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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Ist Familie

für immer?



Christian Czeremnych als Louis und Rebecca Große Boymann als Susanne in Einfach das Ende der Welt von Jean-Luc Lagarce am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

Bewertung:    



Die Aufführung beginnt mit dem Ende. Christian Czeremnych erhebt sich aus den vorderen Reihen des Publikums und fragt, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Er bittet die Zuschauer, ihm ein Zeichen zu geben, sollten sie an ein solches glauben. Eine Zuschauerin meint, man nehme danach nicht mehr am Leben teil. Czeremnych fragt, ob man wissen kann, wie alles verschwindet. Er gibt sich als Louis zu erkennen und erklärt, dass er früher sterben wird als die meisten anderen im Publikum; laut einer Diagnose schon im Alter von 34 Jahren. Vor seinem unmittelbaren Tod habe er entschieden, eine Reise zu machen; zurück zu seiner Herkunftsfamilie.

Jean-Luc Lagarce (1957-1995) behandelt in Einfach das Ende der Welt (Originaltitel: Juste la fin du monde, Deutsch von Uli Menke) ein laut Studien zur Eltern-Kind-Entfremdung gesellschaftlich verbreitetes Phänomen: Jeder fünfte Erwachsene bricht den Kontakt zum Vater ab, jeder zehnte zur Mutter. Oft sind fehlende Wertschätzung oder lange währende Konflikte und Verletzungen der Grund, weshalb es zu dieser Entfremdung kommt.

Xavier Dolans ikonische Verfilmung der Vorlage von 2016 überlagert mögliche Erwartungen an die Theateraufführung. Regisseur Max Lindemann betont jedoch bereits zu Anfang theatrale Mittel der Umsetzung, wenn schon vor Beginn Parallelschauplätze deutlich werden. So sehen wir auf der Bühne beim Einlass hinten links Schauspieler um einen Tisch verteilt sitzen, während hinten rechts jüngere Figuren mit diversen Accessoires spielen.

In der Mitte steht ein großes, verschiebbares Papphaus mit diversen Öffnungen (Ausstattung: Katja Pech). Die Zeiger einer Wanduhr sind auf der Neun stehen geblieben. Tonabfolgen wiederholen sich in einem kontinuierlichen Hintergrundbett. Die Wiederbegegnung von Louis mit seinen Angehörigen wird spannungsvoll abwartend, mit vielen Pausen erzählt. Die Mutter (Sophie Basse) gibt ihrer Tochter Susanne (Rebecca Große Boymann) zu erkennen: „Das ist dein Bruder.“ Als einzige geht Susanne auf ihn zu und umarmt ihn. Sie wirft ihrem anderen Bruder Anton vor: „Warum nur so distanziert und kühl?“ Antons Frau Kathrin (Lena Geyer) durchbricht das unangenehme Schweigen, indem sie über die gemeinsamen Kinder drauflos plappert. Später fragt sie Louis, ob er Antons Situation kennt, der in einer Werkzeugfabrik arbeitet.

Die Mutter kommentiert die Begrüßung:


„Das ist deine Schwägerin Kathrin, absurd, dass ihr euch nicht kennt. Ihr lebt auf komische Art. Erzähl doch einfach weiter, Kathrin.“


In ihren Blicken und Gesten und jenen seines Bruders Anton (Timo Kählert) liegen leise Vorwürfe. Später fragt Anton seinen Bruder im scharfen Ton, ob er es bereut, nach zwölf Jahren wieder zu ihnen gekommen zu sein. Er lese „Zeitungen, die ich nie lesen werde“, meint Anton, womit er sich von seinem älteren Bruder bewusst abgrenzt. Die Mutter erklärt: „Familie ist schmerzhaft anstrengend.“ Sie behauptet: „Dein Leben geht mich nichts an.“

Louis fühlt sich während der Wiederbegegnung schnell wieder eingeengt. Die Mutter richtet früh Erwartungen an ihn, die sie wegen seiner jüngeren Geschwister hat, denen sie ein Defizit an Selbstliebe nachsagt:


„Sie fürchten ein Lächeln voller Verachtung. Ich kann sie nicht erlösen“. Über Anton sagt sie: „Du kennst ihn nicht. Er ist ein schlechter Charakter, wie wir alle hier.“


Im Stückverlauf erfahren wir, auch durch den Einbezug von Kinderdarstellern, dass sich der eher freigeistige Louis schon als Kind fremd im eigenen Zuhause fühlte. Sein Bruder Anton gründete jung eine Familie und sucht hier nach Stabilität. Susanne träumt davon, unabhängig zu werden. Während sich die einen entscheiden zu gehen, halten die anderen ein klassisches Familienbild aufrecht.

