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Premierenkritik

Lars Eidinger

als Geiziger



Der Geizige an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Bewertung:    



Nachdem nun sogar Hollywood nach Lars Eidinger ruft, wurde es Zeit, dass der Schaubühnenliebling vorher schnell noch in einer neuen Produktion auf der Bühne am Lehniner Platz steht. Hier war er nur noch in zwei langjährig laufenden Dauerbrennern des Intendanten Thomas Ostermeier als Hamlet (seit 2008) und Richard III. (seit 2015) zu sehen. Nun spielt Eidinger in Ostermeiers neuster Inszenierung Der Geizige von Molière natürlich auch wieder die Hauptrolle. Harpagon, besagter in die Jahre gekommener Geiziger, will es noch einmal wissen und eine junge Frau ehelichen. Dass dies auch sein Sohn Cléante vorhat, bringt einiges an Verwicklungen und Intrigen mit sich, die den Reiz von Molières Komödie ausmachen. Am Gelde hängt doch alles. Und für den aktuellen Zeitgeist ist dann die Regie zuständig.

Zeitgeistig wird es auch bei Regisseur Ostermeier. Er verlegt die Handlung nämlich in ein Autohaus. Dafür hat ihm Magda Willi ein paar typische verglaste Geschäftsräume auf zwei Etagen mit Treppen und einen echten Jaguar auf die Bühne gestellt. Die Kostüme von Vanessa Sampaio Borgmann sind ebenfalls heutig, auch wenn man dem Geizigen den Billig-Geschmack ansieht. Lars Eidinger ist mit Schnauzbart, Glatzenbadekappe und Schmerbauch unter Hemd und Krawatte kaum wiederzuerkennen. „Geiz ist geil!“ verkündet u.a. auch das Programmheft, das mit seinen Texten ein wenig die Richtung des Abends vorgibt. Dass die Komödie auch einen Generationenkonflikt behandelt, ist ebenso klar, wie toxische Männlichkeit, die gesellschaftliche Zerstörungskraft des Neoliberalismus und das Geld nicht unbedingt frei macht.

Eidingers „Heiko“ Harpagon lebt auch hier in ständiger Angst, man könnte ihm sein in einer Happy-Meal-Tüte verbuddeltes Bargeld stehlen und verdächtig krankhaft alle und jeden und vor allem seine Kinder Cléante (Damir Avdić) und Elise (Magdalena Lermer), die genau wie Elises heimlicher Geliebter Valère (Pablo Moreno) und die Bediensteten Simon, Jacques (beide gespielt von Falk Rockstroh) und La Flèche (Robert Beyer) Mitarbeiter in Harpagons Autohaus sind. Die hält der cholerische, kritikresistente Chef natürlich alle ziemlich kurz. Ein Arbeitsklima, das auch Mediationswochenenden, Seminare zu kritischer Männlichkeit und gemeinsames Schrottwichteln an Weihnachten nicht wirklich verbessern.

Lars Eidinger hält den Laden zusammen, singt, tanzt und rutscht im Autoschaumbad aus, dass das Publikum in jedem Fall auf seine Kosten kommt, auch wenn inhaltlich doch etwas magere Kost verabreicht wird. Textlich modernisiert haben den Molière der Regisseur und seine langjährige Dramaturgin Maja Zade. Moderne Prosa trifft auf eine Story mit Heiratsvermittlerin (Cathlen Gawlich als geschäftstüchtige Frosine) und Eheverträgen, was nicht immer passt, aber vor allem mit den jungen SpielerInnen im Ensemble (vor allem Damir Avdić und Magdalena Lermer) auch glaubhaft rübergebracht wird. Besonders das Vater-Sohn-Battle als maskuliner Hahnenkampf sorgt für Szenenapplaus. Ein Gespräch im Auto unter Männern bringt traumatische Kindheitserlebnisse mit Kotzeimer zu Tage. Aber dann flittert es wieder und Eidingers erotische Autowäsche mit Männlichkeits-Posen zum Diebstahlallarm amüsieren das Publikum. Einmal spielt er sogar die Siegespose Trumps nach dem Attentat auf ihn nach.

Da bleibt nicht viel Platz für die weiblichen Rollen, auch wenn Elise nicht weniger darüber motzt, mit dem alten Anselme (Axel Wandtke) verheiratet zu werden. Die von Vater und Sohn begehrte Marianne (Mano Thiravong) hat hier ein eigenes Geschäft, für das sie sich an den unappetitlichen Geizkragen binden muss. Ansonsten versucht die knapp 2stündige Inszenierung den Molière-Plot so gut es irgend passt abzuspulen. Streber und Schleimer Valère ist ein eher unangenehmer Kollege, an dem sich der unterlegene Jacques rächen will. Auch Axel Wandtke als mysteriöser Geldverleiher Anselme und am Ende überraschender Vater von Valère und Marianne tritt zweimal kurz wie der Geist von Heino auf. Davor wird noch ausgiebig mit Robert Beyer als Hercule Poirot nach der geklauten Million gefahndet. Am Ende steht Harpagon nach einer surrealen Albtraumsequenz von allen verlassen ganz allein auf der Bühne. Das ist Ostermeiers finale Sicht auf den patriarchalen Kotzbrocken. Molierés Geiziger wird hier zur aufgeschäumten Comédie frappé beim Gebrauchtwagenhändler. Man muss das nicht mögen, kann aber durchaus seinen Spaß an Lars Eidinger als gefeierte „Arschloch“-Rampensau haben.



Der Geizige an der Schaubühne Berlin | Foto (C) Gianmarco Bresadola

Stefan Bock - 4. April 2026
ID 15787
DER GEIZIGE (Schaubühne am Lehniner Platz, 02.04.2026)
von Molière, in einer Fassung von Maja Zade und Thomas Ostermeier

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Magda Willi
Kostüm: Vanessa Sampaio Borgmann
Musik: Lars Eidinger und Siriusmo
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Besetzung:
Harpagon ... Lars Eidinger
Cléante ... Damir Avdić
Elise ... Magdalena Lermer
Valère ... Pablo Moreno
Marianne ... Mano Thiravong
Frosine ... Cathlen Gawlich
Simon/Jacques ... Falk Rockstroh
La Flèche/Kommissar ... Robert Beyer
Anselme ... Axel Wandtke
Premiere war am 2. April 2026.
Weitere Termine: 04., 05., 06., 07., 08., 09., 10.04.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schaubuehne.de


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