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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Sturm im

Wasserglas



Timo Kählert (als Michael Uhl), Daniel Stock (als Andreas Reiler) und Julia Kathinka Philippi (als Veronika Uhl) in Der Gott des Gemetzels am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

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Anfangs scheint es schwer vorstellbar, wie Einbrüche der Natur in der wohlgeordneten Wohnung der Familie Uhl wüten könnten. Auf dem Bildschirmschoner des Laptops im Wohnzimmerbereich zeichnet sich jedoch bereits früh eine Überschwemmung, später sogar ein Atompilz ab. Wasserfontänen, Rauchwolken, Windböen, Stechmücken, Schneeflocken und Elektrizitätsausfälle – dies sind nur einige der größeren und kleineren Katastrophen, welche die Uhls momentartig heimsuchen, während sie sich dem Besuch eines anderen Ehepaars widmen. Sowohl sie als auch das sie besuchende Ehepaar nehmen von den unberechenbaren Elementen innerhalb der Wohnung nur wenig Notiz, widmen sie sich doch gedanklich ganz anderen Unwägbarkeiten.

Das aufwendige Bühnenbild von Regisseur Simon Solberg sorgt zunächst für ein harmonisches Gesamtbild. Es zeigt eine geschmackvoll eingerichtete, weitläufige Wohnung mit Bücherregal, Sitzgruppe, Küchenblock und auch Schuhschrank; alles geschmackvoll dunkel holzvertäfelt. Das Ehepaar Uhl begrüßt das Ehepaar Reiler in der Eingangsszene höflich und einladend in den eigenen vier Wänden. Sie haben Tulpen anlässlich des Besuchs gekauft, und Veronika Uhl (Julia Kathinka Philippi) füllt kurzerhand Wasser in die Vase. Während sie die Gäste herumführt, stößt ihr Mann Michael (Timo Kählert) sie tolpatschig an. Michael formt seine Hand zur Faust, um gegen die Faust von Andreas Reiler (Daniel Stock) zu stoßen. Dieser greift jedoch verlegen Michaels Faust wie bei einem Handschlag und schüttelt sie etwas verdutzt. Einen Augenblick später gesteht Michael, dass er niemanden empfehlen würde, das Bad zu betreten. Er habe dort gerade sein Geschäft verrichtet. Seine Frau guckt angewidert und meint wegwerfend, wie schön es doch sei, dass er sie aufkläre. Mit Blicken gibt sie ihrem Mann zu verstehen, dass sie beide eine Angelegenheit mit dem anderen Elternpaar zivilisiert klären möchten, weswegen sie diese eingeladen hatten. Michael hilft ihr auf einem Laptop ein Schuldeingeständnis für die Versicherung einzutippen, während Annette (Lydia Stäubli) und Andreas Reiler ihnen betreten über die Schulter gucken.

Der kürzliche Streit ihrer Söhne in der Poppelsdorfer Allee endete blutig. Der elfjährige Ferdinand, Sohn von Annette und Andreas, schlug den gleichaltrigen Bruno, Sohn von Veronika und Michael, mit einem Stock. Bruno verlor zwei Schneidezähne und muss operiert werden. Innerhalb weniger Minuten scheint die Angelegenheit zwischen den Uhls und den Reilers einvernehmlich geklärt. Schnell möchten die Reilers wieder aufbrechen. Doch Veronika möchte noch abstimmen, wie sich Ferdinand bei Bruno entschuldigt. Andreas reagiert gereizt. Sie bietet den Reilers höflich einen selbstgemachten Birnen- und Apfel-Clafoutis an. Andreas kann hier nicht widerstehen. Im nächsten Moment telefoniert dieser jedoch laut mit einem Anwaltskollegen zu einem Fall, bei dem er einen umstrittenen Pharmakonzern vertritt. Er will die schweren Nebenwirkungen eines Medikamentes vertuschen, das - wie wir im weiteren Verlauf erfahren - ausgerechnet die Mutter von Michael Uhl nimmt. Die Stimmung schlägt um. Michael konfrontiert Andreas. Eine Fassade höflicher Umgangsformen weicht nach und nach verbalen Gefechten. Es kommt heraus, dass Michael am Vortag den Hamster seiner Tochter heimlich freigelassen hat, was zugleich das sichere Todesurteil für das Heimtier bedeuten dürfte. Ein zivilisierter Umgang erhält Risse, Spannungen und der Ton verschärfen sich.

Annette übergibt sich auf ihren Mann Andreas. Ihr Auswurf trifft jedoch auch Veronikas Kunstbände. Michael und sie verweisen das Ehepaar Reiler auf das Badezimmer. Das Ehepaar Uhl versucht kurzerhand, einen Kokoschka-Bildband mit Küchenrollen und dem Parfüm „Cool Water“ zu reinigen. Andreas Reiler bekommt mit, dass die Uhls sich abfällig über ihn und seine Frau äußern, und er reagiert empfindlich. Ressentiments kommen zur Sprache. Schlagabtausche zeugen von Rissen im zivilisierten Umgang. Andreas lässt seiner passiv-aggressiven Wut freien Lauf und entschuldigt sich, dass er so impulsiv reagiere. Er äußert seine Meinung dazu, dass die ganze Weltgeschichte ein archaisches Massaker sei. Jeder müsse sich möglichst eigennützig strampelnd retten, bis er oder sie sterbe. Es regiere der titelgebende Gott des Gemetzels. Alleine innere Beschränkungen und Regulierungen würden archaische Verhaltensmuster, Egoismus, Aggressionen und die Triebe des Menschen zähmen. Er deutet bei seinem Sohn Ferdinand, der im Streit Bruno die Zähne ausschlug, kurzerhand eine Durchsetzungsfähigkeit und Stärke an.

