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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Erschreckend

harmlos

inszeniert



Automatenbüfett von Anna Gmeyner - am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Thomas Aurin

Bewertung:    



Die österreichisch-britische Schriftstellerin und Dramatikern jüdischer Herkunft Anna Gmeyner (1902-1991) ist nach ihrer Flucht vor den Nazis ins englische Exil in deutschsprachigen Landen in Vergessenheit geraten. Erst ab den 2000er Jahren gibt es eine Renaissance ihres Werks. Die 2020 im Burgtheater Wien aufgeführte Inszenierung ihres bekanntesten Stücks Automatenbüfett von Barbara Frey bekam eine Einladung zum Berliner Theatertreffen, das 2021 allerdings nur virtuell im Netz stattfinden konnte. Nach einer weiteren Inszenierung von Elsa-Sophie Jach im Februar am Münchner Residenztheater ist das 1932 am Thalia Theater Hamburg uraufgeführte sozialkritisch-satirische Volksstück in der Regie von Jan Bosse auch am Deutschen Theater in Berlin angekommen. Bosse hat hier 2022 mit Shakespeares Sturm das letzte Mal Regie geführt. Seitdem ist einiges passiert in der Welt, oder mit Gmeyners Stückpersonal zu sprechen: „Europa ist ein Pulverfass, in das jeden Moment der zündende Funke fallen kann.“

Am Beispiel einer kleinen Stadtgesellschaft beschäftigte sich die Autorin kurz vor der Machtergreifung den Nationalsozialisten mit der Gier nach Geld und Macht, einem patriarchal aufgebauten Gemeinwesen und der Angst vor Veränderung in Form einer Sozial-Satire, die es in sich hat. Nicht nur die Bigotterie der männlichen Honoratioren, die sich im modernen titelgebenden Automatenbüfett der Frau Adam treffen, sondern auch das hierarchische und auf Vetternwirtschaft beruhende System wird satirisch und kapitalismuskritisch angeprangert. Der passionierte Angler Adam ist hier ein nach Höherem strebender Träumer, der sich von seinem Plan, die Angelteiche zur Fischaufzucht umzunutzen, einen Aufschwung der städtischen Wirtschaft verspricht. Als er die wegen einer gescheiterten Beziehung ins Wasser gehende Eva aus dem Teich zieht und mit ins Lokal seiner Frau nimmt, verfallen ihr die Mitglieder des „Deutschen Amateur-Fischer-Verbands“ der Stadt reihenweise und lassen sich so für Adams Projekt begeistern. Evas Reize sollen laut Adam also nicht verschwendet, sondern für einen höheren Zweck eingesetzt werden.

Das biblische Thema um die Verführung und Erkenntnis von Adam und Eva mal anders. Der Drang zum Fortschritt als erotisch aufgeladene Farce. Das geht natürlich gründlich schief und der wahre Charakter der Herren tritt zu Tage. Geld ist der Kitt, der die Männerwelt zusammenhält. Der Automat als ökonomischer Gleichmacher, der nicht „zwischen einem Menschen oder einem Individuum“ unterscheiden kann, funktioniert halt nur bedingt. Das meint in den Worten der Wirtin Frau Adam: „Jeder der was reinwirft, kriegt was raus.“ Nur das, was rauskommt auch vom nötigen Input abhängt. Und das Input-"Was" hier in der Not auch Messingknöpfe sein können. Und so klagt der schmarotzende Untermieter Pankratz im ironischen Büchner-Ton: „Ich wär sehr gern ein anständiger Mensch geworden, aber ich kam nicht dazu.“

Was bei Gmeyner satirisches Volkstheater ist, wird bei Regisseur Bosse zum Ringelspiel und reinem Jahrmarktsspaß. Dafür hat ihm sein langjähriger Bühnenbildner Stéphane Laimé einen bühnenfüllenden Karusselkorpus gebaut, an dem anstatt Gondeln Bierdosen und Fresskörbe hängen, die nach dem Einwurf des Geldes herunterschweben. Ein großer Hebel setzt die Drehbühne und Musik in Gang. Frau Adam (Julischka Eichel) sieht im Glitzerkostüm und blonder Perücke aus wie Dolly Parton in besten Jahren. Kostümbildnerin Kathrin Plath hat die Bewohner des kleinen Provinzstädtchens in Westernklamotten gesteckt. Immer wieder wird auch live etwas Country und Folk intoniert (Musik: Arno Kraehahn, Songs: Carolina Bigge). Nur das von Schumann vertonte Heine-Gedicht Die alten, bösen Lieder konterkariert da etwas das lustige Treiben auf der Bühne, das nur in einigen wenigen Phrasen der vereinsmeiernden Stammtischbrüder den Antisemitismus und aufkommenden Faschismus in Deutschland zeigt.

Felix Goeser als angelnder Schwadroneur schwärmt hier gleich zu Beginn, noch bevor er seine Eva (Mathilda Switala) ganz durchnässt aus dem Unterboden zerrt, von seinem Aufzuchtteich-Projekt. Der eitle Männerverein aus Schulrat (Jens Koch), Stadtrat (Komi Mizrajim Togbonou), streitsüchtigem Oberförster (Florian Köhler) und völkischem Redakteur (Til Schwindler) hängt dann auch schnell an der Angel und auch das Geschäft der Wirtin läuft zusehends besser, nachdem Eva und Adam die Netze auswerfen. Dabei macht sich die turtelnde Truppe relativ lächerlich. Nur der obdachlose, ehemalige Lehrer Puttgam (Manuel Harder) geistert als orakelndes Faktotum durch die Szenerie und greift nach den Brosamen vom Tisch der Betuchten, die nicht genug kriegen können, sich am Ende aber wieder gemeinsam gegen die unkonventionelle Eva und den mit leeren Händen dastehenden Adam wenden. Der will nun selbst in den Teich, der für Viehzüchter trockengelegt werden soll. Fleisch schlägt Fisch.

Die resolute Wirtin greift sich hier mit ihrem berechnenden Günstling Pankratz (Janek Maudrich) den nächsten großmäuligen Versager. Das Maudrich nebenbei auch als ehemaliger besitzergreifender Geliebter Evas Willibald Boxer auftritt, passt gut ins toxische Männerbild. Nur ist das hier auf die Dauer der fast drei Stunden doch etwas zu klamaukig nett und bis zum Walpurgisnacht-Kostümumzug skurril arrangiert. Dass der heute oft zitierte Vergleich zur Weimarer Republik hinkt, ist auch Regisseur Bosse im Programmheft aufgefallen. Und das eigentlich Erschreckende des Abends dann nur seine Harmlosigkeit.



Automatenbüfett am Deutschen Theater Berlin | Foto (C) Thomas Aurin

Stefan Bock - 27. März 2026
ID 15772
AUTORENBÜFETT (Deutsches Theater Berlin, 26.03.2026)
von Anna Gmeyner

Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Songs: Carolina Bigge
Licht: Robert Grauel
Dramaturgie: Karla Mäder
Besetzung:
Adam … Felix Goeser
Frau Adam … Julischka Eichel
Eva … Mathilda Switala
Pankraz, Willibald Boxer … Janek Maudrich
Puttgam … Manuel Harder
Schulrat Wittibtöter … Jens Koch
Stadtrat Erhardt … Komi Mizrajim Togbonou
Redakteur Arendt … Til Schindler
Oberförster Wutlitz … Florian Köhler
Premiere war am 26. März 2026.
Weitere Termine: 04., 11.04./ 05., 09.05.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.deutschestheater.de


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