Auf Louis lauern stets versteckte Vorwürfe. So meint ein Familienangehöriger mal entschuldigend:


„Hier ist es traditionell. Hier ist das kulturelle Highlight das Schützenfest.“


Während der Gespräche werden Themen wie Louis’ persönliche Sehnsüchte und Schmerzen ausgeklammert. Es herrschen Gemeinplätze wie: „Man muss sich zufrieden geben.“

Spuren der Sozialisation wirken fort. Die Kinder Mio Röskens, Joshua Ahrends und Enie Federhenn treten mehrfach an den Bühnenrand heran, um vis-a-vis mit dem Publikum nichts weniger als Schicksale aus Bel-Ami von Guy de Maupassant oder Rot und Schwarz von Stendhal zu skizzieren und zu diskutieren. Diese frühreif und altklug anmutenden Kurzvorstellungen brechen das Vorgeführte intellektuell auf. Hier ist es erfrischend, wenn eines der Kinder wenigstens aufgeregt mal das falsche Buchcover hochhält. Die Kinder sprechen vom Willen zur Flucht im Oeuvre von Virginia Woolf und sie geben einen Traum von Michel Foucault wieder, den er Hervé Guibert einst schilderte.

Im Programmheft nennt Dramaturgin Sarah Tzscheppan die populären französischen Intellektuellen Édouard Louis und Didier Eribon als mit Lagarce in einer Tradition stehend. Warum nehmen die Kinder hier nicht auf die französische Gegenwartsliteratur und bekannte Autobiografien von Didier Eribon oder Édouard Louis Bezug? Das wäre weniger sperrig und fokussierter gewesen. Beide haderten, ähnlich wie Lagarces Protagonist, mit ihrer Homosexualität im sozialen Arbeitermilieu der französischen Provinz und wurden hier, eigenen Veröffentlichungen zufolge, von den nächsten Familienangehörigen unversöhnlich angefeindet. Der Autor Lagarce kam selbst aus der kleinbürgerlichen Schicht in der französischen Provinz und lebte offen homosexuell. Er starb 1995 im Alter von nur 38 Jahren an den Folgen von AIDS.

Max Lindemann thematisiert in seiner Inszenierung Homosexualität als Grund für den familiären Bruch höchstens unterschwellig und niemals offen. Alle anderen Figuren gewinnen durch ihre an Louis gerichteten Schuldzuweisungen, Forderungen und Wünsche an Format. Über Louis Vergangenheit der letzten zwölf Jahre und mögliche Lebenspartner erfahren wir während der Inszenierung nichts. Auf geäußerte Vermutungen seiner Angehörigen reagiert Louis kaum. Auch erfahren die Angehörigen letztlich nichts von seiner Erkrankung. Christian Czeremnych, der in Gestik und Mimik eher stoisch und unbewegt agiert, bleibt in der Rolle der Hauptfigur demgemäß etwas blass.



Christian Czeremnych als Louis und Sophie Basse als Mutter in Einfach das Ende der Welt von Jean-Luc Lagarce am Theater Bonn | Foto © Matthias Jung

Ansgar Skoda - 13. Mai 2026
ID 15853
EINFACH DAS ENDE DER WELT (Werkstatt, 08.05.2026)
von Jean-Luc Lagarce

Regie und Musik: Max Lindemann
Ausstattung: Katja Pech
Licht: Boris Kahnert
Dramaturgie: Sarah Tzscheppan
Besetzung:
Louis ... Christian Czeremnych
Susanne ... Rebecca Große Boymann
Anton ... Timo Kählert
Kathrin ... Lena Geyer
Die Mutter ... Sophie Basse
Louis als Kind ... Mio Röskens
Anton als Kind ... Joshua Ahrends
Susanne als Kind ... Enie Federhenn
Premiere am Theater Bonn: 8. Mai 2026
Weitere Termine: 15., 22., 23.05./ 07., 12.06./ 10.07.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-bonn.de


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