Serotonin
Sebastian Hartmanns Potsdamer Inszenierung des Houellebecq-Romans als pausenlosen Fünf-Stunden-Monolog für den bewundernswerten Schauspieler Guido Lambrecht ist zum Berliner THEATERTREFFEN eingeladen
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Bewertung:
Als Überraschung kann man es schon werten, dass vor einer Woche bei der Bekanntgabe der Einladungen zum Berliner THEATERTREFFEN im Mai zwei Brandenburger Theater berücksichtigt wurden. Nicht so überraschend ist sicher der Name des Regisseurs:
Sebastian Hartmann hat erstmals in Cottbus und Potsdam inszeniert. Der Hauptmann von Köpenick kommt als großartige Ensembleleistung aus der Lausitz nach Berlin und die ebenso bisher, was die Theaterkunst betrifft, eher etwas stiefmütterlich behandelte Nachbarstadt Potsdam schickt den Schauspieler Guido Lambrecht mit seinem Solo als Hauptfigur aus Michel Houellebecqs 2019 erschienenen Roman Serotonin. Lambrecht und Hartmann kennen sich seit ihren Anfängen am Theater und krönen diese Zusammenarbeit nun mit einem außergewöhnlichen, über 5 Stunden dauernden Theaterabend.
Lambrecht sitzt dabei ganz in Weiß (Kostüm: Adriana Braga Peretzki) auf einer Bank in einem weißen Bühnenkasten (Sebastian Hartmann) in der Potsdamer Nebenspielstätte Reithalle und verzahnt fast pausenlos und ohne klare Abgrenzung den in der Ich-Form geschriebenen Weltschmerz-Text Houellebecqs mit Berichten aus seiner eigenen Biografie, die er in der dritten Person über einen sogenannten „Jungen“ wiedergibt. Die Passagen, die Lambrecht als der Ich-Erzähler des Romans Florent-Claude Labrouste spricht, unterscheiden sich dabei kaum in ihrer langsamen, fast betonungslosen Diktion des Vortrags von den Erinnerungen des Schauspielers an seine Familie, die er bis zum Urgroßvater zurückverfolgt, und eigene Lebenserfahrungen aus Kindheit, Jugend sowie Schauspielstudium in der DDR und jüngerer Vergangenheit einflicht. Hin und weder verschwimmen die Berichte sogar miteinander. Ein Effekt, der sich sicher nicht ganz unbeabsichtigt einstellt. Das Toxische des Erzählers verschwimmt im aseptischen Weiß der Bühne, wird praktisch neutralisiert.
Dieser Abend ist sicher auch so konzipiert, bestehende Parallelen der fiktiven und realen Person auf der Bühne sichtbar zu machen. Zu Beginn erfahren wir viel über die Herkunft, das Elternhaus und die Beziehungen zu den Frauen des Ich-Erzählers Florent-Claude, der sich selbst auch mal als „Weichei“ bezeichnet. Es ist kein sympathischer Typ, der hier über die Vergeblichkeit der Liebe, das Versagen der modernen Gesellschaft und sich selbst jammert. Man ist zuweilen auch angewidert von den sexuellen Obsessionen dieses Mannes (wie bei Houellebecq üblich), sein antiquiertes, misogynes Frauenbild. Ein am Leben Gescheiterter, der sich irgendwann selbst aus dem Verkehr zieht. Zunächst verlässt der an Depressionen leidende Florent-Claude aber seine letzte Partnerin und die gemeinsame Wohnung und begibt sich mit einem Antidepressivum im Gepäck, das den Serotonin-Spiegel im Gehirn beeinflusst und als Nebenwirkung die Libido tötet sowie impotent macht, auf eine Reise durch Frankreich, weg von den großen Stadt Paris aufs Land und auf die Suche nach der Vergangenheit.
Dagegen lässt Regisseur Hartmann seinen Performer die biografischen Bruchstücke aus dessen Leben schneiden. Ohne den Erzeugervater bei seiner Mutter und wechselnden Männern als Bezugspersonen aufgewachsen, hat auch der Junge später wechselnde Beziehungen und Probleme sich im Leben zurecht zu finden. Auch gesundheitliche Probleme, die zum frühzeitigen Tod hätten führen können, muss er später durchmachen. So wie Houellebecq die Geschichte seines Protagonisten in konkrete politische und wirtschaftliche Ereignisse in Frankreich (Mercosur-Abkommen, militante Bauerproteste) einbettet, so haben politische (DDR) und wirtschaftliche Zwänge (Wendezeit) auch Einfluss auf das Leben des Jungen. Die Reflexionsebene der biografischen Figur mit ihren Lebenserfahrungen hat hier aber eine andere Qualität als bei der entscheidungsschwachen Romanfigur.
Inszenatorisch bedarf das kaum großer Eingriffe seitens des Regisseurs. Lambrecht wechselt nur ganz unvermittelt die Sitzposition, steht ein paar Mal kurz auf und tritt an den Rand des Kastens. Seine Blicke folgen den verschiedenen hinausgehenden und wieder hineinkommenden Publikumsgruppen. Hier pausiert Lambrecht auch, was den schier endlos wirkenden Vortrag noch zusätzlich dehnt. Nach vier Stunden Bericht und dem Ende der gewaltvollen Bauernproteste, nach denen Labrouste wieder zurück nach Paris flieht, rattern minutenlang Geräusche von gepanzerten Wagen aus dem Off. Die einzige längere Sprechpause für Lambrecht, der weiter in seinem Kasten verharrt.
Selbst kann man diesen pausenlosen Vortrag immer wieder verlassen und für Erfrischungen ins Foyer gehen, während Lambrecht per Video dorthin übertragen wird. Der sonore Houellebecq-Sound wird einen auch dort nicht loslassen. Es gibt ruhige, fast meditative Momente, die neben den oft recht expliziten Schilderungen und kurzen Pointen im Text stehen, und die aus dem Publikum mal mit leichtem Lachen oder leisen Kommentaren bedacht werden. Diese nicht vorhersehbare, kaum merkliche Interaktion zwischen Performer und Publikum erzeugt eine gewisse Spannung und Unsicherheit, wie man auf den Vortrag reagieren und ihn für sich einordnen soll. Das macht auch neben der bewundernswürdigen Konstitution Lambrechts das Bemerkenswerte des Abends aus. Nicht jede Vorstellung wird da gleich sein.
„Ein Meisterwerk des theatralen Minimalismus“, wie es in der Begründung der THEATERTREFFEN-Jury treffend heißt.
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Serotonin mit Guido Lambrecht - in der Reithalle Potsdam | Foto (C) Thomas M. Jauck
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Stefan Bock - 21. Januar 2026 ID 15661
SEROTONIN (Reithalle Potsdam, 16.01.2026)
nach dem Roman von Michel Houellebecq
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann
Licht: Lothar Baumgarte
Kostüme: Adriana Peretzki
Dramaturgie: Christopher Hanf
Mit: Guido Lambrecht
Premiere am Hans Otto Theater: 13. Dezember 2025
Weiterer Termin: 15.02.2026
Weitere Infos siehe auch: https://www.hansottotheater.de/
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