Erzählerisch
sperrig
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Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger - am DT Berlin | Foto (C) Eike Walkenhorst
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Bewertung:
Nahezu jeder mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman erscheint wenig später auch auf deutschen Bühnen. Das scheint bei den Theatern so gut wie gesetzt zu sein. Wer hier von wem profitiert und ob wirklich jeder Romane für eine Adaption am Theater taugt, sei mal dahingestellt. Die erste Bühnenfassung von Dorothee Elmigers 2025 ausgezeichnetem Roman Die Holländerinnen hatte in der Regie der Magdeburger Intendantin Clara Weyde im September am dortigen Theater Premiere. Nun bringt der ebenfalls am Theater Magdeburg arbeitende Regisseur Jan Friedrich (Blutbuch; Onkel Werner) in seiner ersten Arbeit für das Deutschen Theater Berlin eine weitere Fassung heraus.
In einer Art Poetikvorlesung berichtet eine namenlose Schriftstellerin von ihren Erlebnissen mit einer Theatergruppe, die sich bei einer Recherchereise in den südamerikanischen Regenwald auf die Spur zweier verschwundener holländischer Touristinnen begibt. Der Theaterregisseur hatte die Schriftstellerin um eine Mitarbeit am Text gebeten. Immer tiefer dringt die kleine Gruppe in die undurchdringbar erscheinende Natur ein. Man erzählt sich zum Teil abstruse Geschichten aus dem persönlichen Leben der Teammitglieder und trifft auf ebenso merkwürdige Dschungelbewohner. Das alles erinnert nicht von ungefähr an Joseph Conrads Roman Herz der Finsternis. Aber auch die Filme Aguirre, der Zorn Gottes und Fitzcarraldo von Werner Herzog können als Inspirationsquellen gelten. Die Reise mit dem exzentrischen, sich immer mehr in seinen Ideen verrennenden Regisseur endet im ungewissen Nichts.
Wer Elmigers Holländerinnen gelesen hat, wird nicht sofort an eine Umsetzung des sprachlich recht sperrigen Romans für die Bühne denken. Es gibt keine direkte Rede oder Dialoge. Die Erzählung zieht sich über die gesamten drei Kapitel in einem ausschließlich im Konjunktiv I geschriebenen Text. Das ist von der Autorin so beabsichtigt und erweckt den Eindruck einer Distanziertheit und unbestimmten Ungewissheit gegenüber dem Erzählten. Der Text erzeugt eine diffuse Spannung und düstere Stimmung, in der sich Ängste und ein gewisses Unbehagen beim Lesen breit machen. Schon im Klappentext des Buchs heißte es: „Dorothee Elmiger erzählt eine beunruhigende Geschichte von Menschen und Monstren, von Furcht und Gewalt, von der Verlorenheit im Universum und vom Versagen der Erzählungen.“ Der Roman verweigert sich in seinen poetisch verschachtelten Sätzen dem linearen Erzählen. Dazu passt natürlich das Verschwinden der Holländerinnen im Dschungel, in dem sich auch die Gruppe verliert.
Regisseur Jan Friedrich setzt in seiner Bühnenfassung auf ein Team von 6 SchauspielerInnen. Größtenteils wird auf eine direkte Rollenzuweisung verzichtet. Nur Moritz Kienemann scheint als Theatermacher gesetzt. Zu Beginn sitzt er noch mit Hut im Publikum und souffliert Carmen Steinert, die sich anschickt, als Schriftstellerin an einem Rednerpult die Vorgeschichte zu erzählen. Beim Anruf des Theatermachers an die Schriftstellerin zückt Kienemann ein Handy. Das Klingeln, eigentlich ein No-Go im Theater, ist hier Bestandteil der Inszenierung, wie das gegenwärtige Handy selbst, mit dem sich die DarstellerInnen beständig ins eigene Gesicht leuchten. Dazu bemüht der Regisseur alles an Videotechnik (Nico Parisius) und Livekamera, was irgendwie zu greifen war. Als gelte es hier einen Film zu drehen. Auf zwei Leinwänden in der Bühnenrückwand werden die Bilder in Großaufnahme projiziert.
Die Bühne von Louisa Robin ist zunächst ein mit Holz vertäfelter Kasten, der wie ein Tonstudio oder ein Auditorium mit Fenstern im Hintergrund wirkt. Er lässt sich in der Mitte aufteilen, um die Hinterbühne zu öffnen. Es gibt dort auch eine Tafel mit Stühlen, an dem das Team Platz nimmt. Nach und nach greifen die anderen DartsellerInnen (Julia Gräfner, Manuel Harder, Evamaria Salcher und Andri Schenardi) in das Erzählen auf der Bühne ein. Es entwickelt sich so eine Form des kollektiven Erzählens, das den gesamten über dreistündigen Abend vorherrschen wird. Ansonsten versucht Regisseur Friedrich das Erzählte entsprechend zu bebildern, wie man es leider von vielen Romanadaptionen kennt.
Ein technisch streng durchkomponierter Ablauf. Teils ironisch dann wieder recht pathetisch wird sich an den Marotten des Theatermachers und den Anekdoten der Dschungelcrew abgearbeitet. Da steckt sicher viel an Theatertheorie und philosophischem Wissen drin, was den Stoff wahrscheinlich erst für Theaterschaffende interessant macht. Nach der Pause senkt sich dann ein Kapokbaum vom Schnürboden herab, vor dem Kienemann als Theatermacher posiert und fotografiert wird. Zu den Nachtfotografien der beiden im Dschungel verschwundenen Holländerinnen gibt es einen Lichtbildervortrag und irgendwann beginnt es auch zu regnen. Der Firnis der Zivilisation, der sich dabei im Roman aufzulösen beginnt, wabert hier noch als Konquistadoren oder Mensch mit Pferdekopf und seinem Bändiger über die Bühne. Ansonsten ist das eher ein recht trockener Abend, der sich den Schrecken des Romans, der die Gewalt auf der Welt in viele unscheinbare Erzählungen portioniert, mit viel technischem Gedöns vom Leib hält. Eine kleine Philosophie der Grausamkeiten, die hier zu quälend langatmigem Theater wird.
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Die Holländerinnen am DT Berlin | Foto (C) Eike Walkenhorst
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Stefan Bock - 17. Oktober 2026 ID 16100
DIE HOLLÄNDERINNEN (Deutsches Theater Berlin, 16.10.2026)
nach dem Roman von Dorothee Elmiger
Regie: Jan Friedrich
Bühne: Louisa Robin
Kostüme: Vanessa Rust
Musik: Friedrich Byusa Blam
Video: Nico Parisius
Licht: Matthias Vogel
Dramaturgie: Johann Otten
Mit: Julia Gräfner, Manuel Harder, Moritz Kienemann, Evamaria Salcher, Andri Schenardi und Carmen Steinert
Premiere war am 16. Oktober 2026.
Weitere Termine: 22., 28.10./ 01., 12., 18.11.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de/
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