vor Pilatus verteidigen muss. Pilatus hält ihn zunächst weder für wichtig noch für gefährlich, viele Wanderprediger waren in dieser Zeit unterwegs. Er überlegt ihn freizulassen. Aber der freundliche Jeschua macht eine Aussage, die wider die Staatsgewalt gewertet wird:
„Unter anderem sage ich, dass jede Staatsgewalt eben eine Gewalt ist, dass jede Form der Macht auch Gewalt gegen Menschen ist, und dass die Zeit kommen wird, in der weder Cäsaren noch sonst irgendwer befiehlt. Der Mensch wird eintreten ins Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit, wo es keiner Gewalt mehr bedarf.“
Diese Haltung war nicht nur zu Zeiten Jesu Christi gefährlich, sondern auch in der Stalin-Zeit, in der der Autor Michail Bulgakow (1891-1940) den Roman Meister und Margarita geschrieben hat. Zwölf Jahre hat er an seinem Werk gearbeitet, aber es wurde zu seinen Lebzeiten nie veröffentlicht. Bulgakow durfte ab Ende der Zwanzigerjahre nicht mehr publizieren. Erst in den 60ern konnte in der Sowjetunion der Roman - stark zensiert - veröffentlicht werden. Gleich ein riesiger Erfolg. Die zensierten Teile wurden, heimlich kopiert, weitergegeben. Die Pilatus-Szene erzielte eine große Wirkung bei den Lesern. Religion, das Christentum, waren unter Stalin verpönt. Hier wurde die Bedeutung des Glaubens ausgesprochen. Dazu kam die Kritik an der Diktatur und ihrer Gewaltausübung. In den 1990er Jahren erlangte das nunmehr unzensierte Werk millionenfache Auflagen und bekam unter russischen Jugendlichen Kultstatus. Der Meister im Roman wird mit Bulgakow gleichgesetzt.
Die Pilatus-Szene ist das Spiel im Spiel. Und damit Auftritt von Martin Weigel als Intendanten. Er unterbricht die Theaterprobe und weist den Autor zurecht: „Die Frage der Veröffentlichung hat sich jedenfalls erübrigt. Sie werden nicht gespielt.“
Und der Meister (intensiv, leidenschaftlich, verzweifelt gespielt von Thomas Schmauser [s. Foto o.re.]) kann nur antworten:
„Der Kampf gegen die Zensur, wie sie auch sei, unter welcher macht sie auch existiert, ist meine Pflicht. Ich bin ein glühender Anhänger der Freiheit und ich meine, dass ein Schriftsteller, der auf die Idee käme, beweisen zu wollen, dass er sie nicht brauche, einem Fisch gliche, der öffentlich versichert, kein Wasser zu brauchen.“
Wiebke Puls als Teufel läutet den nächsten Erzählstrang ein, der die Klammer der ausufernden Geschichte ist. Der Teufel, der sich Professor Woland nennt, sucht mit seinen Gefährten, einer davon ein riesiger schwarzer Kater (Elias Krische), die Moskauer Gesellschaft heim. Im Nadelstreifen Anzug und mit langen zurückgegelten Haaren, spielt ihn Wiebke Puls lächelnd, lauernd, zynisch, siegesgewiss. Man freut sich ihr zuzuschauen, genauso wie den beiden Videoeinspielungen. Vor allem als Linda Pöppel [s. Foto unten] als Margarita sich „unsichtbar“ cremt und nackt, voller Spielfreude, durch die Münchner Maximiliansstraße rennt.
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Linda Pöppel in Meister und Margarita - an den Münchner Kammerspielen | Foto (C) Armin Smailovic
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Doch wohin führt das alles? Auch beim Publikum gibt es in der knapp vierstündigen Aufführung Ermüdungserscheinungen. Kein Wunder, wer seinen Bulgakow nicht draufhat, kommt ins Rätseln. Auch in Russland umgeben den Roman heute noch zahlreiche Mythen und Geheimnisse. Immer wieder kursieren neue Geschichten über die geheimnisvollen „Codes“ die der Roman enthalten soll.
Regisseurin Jette Steckel, die mit ihren zwei großartigen Inszenierungen Die Vaterlosen und Mephisto bereits an den Kammerspielen Furore machte, hat hier zwar auch Originalzitate Bulgakows eingebaut, aber etwas mehr Anbindung an die schreckliche Zeit der Diktatur Stalins hätten mehr Licht ins Dunkel bringen können. Apropos Licht (Maximilian Kraußmüller), das war großartig - genauso wie die Bühne (Florian Lösche); dünne Metallvorhänge strukturieren dort die Szenerie, viel mehr braucht es nicht um große Wirkung zu erzielen.
Etwas zweischneidig war die Wirkung der Hypnoseszene. Erstmal durfte jeder mitmachen, und die meisten Zuschauer hielten begeistert ihre Arme vor sich, spürten einem Widerstand nach, sie zu schließen und waren auch sonst bei der Sache. Ein Spaß, bei dem man aufstehen und sich ein bisschen bewegen konnte. Dann wurde ein „Freiwilliger“ aus dem Publikum geholt. Wiebke Puls als Teufel und Magier machte ihre Sache gut, schließlich hat sich das Team von einem geschäftsmäßigen Zauberer und Hypnotiseur beraten lassen. Dann wurde es etwas befremdlich. Man konnte nur hoffen, dass der „Freiwillige“ doch ein Schauspieler war, sonst hätte man einem „Menschenexperiment“ zugesehen. Ein Mensch, der den eigenen Namen durch die Hypnose vergisst? Gruselig und hoffentlich nicht wahr.
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Das Stück zu straffen hätte ihm gutgetan, aber den großartigen Schauspielern sieht man gerne zu. Die Rätsel, die diesen Roman umgeben, haben sich bis heute nicht alle lösen lassen, faszinierend ist der Stoff noch immer. Als im Jahr 2024 die Filmadaption ins Kino kam, erhielt er zwar hierzulande nicht so viel Aufmerksamkeit, in Russland wurde er zum umsatzstärksten Film, den es dort je gegeben hat.
Wie Diktatur und die damit verbundene Zensur Künstlern heute zu schaffen macht, zeigten die Kammerspiele noch mit einer Einblendung: zahlreiche verfolgte Schriftsteller, Journalisten, Künstler erschienen mit Foto und Namen.
Michail Bulgakows eigene Ausreiseanträge wurden übrigens alle abgelehnt. Der, der sich für die Freiheit der Kunst eingesetzt hatte, war niemals frei.
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Isabella Schmid – 8. März 2026 ID 15745
MEISTER UND MARGARITA (Münchner Kammerspiele, 06.03.2026)
nach dem Roman von Michail Bulgakow
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Videodesign: Zaza Rusadze
Choreografie: Dustin Klein
Lichtdesign: Maximilian Kraußmüller
Dramaturgie & Fassung: Emilia Heinrich
Fassung: Jette Steckel
Dramaturgie: Julia Lochte
Mit: Erwin Aljukić, Elias Krischke, Christian Löber, Linda Pöppel, Wiebke Puls, Thomas Schmauser, Edmund Telgenkämper und Martin Weigel
Premiere war am 6. März 2026.
Weitere Termine: 12., 22.03./ 04., 09., 13., 18.04.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.muenchner-kammerspiele.de
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