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Premierenkritik

Schicksals-

gemeinschaften



Sophie Basse und Janko Kahle in Jacques der Fatalist und sein Herr nach dem Roman von Denis Diderot - am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

Bewertung:    



Die Figuren rücken ihre silbrig-weißen, meterhohen Perücken zurecht. Diese drohen stets leicht vornüber zu fallen. Irgendwann entledigen sich Einzelne ihrer turmartigen Frisur. Im schnellen Tempo treten die Akteure geschäftig auf und ab. Dabei wiederholen sie zunächst zusammenhanglos Worte. Ihre Kostüme erinnern mit Rüschen, Reifröcken, Kragen und weißen Seidenstrümpfen an die Mode des Barock. Für diffizile Interaktionen ist aufgrund der ausladenden Kleidung nur noch begrenzt Spielraum. Die Kostüme von Ausstatterin Adriana Braga Peretzki heben sich schillernd-glänzend und wirkungsvoll vom liebevoll detailreichen Tapetenmuster im Bühnenhintergrund ab.

Die Inszenierung von Jacques der Fatalist und sein Herr gleicht im Bad Godesberger Schauspielhaus ein bisschen einer Ausstattungsorgie. Die Kostüme der Akteure wechseln. Unter dem zentral positionierten Bild eines Pferdes, das sich plötzlich aus dem Rahmen löst, erscheint bald ein neues Geschöpf, das ein neues Thema vorgibt. Es entrollt sich gar ein Bergmassiv auf offener Bühne. Vor den gemalten Berggipfeln entspinnt sich ein Liebesdrama. Das Bergmassiv verschwindet, später wird auch die detailreich gemusterte Tapete durchbrochen.

Atmosphärisch choreographierte Bilder sind von Rastlosigkeit durchdrungen. Gleich zu Beginn wird klar, dass die Rollen nur bedingt zuordenbar sind. So agieren sowohl Lena Geyer als auch Christian Czeremnych als der titelgebende Fatalist Jacques. Seinen Herrn mimen hingegen sowohl Janko Kahle als auch Sören Wunderlich. Die titelgebenden Paare spielen nebeneinander, agieren jedoch in unterschiedlichen Zeitebenen. Geyer und Kahle leiten die Erzählung vom Ende her ein und lassen sie ausklingen. Czeremnych und Wunderlich stellen Stationen der Reise nach. Im mitunter gedämpften Licht betrachten wir einen Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Geschlechterrollen scheinen aufgehoben. Da sagt schon einmal eine Frau zu ihrem Partner, sie sei sein Mann. Während der Vorführung tragen die Herren mitunter auch Damenkleider und sogar Reifröcke.

Denis Diderot (1713-1784) schickt in seinem posthum erschienenen Roman Jacques der Fatalist und sein Herr einen Adligen und seinen Knecht auf eine etwa neuntägige Reise. Dabei setzen sich beide miteinander und mit ihren Rollen auseinander, auch philosophisch. Jacques ist ein Fatalist, sein Herr ist ein Denker aufklärerischer Art. Sie begegnen Straßenräubern und Henkern. Sie denken darüber nach, was Zufall ist oder ob jemand unser Schicksal lenkt.

Auch wenn nicht jede dramatische Wendung sitzt, lädt Regisseur Martin Laberenz in zuvor unbekannte Sphären ein. Seine Inszenierung befragt ein Hochgefühl von Adligen und erzählt unterhaltsam und vergnüglich von Absturz und Verlust. Christian Czeremnych begehrt als Jacques entschlossen gegen seinen Herrn auf und verleiht seinem Aufbegehren emotionale Wucht. Sören Wunderlich kämpft mehr schlecht als recht um seine Selbstbestimmung und Deutungshoheit als adliger Herr gegenüber seinem Knappen.

Figuren werden auf Galeeren geschickt und Uhren laufen rückwärts oder werden für ihre Ziselierung gepriesen. Sophie Basse nennt ihre Figur der Madame de la Pommeraye, mit leuchtenden Augen, eine „böse Frau“. Sie verkörpert eine Dame, die, sinnlich aufgeladen, recht betrüblichen und rachsüchtigen Gedanken nachhängt. Sie möchte selbst das Schicksal ihres Schwarms lenken, als dieser sich von ihr löst. Janko Kahle mimt ihren Widerpart, wankelmütig und schnell aus dem Gleichgewicht kommend, jedoch als Mann mit Widerstandskraft. Die wohl interessanteste Figur verkörpert jedoch Lena Geyer. Sie legt zurückhaltende Intensität und Zärtlichkeit in ihr Spiel, wenn sie emotional mitreißend vom verehrten Mann, Herrn und Henker, von Hausierern und Banditen auf einem Hügel erzählt. Doch der auf dem Hügel Aufgehaltene trägt nur wenig Geld im Beutel. Geyers Unverfälschtheit und stille Empathie erzeugen eine Leichtigkeit, wenn sie, in den Bühnenhimmel deutend, meint, dass das Schicksal der eigenen Seele ganz „dort oben“ geschrieben sei.

In der klamaukigen Inszenierung nach Diderot geht es zentral um philosophische Fragen: Folgt Wirkung auf Ursache? Wird das, was man sagt, auch so verstanden, wie man es sagt? Können wir Gefühle bewahren und auf Treue verzichten? Stets hinterfragen die Figuren in den Interaktionen sich selbst, was mitunter ein wenig langatmig erscheint. Hier dürfen Figuren jedoch auch einmal lapidar ausrufen: „Stimmt!“ oder „Das ist mir zu hoch!“ oder „Bitte sag mir, wo der Witz ist.“ oder „Zum Teufel mit der Liebesgeschichte!“

Jacques der Fatalist und sein Herr bricht mit Publikumserwartungen, wenn es mit Bruchstücken und Überschneidungen arbeitet. Verblüffend geduldig und manchmal grell werden exzentrische Rituale, etwa von Madame de la Pommeraye, überzeichnet. Doch neben müden Gags und stumpfem Witz zeigt Laberenz auch Interesse an Körpern und Figuren, die soziale Tabus überschreiten und vielschichtige Bedürfnisse haben. Diese toben mitunter in einem bis ins Absurde gesteigerten Rausch. Musikeinspieler, insbesondere der hypnotische Song „Golden Brown“ von The Stranglers, der doppeldeutig von euphorischen Erfahrungen von Liebe und Heroinkonsum handelt, sorgen für eine entsprechend stimmungsvolle Atmosphäre.



Jacques der Fatalist und sein Herr nach Denis Diderot - am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

Ansgar Skoda - 4. März 2026
ID 15738
JACQUES DER FATALIST UND SEIN HERR (Schauspielhaus Bad Godesberg, 28.02.2026)
Regie: Martin Laberenz
Bühne: Oliver Helf
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Licht: Ansgar Evers
Dramaturgie: Carmen Wolfram
Mit: Sophie Basse, Christian Czeremnych, Lena Geyer, Janko Kahle und Sören Wunderlich
Premiere am Theater Bonn: 28. Februar 2026
Weitere Termine: 08., 14., 26.03./ 19., 24.04./ 16., 20.05.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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