Veronika konfrontiert Andreas bissig und geizt nicht mit Kritik an seiner Theorie von Egoismus und Selbstsucht als Stärke. Die Figuren haben ihre Nerven, Neurosen und Affekte längst nicht mehr unter Kontrolle. Die Dialoge spitzen sich zu und eskalieren. Verbale Einwürfe führen bald zu unerwarteten Allianzen und kurzen Flirts über Ehepartner hinweg. Es kommt heraus, dass Annette und Veronika sich in den Beziehungen zu ihren Gatten einsam fühlen. Die zugespitzten Dialoge eskalieren. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Michael versucht die Wogen zu glätten, indem er den Reilers Schnaps anbietet. Trotzdem steigern sich die wütenden Debatten.

*
Die Autorin Yasmina Reza legt in ihrem Stück Der Gott des Gemetzels (2006) ein Augenmerk auf die Zwischentöne und gesellschaftlichen Kipppunkte, wenn die Auseinandersetzungen der um Korrektheit bemühten Beteiligten unverhältnismäßig erscheinen und ausarten. Roman Polanski fokussierte in seiner bekannten Verfilmung von 2011 die Situationskomik durch Großaufnahmen des ausdrucksstarken Mienenspiel seiner Stars wie Jodie Foster und Kate Winslet.

Solberg inszeniert am Bonner Theater Slapstick- und revueartige Einlagen seiner Figuren gekonnt. So bewegen sich Kählert und Stock mal zu einer Instrumentalversion von Whigfields „Saturday Night“ im Groove der Beats, um Dampf abzulassen (musikalische Leitung: Lucas Croon). Inmitten des bissig-enthemmten Kammerspiels stimmt Julia Kathinka Philippi am Flügel im Bühnenhintergrund „Chandelier“ von Sia an. Im nächsten Moment singt und tanzt sie dazu ausgelassen. Während der Konflikt immer wieder aufs Neue hochkocht, betritt ein zwei Meter großer Hamster im Ganzkörperkostüm mehrfach die Bühne. Klamaukig und albern erscheint auch, wenn Veronika immer wieder angestrengt Tisch und Boden kehrt und wischt, diese Flächen jedoch weiterhin dreckig bleiben, oder Michael mit einem Handfeger die Gäste abstaubt.

Gänzlich abstrus erscheint es, wenn die Elternpaare den Boden der Küche aufbrechen und mit Brettern in der Wohnung hantieren, um Andreas' Handy wiederzufinden. In die geöffnete Ebene fallen dann Wasserfontänen von der Bühnendecke, in denen die Figuren baden. Da ist es dann nur noch ein Schmankerl, wenn Annette das Handy ihres Gatten bewusst ins Wasser wirft. Es kommt auch noch zu einer Kissenschlacht und intimen Zärtlichkeiten. Die Wohnung wird von auftretenden Requisiteuren kurzzeitig etwas demontiert, und es raucht gefährlich aus dem Backofen der Küche. Bald tragen alle Figuren minutenlang Gasmasken. Am Ende wird eine Piano-Version von „Mad World“ von Tears for Fears eingespielt. Währenddessen verbrennen die beiden Elternpaare den ausgedruckten Entwurf der Tatschilderung für die Versicherung gemeinschaftlich. Ein versöhnliches Ende nach einem reinigenden Gewitter, oder eine erschütternde Einsicht vor dem Gott des Gemetzels?

Während die dezenten Hinweise auf Bonn als Ort des Geschehens der Aufführung noch ein gewisses Lokalkolorit zu geben vermögen, zeigt Solberg mit den über die Wohnung hereinbrechenden Naturkatastrophen ein überdrehtes und übertriebenes Spektakel, welches sich vom subtilen, schwarzhumorigen Witz von Rezas Gesellschaftssatire um Längen entfernt hat und andererseits jedoch die ökologischen Kipppunkte lediglich grob-klamaukhaft daraufsetzt.



Der Gott des Gemetzels am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

Ansgar Skoda - 25. Januar 2026
ID 15667
GOTT DES GEMETZELS (Schauspielhaus Bad Godesberg, 23.01.2026)
Regie und Bühne: Simon Solberg
Kostüme: Ines Burisch
Kostümmitarbeit: Tanja Mürlebach
Licht: Ansgar Evers
Video: Lars Figge
Dramaturgie: Nadja Groß
Musikalische Leitung Schauspiel: Lucas Croon
Besetzung:
Veronika Uhl ... Julia Kathinka Philippi
Annette Reiler ... Lydia Stäubli
Andreas Reiler ... Daniel Stock
Michael Uhl ... Timo Kählert
Premiere am Theater Bonn: 23. Januar 2026
Weitere Termine: 01., 07., 14., 19.02./ 07., 21., 27.03./ 22.04.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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