Lämmchen,
Pinneberg und
all die anderen
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Kleiner Mann - was nun? am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein
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Bewertung:
In jüngster Zeit haben Adaptionen des Romans Kleiner Mann - was nun? von Hans Fallada neben Erich Kästners Fabian oder Der Gang vor die Hunde auf deutschen Bühnen Konjunktur. Offenbar haben die Dramaturgen die Parallelen zu unserer Gegenwart in diesen Romanen aus den Jahren unmittelbar vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten entdeckt. 2021 hat Jette Büshel, 49 Jahre nach der legendären figurenreichen Revue von Tankred Dorst und Peter Zadek, eine Zweipersonenfassung von Kleiner Mann - was nun? erstellt, die seither landauf, landab aufgeführt wird. Auch in Stuttgart war eine Version für zwei Darsteller unter ihrem Namen angekündigt. Der verschwand dann plötzlich aus den Spielplänen und wurde durch den Namen des Regisseurs Zino Wey ersetzt, der nach drei Stuttgarter Inszenierungen in größeren Abständen auch für Bühne und Video verantwortlich zeichnet. Ob das Team mit Büshels Version unzufrieden war, ob sie ihrerseits Eingriffe abgelehnt hat – wir können nur spekulieren.
Das Duo, das sämtliche Rollen spielt, sind Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller, seit 1993, als sie mit Friedrich Schirmer aus Freiburg angereist kamen, Mitglieder des Stuttgarter Ensembles, im bürgerlichen Leben ein Paar und die treuesten Besucher von Premieren am Ort. Mit dieser Inszenierung feiern sie ihren Abschied in den Ruhestand. Ein schönes, standesgemäßes Lebewohl zweier Schauspieler, an die wir uns gewöhnt haben und die wir vermissen werden wie so viele „Nebendarsteller“, ohne die das Theater so blutleer wäre wie Lucy Westenra nach einem Festmahl von Dracula.
Falladas Roman erstreckt sich über die Jahre 1930-1932. Sein „Lämmchen“ ist zu Beginn 22 Jahre alt. In der Stuttgarter Bühnenfassung ist es weißhaarig und deutlich älter. Schon die unwillkommene Schwangerschaft gleich am Anfang des Romans passt nicht in diese geänderte Ausgangslage, und das zentrale Motiv der Arbeitslosigkeit erhält ein anderes Gewicht. Das Alter ist, wie in Horváths Glaube Liebe Hoffnung oder in Friedrich Wolfs Cyankali, keine arbiträre Zugabe. Nun kann man argumentieren, dass das Alter von Bühnenfiguren ebenso wenig mit dem ihrer Darsteller übereinstimmen muss wie die Augenfarbe oder das Geschlecht. Aber man muss sich der Implikationen bewusst sein. Wer gegen einen weißen Othello Widerspruch einlegt, kann sich mit siebzigjährigen Pinnebergs nicht abfinden. Was Zino Wey im Programmheft dazu zu sagen hat, bestärkt einmal mehr den Wunsch, dass sich Regisseure auf die Bühne konzentrieren mögen anstatt einen ziemlich verwaschenen Überbau zu liefern. Die Fotos von der Inszenierung lassen jedenfalls eher an Peter Turrinis Josef und Maria denken als an Kleiner Mann – was nun?, obwohl es stimmt, dass Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller „das Jugendliche nie verloren haben“.
