Zoff in der
Revoluzzer-WG
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Marat/Sade von Peter Weiss am Residenztheater München | Foto (C) Sandra Then
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Bewertung:
Die Badewanne steht bereit und Jean Paul Marat liegt schon darin. Das übrige Ambiente zeigt aber nicht die „Irrenanstalt“, in die der Autor Peter Weiss (1916-1982) die Handlung verlegt hat. Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade so der offizielle Titel des 1964 erschienenen Stücks, das sofort Furore machte.
In der Inszenierung des Residenztheaters (Regie: Claudia Bossard) gibt es dankenswerterweise keine „Verrückten“, die schreiend und lachend herumtorkeln. Das Personal wurde auf fünf Schauspieler und eine Schauspielerin reduziert. Sie leben in einer zugemüllten Revoluzzer – WG: Matratzen auf dem Boden, an einer metallenen Laufschiene graue Vorhänge, eine schäbige Küchenzeile, ein schmutziges Sofa, Wasserkanister, Gerümpel und Abfälle. Es hat etwas Endzeitliches (Bühne: Romy Springsguth). Jeder der Bewohner verfolgt seine eigenen Ziele.
Nach der französischen Revolution von 1789 stehen sich Anfang der 90er Jahre gemäßigte Girondisten und Jakobiner gegenüber. Jean Paul Marat war einer der prominentesten Vertreter der Letztgenannten. Die Revolution wurde zu einem Blutrausch. Tausende stürmten die Gefängnisse, um angebliche Revolutionsverräter zu ermorden. Aufgehetzt auch durch Marat, der schrieb:
„Der klügste und beste Weg ist, [...] die Verräter herauszuschleppen und sie niederzumachen. Was für ein Unsinn, ihnen den Prozess zu machen.“
Marat kommt bei Peter Weiss gut weg in der Debatte, und auch in dieser Inszenierung steht sein Kampf für die Unterdrückten im Vordergrund, versetzt mit einer gewissen Paranoia:
„Es gibt für uns nur ein Niederreißen bis zum Grunde, so schrecklich dies auch denen erscheint, die in ihrer satten Zufriedenheit sitzen und sich in den Schutzmantel ihrer Moral hüllen. Hört nur, hört durch die Wände wie sie flüstern und intrigieren. Seht sie überall lauern und auf ihre Chance warten.“
Lukas Rüppel spielt Marat leidenschaftlich, triumphierend, verzweifelt, aber nie würdelos.
An seiner Seite seine Gefährtin Simonne, die von Nicola Mastroberardino wunderbar gespielt wird, in löchrigen Strümpfen, klobigen Stiefeln, Bomberjacke, Ketten, Ohringen und einem Diadem auf den Löckchen. Anrührend beschützend, wie sie ihrem an einer Hautkrankheit leidendem Marat den Rücken schruppt. (Kostüme: Andy Besuch)
Sein Gegenspieler, der Marquis de Sade. Eigentlich ist es ein Stück im Stück, doch das ist hier gar nicht so wichtig, schließlich konzentriert sich alles auf die sechs Figuren, denen man beim Ringen um die Wahrheit zusehen kann. Der Marquis ist der Spielleiter, aber vielmehr der alles in Frage Stellende. Die Freiheit des Individuums geht ihm vor, von der Revolution hat er sich schon verabschiedet:
„Ich pfeife auf alle guten Absichten, die sich nur in Sackgassen verlieren. Ich pfeife auf alle Opfer, die für irgendeine Sache gebracht werden. Ich glaube nur an mich.“
Obwohl Steven Scharf als Marquis, gekleidet in einen blauen Trainingsanzug, nicht schreiend und kämpfend auf der Bühne steht, geht von ihm eine Magie aus. Er ist eingeschlossen mit den anderen, macht sich aber nie mit ihnen gemein. Mit dem Kampf für eine Sache, sei sie gut oder schlecht, kann er nichts anfangen:
„Um zu bestimmen was falsch ist und was recht ist, müssen wir uns kennen. Ich kenne mich nicht. Wenn ich glaube etwas gefunden zu haben, so bezweifle ichs schon und muss es wieder zerstören.“
Der historisch verbürgte Marquis wurde vor allem durch seine gewaltpornografischen Schriften bekannt, die meisten schrieb er in jahrzehntelangen Aufenthalten in Gefängnissen und Psychiatrien. Tatsächlich galt seine Liebe dem Theater, was für ein Triumph wäre es für ihn gewesen, in einer Theaterfigur zu aufzuscheinen.
Aber schließlich geht es ja um die Ermordung von Jean Paul Marat, und zwar durch die Hand einer Frau. Warum Charlotte Corday als somnambule, depressive Frau dargestellt wurde, ist schon bei Peter Weiss nicht ganz klar. Schließlich war sie eine sehr entschlossene Frau, die aus der Normandie anreiste, um Marat zu ermorden. Enttäuscht von der grausamen Entwicklung der Revolution, fasste sie den Plan, den Mann zu töten, den sie für schuldig an der Terrorherrschaft hielt:
„Beide wollten wir die Freiheit erreichen, doch für dich gings zur Freiheit über einen Berg von Leichen.“
Marat war tot, doch das Töten ging weiter. Zum Schluss fielen auch viele der Terrorherrschaft zum Opfer, die sie initiiert hatten.
Und was lernen wir aus alledem? Auch de Sade hat keine endgültige Antwort:
„So sehn sie mich in der gegenwärtigen Lage immer noch vor einer offenen Frage.“
Heftiger Applaus für die großartigen Darstellenden und angeregte Diskussionen beim Verlassen des Theaters, was will man mehr?
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Marat/Sade von Peter Weiss am Residenztheater München | Foto (C) Sandra Then
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Isabella Schmid – 23. März 2026 ID 15761
MARAT/SADE (Marstall, 21.03.2026)
Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade
von Peter Weiss
Inszenierung: Claudia Bossard
Bühne: Romy Springsguth
Kostüme: Andy Besuch
Musik: Alexander Yannilos
Licht: Verena Mayr
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer
Besetzung:
Marquis de Sade ... Steven Scharf
Jean Paul Marat ... Lukas Rüppel
Charlotte Corday ... Liliane Amuat
Duperret ... Vincent zur Linden
Jacques Roux ... Florian Jahr
Ausrufer/ Simonne Evrard ... Nicola Mastroberardino
Premiere am Residenztheater München: 21. März 2026
Weitere Termine: 23.03./ 04., 24.04./ 07., 08., 28.05.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de
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