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Uraufführung

Nur geträumt

TRÄUME IN EUROPA von Wolfram Lotz - uraufgeführt am Staatsschauspiel Dresden

Letzte Nacht hab ich seltsam geträumt, davon möchte ich erzählen.

Ich bin im Schauspielhaus in Dresden, anfangs ist alles wie immer, Bühne im Halbdunkel, ein klimperndes Klavier, Männer und Frauen betreten berufsbedingt bedeutungsschwer und seltsam gewandet die Szene, in der Mitte eine lange Tafel, wo Platz zu nehmen war.

Einer hebt an zu sprechen, dann eine andere, aber es entspinnt sich kein Dialog, es werden Geschichten erzählt, Träume, wie sich zeigen soll. (Das war schon lustig: Zu träumen, dass jemand von Träumen berichtet.)

Als Einstieg schien mir das gut, aber nach einer halben Stunde wird immer noch erzählt, immerhin gibt es die erste kleine Bewegung auf der Bühne, vorher wurde nur gesessen und ins Publikum geblickt. Eine weitere Viertelstunde später erfolgen sogar sprachliche Ausbrüche, zwar ohne erkennbaren Grund, aber immerhin ein Merker in der sich ausbreitenden Tristesse. Nach einer Stunde wird gar gesungen, erst solo, dann im Chor, wobei eine Spielerin, die sonst darstellerisch zu glänzen weiß, sich nackend in die Gruppe einreiht. Mir erscheint das nicht logisch, aber okay, es ist ein Traum, da gibt es selten stimmige Kausalketten.

Dennoch überkommt mich kurze Zeit später das dringende Bedürfnis, selbst laut zu schreien angesichts des zunehmenden Klamauks. Aber ehe ich das tun kann und unweigerlich aus dem Theater geflogen wäre, übernehmen das einige vom Bühnenpersonal, was bei denen ja zum Berufsbild gehört.

Im Traum fiel mir noch ein, dass die Träume bei Heiner Müller deutlich spannender waren. Aber was will man machen: Die körpereigene Traumfabrik gehorcht keinen dramaturgischen Gesetzen.

Währenddessen geht es weiter mit dem Geturne und Gerenne, Frau H. ist immer noch unbekleidet (das sollte ich vielleicht mit dem Therapeuten besprechen, warum ich von nackten Schauspielerinnen träume), und Herr B. geht zügig über die Bühne, erst von rechts nach links, danach von links nach rechts, wobei er ein Seil in der Hand trägt.

Dann erzählt die Nackte noch einen und beginnt anschließend im Kreis zu rennen, bis sie schließlich an ein Stück Bühnenbild prallt und hinschlägt. Das wird dann selbst mir zu blöd, und ich wache kurz für eine Pinkelpause auf – oder ich träume, dass ich kurz für eine Pinkelpause aufwache, wer weiß das schon, das Bett zumindest war morgens trocken.

Aber ich falle bald wieder in einen traumreichen Schlaf. Alle bisher Erschienenen sitzen bereits auf der Bühne, was man vom Saal nicht behaupten kann. Es gibt „Kopf auf Tisch“, aus Arbeitsschutzgründen hier „Hand auf Tisch“, sowas nennt man in Dresden Avantgarde-Theater. Dann einmal Krachbumm im Hintergrund, alle (außer ich natürlich) sind wieder wach.

Weiter im Text: „Ich verstand nicht, was er meinte, aber mir schien eine große Weisheit darin zu liegen“, einverstanden, zumindest mit dem ersten Teil.

Eine Aufsage kommt dann aus dem 2. Rang, wohin sich die Dame bemüht hat. Viel ist da oben heute nicht los, sie hat also Platz für ihre Darbietung. Später turnt eine andere Dame gar durch das Technik-Cockpit im Parkett, auch dabei saßen ihr nicht mehr viele im Weg.