Fallada macht es Bühnenbearbeitern insofern leicht, als sein Roman vor, noch dazu meist alltagssprachlichen, Dialogen nur so strotzt. Aber Zino Wey verzichtet nicht darauf, auch Erzähltext von den beiden Darstellern oder über Boxen sprechen zu lassen. Das ist nicht mehr ungewöhnlich und bewegt sich im Raum zwischen epischem Theater und der Lesung epischer Texte. Der Reiz liegt im raschen Übergang von der Autorenrede zur Figurenrede, vom Erzähler zur Rolle und zurück. Unter den zeitgenössischen Dramatikern ist es Roland Schimmelpfennig, der diese Technik, ganz ohne epische Vorlage, in seinen Bühnentexten verwendet. Gute Schauspieler unterdrücken die Anführungszeichen und machen aus dem Wechsel zwischen direkter und indirekter Rede Musik. In diesem Zusammenhang ist es von Belang, dass das Schauspiel Stuttgart seine Pforten für das im November stattfindende Spoken Arts Festival der Akademie für gesprochenes Wort geöffnet hat.
Zwei Schauspieler, ein bescheidenes Einheitsbühnenbild, Kostüme ohne Glanz und Glitzer – Kleiner Mann – was nun? erinnert uns wieder einmal daran, wie wenig Aufwand für großes Theater vonnöten ist. Der Zuschauer wird nicht mit Reizen erschlagen. Hier ist Platz für seine Einbildungskraft. Der Kampf zwischen Spektakel und „Armem Theater“ oder „Leerem Raum“, zwischen Jerzy Grotowski oder Peter Brook und Robert Wilson ist noch nicht entschieden. Es gilt kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als Auch. Dafür spricht auch eine Planung, die das Zweipersonenstück und König Richard der Dritte an aufeinander folgenden Abenden vorstellt. Dabei mag überdies die Ökonomie eine Rolle spielen, aber es ist zumindest auch ein konzeptionelles Bekenntnis, das sich an den Möglichkeiten des Theaters statt an Vorlieben orientiert und die Höhe der Kosten (und der Zuwendungen) nicht zum alleinigen Kriterium des künstlerischen Rangs macht. Bedenkenswert ist, dass das Zweipersonenstück im Gegensatz zum Monodrama, also auch zum „inneren (!) Monolog“, nach wie vor eine zentrale Besonderheit des Bühnenstücks, den Dialog nämlich, enthält. Es beachtet die Unterschiede zwischen den Gattungen und eignet sich nicht zur Selbstdarstellung von Solisten, der die häufigen „Dramatisierungen“ der Novelle Fräulein Else ihre Popularität verdanken.
Die grüne Spielfläche im Kammertheater gleicht einem riesigen Billardtisch. Hinzugefügt werden Projektionen von Filmaufnahmen aus dem alten Berlin und Blasmusikfragmente. Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Realismus und Stilisierung. Wenn Pinneberg eine Frisiertoilette kauft, die er sich eigentlich nicht leisten kann, ist er buchstäblich „am Boden zerstört“. Am Schluss gerät er, wie die Figuren bei Ödön von Horváth, an den Rand des Abgrunds. Der Geliebte seiner Mutter, der zwielichtige Jachmann, führt ihn und Lämmchen auf Abwege. Es fällt nicht leicht, Lämmchens Optimismus, mit dem der Roman und das Bühnenstück enden, zu teilen. Die Handlung klingt aus im Jahr vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Und 2026? An einer Stelle sagt Lämmchen: „Und die Leute, die machen was? Sie wählen die Nazis und hoffen auf was besseres.“ Das ist kritisch gemeint. Ist es falsch?
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Kleiner Mann - was nun? am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein
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Thomas Rothschild - 18. Oktober 2026 ID 16102
KLEINER MANN - WAS NUN? (Kammertheater, 17.10.2026)
nach Hans Fallada
Inszenierung, Bühne und Video: Zino Wey
Kostüme: Pascale Martin
Musik: Lukas Huber
Mitarbeit Video: Fee-Valerie Böhme
Licht: Marc Döbelin
Dramaturgie: Linda Graf
Dramaturgische Beratung: Gwendolyne Melchinger
Mit: Gabriele Hintermaier und Boris Burgstaller
Premiere am Schauspiel Stuttgart: 17. Oktober 2026
Weitere Termine: 23.-25., 27.10.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de/
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