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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

"Wir wohnen der Generalprobe unserer eigenen Beerdigung bei."



Sibylle Canonica und Barbara Horvath (vorn im Bild) in Ein sanfter Tod am Residenztheater München | Foto (C) Sandra Then

Bewertung:    



Simone de Beauvoir (1908-1986), die kühle Intellektuelle, leidenschaftliche Kämpferin für Frauenrechte, Lebensgefährtin Jean Paul Sartres und erfolgreiche Autorin, wurde für ihre Leistungen bewundert. Ein besonders sympathisches Wesen hat man ihr nicht nachgesagt. In ihrem schmalen Buch Ein sanfter Tod zeigt sich die Schriftstellerin von einer zärtlichen, zugewandten Seite.

Gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester, der Malerin Hèléne , erlebt die Beauvoir die letzten Wochen ihrer Mutter in einer Pariser Klinik. Die alte Dame wird wegen eines Oberschenkelhalsbruchs eingeliefert, erst in der Klinik stellt man fest, dass sie eine weit fortgeschrittene Krebserkrankung hat. Es geht nicht mehr um das ob, sondern wann sie sterben wird. Und das „wie“ erleben die Schwestern hautnah mit und schonen sich nicht.

Nach dem Erfolg von (Nicht)Mütter! setzen die Ensemblemitglieder Lisa Stiegler und Barbara Horvath gemeinsam mit Sybille Canonica ihre Auseinandersetzung mit Mutter-Tochter-Beziehungen fort. Ein Werk von drei Schauspielerinnen, das zwei von ihnen auf der Bühne umsetzen. Sybille Canonica und Barbara Horvath spielen abwechselnd die sterbende Mutter und eine der besorgten Töchter. Dass in dieser Zweierkonstellation die Beziehung der Schwestern untereinander etwas zu kurz kommt, ist verschmerzbar.

Aber was für ein Schauspielerinnen-Fest! Wie macht Sybille Canonica das? Während ihres Dahinsiechens als Mutter scheint ihr Gesicht immer blasser, ihre Augen immer eingefallener, Minuten später stürmt sie mit Tochter-Schwung ins Zimmer und schiebt auch noch selbst die minimalistische, aber originelle Rundbühne.

Horvath und Canonica passen gut zusammen, da sie so unterschiedlich sind und dadurch auch verschiedene Fassetten ihrer Figuren aufzeigen können. Und ein dritter war im Spiel: Geräuschemacher Max Bauer, der mit einfachsten Mitteln ein unglaubliches Repertoire an Tönen und Geräuschen erzeugen konnte. Verdient wurde auch er heftig beklatscht.

Das Sterben bietet manche Überraschungen: Die Mutter wehrt sich gegen den Tod. Sie, die ihr ganzes Leben tiefgläubig war, will jetzt wirklich keinen Priester. Sie genießt die Blumen, die Briefe, die Anrufe, die Aufmerksamkeit und Fürsorge. Eine Aufmerksamkeit, die ihr die meiste Zeit ihres Lebens nicht zuteil wurde.

Die beiden Schwestern bilanzieren:


„Gegen sich selbst anzudenken, kann fruchtbar sein; doch bei Mutter war es anders: Sie hat gegen sich selbst angelebt. Reich an Gelüsten, hat sie all ihre Energie darauf verwandt, sie zu verdrängen, und sie hat diese Selbstverleugnung im Zorn durchlitten.“


An ihrem Zorn hatten auch die Töchter zu leiden, denen sie kein eigenes Leben gönnte, da sie selbst so eingeschränkt war. Hier kommt dann wieder die Feministin Simone de Beauvoir durch, aber auch die verletzte Tochter, die mit Schuldgefühlen kämpft:


„Wenn uns jemand Nahestehendes davongeht, büßen wir die Schuld des Überlebens mit Gewissensbissen…“

„Mama gegenüber hatten wir in den letzten Jahren vor allem Vernachlässigungen, Unterlassungen und Achtlosigkeiten zuschulden kommen lassen. Durch die ihr gewidmeten Tage hatten wir, so schien uns, all das wiedergutgemacht.“



Auch wenn sie darauf vorbereitet waren, erschien den beiden Schwestern der Tod als ein ungeheurer „Gewaltakt“:


„Mein einziger Trost ist, dass ich denselben Weg gehen werde. Sonst wäre es gar zu ungerecht.“

„So war es: Wir wohnten der Generalprobe unserer eigenen Beerdigung bei.“



Und obwohl es so viel ums Sterben ging, lässt einen der Abend nicht untröstlich zurück, eher nachdenklich.



Max Bauer in Ein sanfter Tod am Residenztheater München | Foto (C) Sandra Then

Isabella Schmid - 26. Januar 2026
ID 15668
EIN SANFTER TOD (Residenztheater München, 23.01.2026)
von Simone de Beauvoir

Inszenierung: Lisa Stiegler
Bühne: Marie Gimpel
Kostüme: David Gonter
Klangkomposition: Max Bauer
Licht: Thomas Keller
Dramaturgie: Ilja Mirsky
Mit: Sibylle Canonica, Barbara Horvath und Max Bauer (Geräuschemacher)
Premiere war am 23. Januar 2026.
Weitere Termine: 29.01/ 06.02./ 08.03./28.03.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.residenztheater.de


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