Wiener Blut
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Bildquelle: theater-heilbronn.de
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Bewertung:
Der Regisseur Georg Schmiedleitner ist an kein Theater und auch an kein Genre gebunden. Vor zwölf Jahren inszenierte er bei den Salzburger Festspielen als Einspringer für das Stehaufmännchen Matthias Hartmann Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus (1874-1936). Salzburg lieferte im vergangenen Jahr eine wenig überzeugende Neuproduktion des Stücks „für ein Marstheater“. Schmiedleitner indes nahm sich seiner erneut an, in Heilbronn, ohne Burgschauspieler, versteht sich, und mit einem kleineren Budget als in Salzburg vermutlich.
Auch in der zusammen mit der Dramaturgin Sophie Püschel erstellten Heilbronner Fassung verkörpern die Schauspieler – es sind elf – zahlreiche Rollen. Die meist sehr kurzen Szenen reihen sich übergangslos aneinander. Die Sirk-Ecke war jener Abschnitt der Wiener Ringstraße am Anfang der Kärntner Straße, gleich neben der Staatsoper, an dem sich die „bessere Gesellschaft“ traf, um Neuigkeiten auszutauschen und sich sehen zu lassen. Karl Kraus lässt dort vier halb komische, halb beschränkte Offiziere zyklisch aufeinander treffen, eine der wenigen Interpunktionen in dem Massiv des uferlosen Dramas. In Heilbronn wurde sie in einen rosaroten Salon verlegt. Individuen gibt es bei Schmiedleitner nicht, die historischen Vorbilder sind ohnedies selbst in Österreich nicht mehr bekannt, die Kaiser Österreichs und Deutschlands zu Karikaturen verkleinert. Die typisierten Figuren tragen in der zu einem Innenraum verwandelten Sirk-Ecke keine Uniformen, sondern schmutzigweiße Kleidung und gelbe Perücken. Was bleibt, ist die Kritik an einer korrupten Presse, die Karl Kraus leidenschaftliche hasste. Er hätte heute kaum weniger Ursache dafür.
Die vierteilige, mit Farben und Licht spielende Drehbühne von Stefan Brandtmayr erfüllt ihre Aufgabe funktional, optisch anregend, ohne sich zu spreizen. Kein Video, keine Dokumentarfilme aus dem Ersten Weltkrieg: ahhh!
Die Musik steuert fast ausschließlich Johannes Mittl am Klavier bei unter ausgiebiger Verwendung des Walzers Wiener Blut. Ganz mag auch Schmiedleitner, der sich ansonsten auf wohltuende Weise von aktuellen Moden fernhält, auf die englischsprachige Songeinlage nicht verzichten. So schön das klingen mag, so sehr das Stichwort „devil“ passen mag: Karl Kraus braucht das nicht.
Aktueller kann ein Theaterabend – leider – nicht sein. Dabei aber auch unterhaltsam. Da ist es, das sprichwörtliche Lachen, das einem im Halse stecken bleibt. Ihr THEATERTREFFEN-Scouts, missachtet Heilbronn nicht. Besucht Die letzten Tage der Menschheit.
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Die letzten Tage der Menschheit am Theater Heilbronn | Foto (C) Candy Welz
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Thomas Rothschild - 25. Januar 2026 ID 15666
DIE LETZTEN TAGE DER MENSCHHEIT (Theater Heilbronn, 24.01.2026)
von Karl Kraus, in einer Fassung von Sophie Püschel und Georg Schmiedleitner
Regie: Georg Schmiedleitner
Bühne: Stefan Brandtmayr
Kostüme: Cornelia Kraske
Musik: Johannes Mittl
Licht: Harald Emrich
Dramaturgie: Sophie Püschel
Theaterpädagogik: Simone Endres
Mit: Nils Brück, Richard Feist, Oliver Firit, Pablo Guaneme Pinilla, Tobias Loth, Judith Lilly Raab, Michaela Schausberger, Sophie Maria Scherrieble, Juliane Schwabe, Tobias D. Weber und Sebastian Weiss sowie dem Musiker Johannes Mittl
Premiere war am 24. Januar 2026.
Weitere Termine: 31.01./ 08., 11., 13., 17., 18., 26., 27.02./ 07., 31.03./ 19.04./ 06., 20.06./ 09.07.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.theater-heilbronn.de
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