"...so viele
Bücher gelesen"
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Gelbes Gold von Fabienne Dür - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein
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Bewertung:
Die Franzosen und die Italiener waren den Deutschen, jedenfalls, wenn man von einigen wenigen Beispielen gegen Ende der Weimarer Republik wie Mutter Krausens Fahrt ins Glück absieht, vor Fassbinder, darin überlegen: in der filmischen Darstellung des proletarischen Milieus. Wer sich auch nur ein wenig für die Filmgeschichte interessiert, erinnert sich an die von Jean Gabin unübertroffen verkörperten Figuren und an die sie umgebende Umwelt oder an die Meisterwerke des Neoverismo wie Fahrraddiebe oder Die Erde bebt. Auf der Bühne kommt dieses Milieu viel seltener vor. Vielleicht ahnen die Autoren, dass ihre Stücke im Theater seltener auf Menschen aus der „Unterschicht“ treffen als im Kino. Das Theater ist, mit wenigen Ausnahmen, eine bürgerliche Angelegenheit. Geschichten aus dem Proletariat bleiben für sein Publikum exotisch. Es begegnet ihnen mit der Haltung eines (im besten Fall: mitleidig herablassenden) Voyeurs, nicht eines Beteiligten.
Die Berliner Dramatikerin Fabienne Dür, Jahrgang 1993, hat sich mit ihrem 2022 uraufgeführten und 2025 mit dem Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichneten Stück Gelbes Gold an den Rand dieses Milieus, streng genommen: des Milieus der unteren Mittelschicht, begeben, in den Dunstkreis einer Pommesbude. Dramaturgisch ist das ein guter Einfall, weil er einen abgegrenzten Raum zur Verfügung stellt, in dem (in Dürs Kammerspiel abwesende) Menschen kommen und gehen, in dessen Zentrum aber die Betreiber als Konstante verweilen. Es sind der Pommesverkäufer Fritz und dessen Lebensgefährtin Mimi. In dieses Zentrum bricht die Tochter Ana von außen ein, die nur noch selten aus der Stadt, in der sie studiert, nach Hause kommt. Zu diesem Trio gesellt sich Anas Kindheitsfreundin Juli.
Das Stück, das am Vorabend des „Tags der Arbeit“ (erinnern Sie sich?) im begrenzten Foyer des Kammertheaters Premiere hatte, das kein aufwendiges Bühnenbild zulässt, bietet endlich wieder dem Urgestein des Stuttgarter Schauspiels Michael Stiller eine große Rolle. Man erkennt ihn sofort, ehe man auf die Bühne geschaut hat, an seiner unverwechselbaren stockenden Sprechweise und dem zugleich brüchigen und sonoren Schall seiner Stimme. Bei ihm hat eine Form des Singsangs überlebt, die früher auf vielen Bühnen beheimatet war und fast ausgestorben ist. (Ich habe bis heute die melodiösen Stimmen von Karl Paryla, von Fritz Kortner oder von Walter Schmidinger im Ohr.) Übrigens: Michael Stiller wurde im Ruhrgebiet geboren. Das proletarische Milieu dürfte ihm vertraut sein. Und befähigt ihn, die Figur des Fritz zugleich liebenswert und mit Mängeln zu verkörpern, weder nach dem Modell des Ekels Alfred, noch nach dem von Brechts gutem Menschen von Sezuan.
Die Tochter des Pommesverkäufers spielt die erst 25-jährige Pauline Großmann, der jüngste Neuzugang zum Stuttgarter Ensemble in dem Quartett. Ihr zur Seite steht Teresa Annina Korfmacher als die äußerlich und charakterlich ganz andere kritische Freundin. Schauspielerisch am stärksten präsent aber ist die wandlungsfähige Therese Dörr mit blonder Wuschelkopfperücke als die mit beiden Füßen auf der Erde stehende Lebensgefährtin von Fritz. Es ist ein Vergnügen, ihr zuzusehen, wie sie mit Händen und Körperhaltungen ihre verbalen Äußerungen unterstreicht oder dementiert.
Für Gelbes Gold übernahm Johanna Rödder-Mikow, Jahrgang 1995, nach mehreren Regieassistenzen ihre erste eigenständige Regie am Schauspiel Stuttgart. Sie überzeugt durch Sprachregie und Timing, das intelligent mit Pausen umgeht. Viel mehr lässt die Vorlage nicht zu. Fabienne Dür schreibt gute, lebensnahe Dialoge, aber ihr Stück gewänne an Spannung (um die es der Autorin wohl nicht in erster Linie ging), wenn sie das implizite Thema – den Konflikt zwischen der sozialen Aufsteigerin und dem Milieu ihrer Herkunft – etwas mehr zugespitzt hätte.
Vater Fritz erkennt das Problem sehr genau. An einer zentralen Stelle sagt er zu Ana:
„ich hab mein ganzes Leben hier reingesteckt, begreifst du das nicht? so viele
Bücher gelesen, aber die einfachsten Dinge nicht schnallen
ich bin schon stolz auf dich, wie du das alles schaffst und alles
soll ich das öfter sagen?
aber du begreifst es nicht, du arbeitest für nichts, fürs Portemonnaie
vielleicht, aber nicht fürs Herz“
Greta Marie Heithoff hat eine hyperrealistische Pommesbude auf die kleine Spielfläche gestellt, umgeben von einem mit Graffiti beschmierten Abfalleimer, einer Bushaltestelle (oder soll es der Bahnhof sein, von dem die Rede ist?) mit drei schäbigen Plastiksitzen, auf deren Rückwand, wo normalerweise die Fahrpläne ausgehängt sind, eher überflüssige Videos projiziert werden, und rechts vorne einem Heimtrainer.
Zwischendurch hört man aus Lautsprechern fragmentarische Gesprächsfetzen, den Tratsch der Nachbarn und einzigen Bruch in dem ansonsten naturalistischen Stück, dessen Modell eher in der englischen, als in der deutschen Dramatik des vergangenen Jahrhunderts vorgeformt ist. Am ehesten fällt einem auch da wieder Fassbinder ein, der Fassbinder des Action-Theaters mit Hanna Schygulla, oder, wenn man weiter zurückgeht, Ödön von Horváth. Vielleicht hätte Fritz dessen Trafikantin Valerie heiraten sollen.
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Gelbes Gold von Fabienne Dür - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein
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Thomas Rothschild - 1. Mai 2026 ID 15828
GELBES GOLD (Schauspiel Stuttgart, 30.04.2026)
von Fabienne Dür
Inszenierung: Johanna Rödder-Mikow
Bühne: Greta Heithoff
Kostüme: Luisa Windisch
Musik: Andreas Neemann
Video: Laura Lenz und Mauriz Thabo Röckle
Licht: Fabrizio Giannone
Dramaturgie: Linda Graf
Mit: Therese Dörr, Pauline Großmann, Teresa Annina Korfmacher und Michael Stiller
UA am Staatstheater Kassel: 2. Dezember 2022
Premiere in Stuttgart war am 30. April 2026.
Weitere Termine: 04., 08., 16., 20., 30.05./ 14.06.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de
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