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nachDRUCK # 6

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Neuinszenierung

Margarine

statt Butter



Pretty Privilege am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

Bewertung:    



Bühnenbearbeitungen von Romanen sind ein lukratives Geschäft. Wenn deren Autoren mehr als 70 Jahre tot sind, fließen die Tantiemen in die Taschen der Sekundärschreiber, bei fremdsprachigen Werken auch der Übersetzer. Zu den am häufigsten dramatisierten Romanen zählt Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde aus dem Jahr 1890. Wer die aktuellen Spielpläne der deutschsprachigen Theater durchblättert, stößt flächendeckend auf unterschiedliche Adaptionen des Erfolgsromans. Dabei fällt auf, dass die Dramatiker ohne eigene Einfälle Autoren bevorzugen, die sich vor allem mit Bühnenwerken einen Namen gemacht haben, die also gewusst haben müssen, wann und warum sie sich für eine bestimmte Gattung entschieden haben wie, neben Oscar Wilde, beispielsweise Thomas Bernhard. Beim Berliner Theatertreffen gastiert, neben Stücken „nach“ Thomas Melle, Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Klaus Mann und Michel Houellebecq, das Wiener Volkstheater mit der Novelle Fräulein Else, die als innerer (!) Monolog abgefasst ist, als hätte Arthur Schnitzler keine Dramen geschrieben. Der Großteil wird nicht mehr gespielt. Zu Unrecht. Das Theatertreffen aber verspricht Butter und liefert zu 50 Prozent Margarine. Herangewachsen ist eine Generation von Dramaturgen und Zuschauern, die den Unterschied zwischen Dramatik und Epik nicht mehr kennt, für die diese wie jene „großes Kino“ ist (oder eben nicht), für die Margarine wie Butter schmeckt. Es ist zum Heulen, aber ich habe resigniert. Und tröste mich mit der Verfilmung von Hemingways Haben und Nichthaben durch Howard Hawks, wenn ich an all die miesen Literaturverfilmungen denke.

In Stuttgart hatte nun eine Fassung des Dorian Gray von Wilke Weermann. Jahrgang 1992, ihre Uraufführung, bei der Weermann selbst auch Regie führte. Die deutsche Bearbeitung des englischen Romans trägt den englischen Titel Pretty Privilege. Das passt zu Oscar Wilde. Ansonsten hat Wilke Weermann nicht viel im Sinn mit dem schwulen Dandy. Er führt uns stattdessen einmal mehr – richtig – in die Welt von KI, in der uns Thomas Köck erst kürzlich zurückgelassen hat und aus der es kein Entrinnen mehr zu geben scheint. Dabei wird meist vergessen, dass auch Künstliche Intelligenz nur mit dem Material operiert, das ihr die natürliche Intelligenz von Autoren eingegeben hat. Die Qualität von Weermanns hübschem Privileg bemisst sich daran, ob es den Input von Oscar Wilde übertrifft, ihn zumindest erreicht, oder ob er hinter ihm zurückbleibt. Die Kolleginnen und Kollegen von der Kritik scheinen den Unterhaltungswert von Pretty Privilege, mit Abstrichen, erkannt zu haben. Mir ist er verborgen geblieben. „Selber schuld“, spotteten wir als Schulkinder…

Von Oscar Wildes Kunst der Konversation, von seinem Esprit – keine Spur. Man kann den irischen Außenseiter als veraltet, seinen Duft von Salon als unangenehm empfinden. Aber Wilke Weermanns „Überschreibung“ ist nicht mehr als ein Sammelsurium von Motiven aus dem Bildnis des Dorian Gray wie Langlebigkeit, Altern, Unsterblichkeit, Schönheit, Gesundheit, ohne Verbindungen, ohne Handlungsfaden, eine Montage, eine Folge vereinzelter kabarettistischer Szenen, teils dialogisch, teils frontal vorgetragen. Auf der kleinen Bühne des Kammertheaters sieht man sieben unterschiedlich große Rundbogen, in und vor denen sich die Schauspieler redlich abstrampeln, unter chinesischen Laternen. Chinesische Laternen? Muss man deren Symbolik kennen, um sie zu verstehen?

Butter oder Margarine? Ein chinesisches All-You-Can-Eat-Buffet oder ein Afternoon Tea? Im März hat ein Theaterstück von Oscar Wilde am Schauspiel Stuttgart Premiere. Als Wiedergutmachung?



Pretty Privilege nach Oscar Wildes Bildnis des Dorian Gray - am Schauspiel Stuttgart | Foto (C) Björn Klein

Thomas Rothschild - 11. Februar 2026
ID 15691
PRETTY PRIVILEGE (Kammertheater, 10.02.2026)
von Wilke Weermann - nach Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray

Inszenierung: Wilke Weermann
Bühne: Johanna Stenzel
Kostüme: Teresa Vergho
Musik: Constantin John
Video: Christian Neuberger
Licht: Peter Krawczyk
Dramaturgie: Benjamin Große
Mit: Tim Bülow (als Dorian), Teresa Annina Korfmacher (als Sibyl), Mina Pecik (als Jane), Felix Jordan (als Henry) und Sebastian Röhrle (als Basil)
UA am Schauspiel Stuttgart: 7. Februar 2026
Weitere Termine: 12., 24., 25.02.2026


Weitere Infos siehe auch: https://www.schauspiel-stuttgart.de


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