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Premierenkritik

Kostümfest



Der ideale Mann von Oscar Wilde am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Arno Declair

Bewertung:    



Wenn man versucht, eine Programmlinie im Spielplan des Stuttgarter Schauspiels auszumachen, was nicht ganz leicht ist, erscheint Oscar Wilde nicht unbedingt als ein naheliegender Kandidat. Aber vielleicht ist es die Nobilitierung durch die zurzeit viel gespielte Bearbeitung von Elfriede Jelinek, was dem Meister des Konversationsstücks den Weg auf Burkhard C. Kosminskis Bühne geebnet hat.

Die Überraschung dieser Stückwahl toppt der Intendant, der gerne namhafte Schauspieler und Regisseure engagiert, aber nicht nachhaltig ins Ensemble einzugliedern und für längere Zeit an das Haus zu binden vermag, mit der Einladung von Marco Štorman, der zwar schon nebenan, in der Oper, aber bislang noch nie am hiesigen Schauspiel gearbeitet hat. Zu den ungewöhnlichen Begleiterscheinungen dieser Inszenierung der Komödie Ein idealer Gatte, die in Jelineks Fassung Der ideale Mann heißt, muss man auch rechnen, dass Philipp Schulze als Dramaturg genannt, aber mit der viel beschäftigten Hausdramaturgin und stellvertretenden Intendantin Gwendolyne Melchinger unter der Funktionsbezeichnung „Dramaturgische Beratung“ ergänzt wird. Was steckt da dahinter? Spekulationen sind Tür und Tor geöffnet.

Elfriede Jelinek ist übrigens nicht die erste Sprachkünstlerin, die sich an dem idealen Mann heranwagt. Vor ihr bewährte sich bereits der Arno-Schmidt-Bewunderer und James-Joyce-Übersetzer Hans Wollschläger an Wildes gar nicht so komischer Gesellschaftskomödie („comedy of manners“). Auch er war unzufrieden mit dem deutschen Gatten für den englischen „Husband“, blieb aber auf dem Weg zum doppeldeutigen „Mann“ bei einem Kompromiss stehen. Bei ihm heißt das Stück, mit bestimmtem Artikel wie bei Jelinek, Der ideale Ehemann.

Marco Štorman interessiert sich nicht für die viktorianische Gesellschaft, deren Doppelmoral Oscar Wildes Satire bloßstellen will, oder für die wilhelminische Gesellschaft, die Carl Sternheim verspottet hat und die man in manchen Aspekten als deren deutsches Pendant betrachten könnte. Aber er verlegt die Handlung auch nicht, wie das mit lähmendem Konformismus üblich geworden ist, in die Gegenwart, sondern, namentlich mittels der Kostüme von Yassu Yabara, in eine Fantasiewelt zwischen Rokoko und Biedermeier. Nur Lord Goring trägt einen hellblauen Latexanzug mit kurzen Hosen. Die Musik stammt aus dem 20. Jahrhundert, ein riesiges Auto aus dessen erstem Jahrzehnt. Der Regisseur rückt Oscar Wilde weg von Ibsen, in die Nähe von Nestroy.

Das Ensemble hat sichtlich seine Freude an der Konzeption. Die Schauspielerinnen und Schauspieler, allen voran Gábor Biedermann als der heuchlerische Sir Robert Chiltern, Christiane Roßbach als die intrigante Mrs. Cheveley und Felix Strobel als Chilterns Freund Lord Goring, bewegen sich mit einer Körpersprache der Affektiertheit wie Marionetten oder mechanische Puppen.

Freundlicher Applaus. Für Oscar Wilde? Für Elfriede Jelinek? Oder doch eher für ein buntes Fest der Kostüme?




Der ideale Mann von Oscar Wilde am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Arno Declair

Thomas Rothschild - 29. März 2026
ID 15775
DER IDEALE MANN (Schauspielhaus, 28.03.2026)
von Oscar Wilde
Deutsche Fassung von Elfriede Jelinek

Inszenierung: Marco Štorman
Bühne: Frauke Löffel
Kostüme: Yassu Yabara
Musik: Imre Lichtenberger Bozoki
Licht: Jörg Schuchardt
Dramaturgie: Philipp Schulze
Dramaturgische Beratung: Gwendolyne Melchinger
Mit: Gábor Biedermann (Sir Robert Chiltern), Sven Prietz (Lord Caversham), Felix Strobel (Lord Goring), Celina Rongen (Lady Chiltern), Gabriele Hintermaier (Mabel Chiltern), Christiane Roßbach (Mrs. Cheveley), Karl Leven Schroeder (Vicomte de Nanjac / Phipps) und Silvia Schwinger (Lady Markby)
Premiere am Schauspiel Stuttgart: 28. März 2026
Weitere Termine: 30.03./ 02., 09., 17., 26. 04./ 05.05.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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