Die Bühne dreht sich dann überraschend, was ein Grund zur Freude ist, es wird gehüpft und ein Regenbogenrekord verkündet. Versehentlich gibt es dann sogar eine verbale Interaktion zwischen zwei Darstellenden – sicher war das nicht so gedacht.

Zwischenzeitlich wende ich immer öfter den Blick zur Saaldecke. Die ist zweifellos sehr schön, und ich habe genug Muße mich daran zu weiden.

Das bisschen Bühnenbild wird dann zum Schauspieler-Spielgerät, es lässt sich fahren und drehen, da sind alle mit Freude dabei. Texte gibt es weiterhin, aber bedeutungs- und zusammenhanglos wie zuvor, deshalb will ich hier nicht weiter darauf eingehen. Auffällig oft ist jedoch von Verstorbenen die Rede, was Sinn macht: Die meisten der bisher gelebt Habenden sind schließlich auch schon tot.

Eine gar lustige Szene mit Helmen aus Glas fügt sich an, haha, die Behelmten versuchen zu knutschen, was leider nicht gelingt. Davon abgesehen wird aber reichlich geküsst.

Die Gesellschaft fährt mit der Bühne hinab, nur eine Dame steht im Hintergrund noch da, ist aber auch tot, wie sie sagt. Bei einem Blick ins Publikum stelle ich fest, dass sich viele prächtig unterhalten, wenn auch vorzugsweise miteinander.

Die Bühne erscheint wieder, ohne Gesellschaft, die aber sogleich von den Seiten herbei eilt und den anhaltenden Vortrag über die Untoten durch künstlerisches Durcheinandergerenne unterstützt. Es hüpft und springt, es stürzt, es eilt nach vorn und weicht zurück, das muss ganz großes Theater sein – ich kenne mich da nicht aus.
Die Trennung der Vereinigten Staaten wird verkündet, ein historischer Moment sicher, aber es ist, wie schon gesagt, alles nur ein Traum.

Säulen aus Ziegelsteinen sinken vom Bühnenhimmel herab, es wird sehr feierlich gesungen, dann ist aus. Jubel im Publikum, vielleicht auch deswegen.

Ein paar bisher nicht gesehene Menschen stellen beim Schlussapplaus das sonst übliche „Regie-Team“ dar, vermutlich, damit das Ganze wie ein richtiges Theaterstück wirkt. Auf die Rolle eines Dramaturgen hat man dann aber doch verzichtet – so unrealistisch wollte man selbst in meinem Traum wohl nicht sein.

*

Man träumt schon seltsame Sachen manchmal. Zum Glück ist die Realität ganz anders und in Dresden wird weiterhin richtig gutes Theater gemacht, und die Stimmung ist ganz großartig.



Träume in Europa von Wolfram Lotz am Staatsschauspiel Dresden | Foto (C) Sebastian Hoppe



Anm. d. Red.: Unser Autor vergab diesmal keine K-Bewertung; es war sich definitiv nicht sicher, ob er Wolfram Lotz' gestern uraufgeführtes Stück Träume in Europa tatsächlich live miterlebte oder nur von diesem Erlebnis träumte - ja und wer kennte sowas "Traumatisches" nicht aus eigener Erfahrung; daher: vollstes Verständnis.

Sandro Zimmermann - 10. Mai 2026
ID 15846
TRÄUME IN EUROPA (Staatsschauspiel Dresden, 09.05.2026)
von Wolfram Lotz

Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: Friederike Bernhardt
Choreografie: Rônni Maciel
Lichtdesign: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Jörg Bochow
Mit: Marin Blülle, Gina Calinoiu, Jakob Fließ, Philipp Grimm, Henriette Hölzel, Nihan Kirmanoğlu, Paul Kutzner, Torsten Ranft, Sarah Schmidt und Nadja Stübiger sowie
Friederike Bernhardt (Live-Musik)
UA war am 9. Mai 2026.
Weitere Termine: 11., 23.05./ 06., 19.6.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.staatsschauspiel-dresden.de


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