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Uraufführung


Zwischen Märchen & Molle, Brecht & Bolle: In Lothar Trolles – im „Theater an der Parkaue“ und in der Regie von Sascha Bunge uraufgeführten – Stück Sie leben! Sie leben! Sie leben noch immer! werden Berliner Bordsteinkanten nachgezählt und eine japanische Sage nacherzählt



Szene aus Sie leben! Sie leben! Sie leben noch immer! von Lothar Trolle, uraufgeführt im Theater an der Parkaue - Foto (C) Jamal Tuschick


Überleben im gekürzten Kampfanzug

Ein Sternburg-Tempel hat dichtgemacht. Die Gläubigen kommen trotzdem und bevölkern das Trottoir vor dem endgültig niedergegangenen Rollladen. Allen voran marschiert ein Greis im stark gekürzten Kampfanzug auf. Sein City-Mobil ist ein Rollator, vollgepackt mit dem Bier zum Überleben. Taube Aggression geht von dem Mann aus. Da steht einer, dem man in der Reduktion noch allerhand zutraut. Lutz Dechant spielt den Alten als einen Sieger in seinem Eigensinn. Berlin bleibt seine Stadt, bloß, dass er da kaum noch über die Straßen gelangt. Er weiß: „Die Straßen fangen an, als wären sie zu Ende.“

Die Schauspieler sind namenlos in ihren Rollen, man muss sie bürgerlich ansprechen. Franziska Ritter erklärt das Spiel. Womöglich hat eine Person, die ihr gleicht, die Trinkhalle aufgegeben. Die Kundschaft beansprucht ein Gewohnheitsrecht vor Ort. Die Hartnäckigen tagen im Freien auf Kästen. Obwohl sie auch geistig nicht obdachlos sind. Sie haben ihre Geschichten, das Leben ist für sie zu einer Erzählung geworden. Es geht, das stellt Franziska Ritter überschwänglich fest, um den Alltag in seinen kleinsten Karos und größten Mysterien. Lauter doppelte Böden klappen auf. Ein Engel bringt Stumme zum Klingen – und Jakob Kraze erzählt von einem Busfahrer aus Moabit. Der kann seiner Kopfschmerzen wegen nicht schlafen. Eine Stimme befiehlt ihm (im Stil einer japanischen Sage), im Friedrichshain „unter Fafners erhobener Tatze“ zu graben. Der Busfahrer befreit an vorgezeigter Stelle einen in Wurzeln gefangenen, fast schon gesprengten Schädel und wird im Gegenzug von den Kopfschmerzen befreit. Franziska Krol sekundiert mit einer Moral: „In unserem Leben hängt also doch viel mehr zusammen als man ahnt.“

Jakob Kraze erwähnt das seltsame Gebaren eines Mannes im Rinnstein. Den haben schon viele gesehen: wie er „im tiefsten Frieden“ sein Messer wetzt. Das Ensemble steigt gestisch ein und steigert sich zum Veitstanz. Denis Pöpping schildert einen Mord. Auf einem Recyclinghof verletzt sich einer. Während er die Wunde behandelt, überfällt ihn der Wunsch zu töten. Egal wen. Nichts könnte zufälliger sein als die Begegnung zwischen Täter und Opfer.

In diesem Trolle-Stück nimmt vor lauter Fülle viel überhand, man geht am Stock eines humpelnden Verständnisses. Der Autor transformiert Märchen und Mythen, er erzählt das Tränenkrüglein und Die fünf weißen Ratten im Schloss Monbijou auf erhellende Weise neu. Die Frau eines fremdgehenden Drogisten wendet sich an den nächstbesten Pfarrer, er möge ihren Mann wieder in sie verliebt machen. Ein Ring soll das richten, der Pfarrer ist Magier außerdem. Der Ring tut, was er soll und zwar unter der Zunge. Die Frau stirbt nun, der Drogist kann sich von ihrer Leiche nicht trennen. Seine hündische Trauer ruft die Polizei auf den Plan, der Pfarrer kriegt Wind davon. Rechtzeitig greift er aus der Toten Schlund den Ring, schlagartig hört der Witwer auf zu klagen. Doch hat sein Elend noch eine Strecke von der Prenzlauer Allee bis nach Weißensee vor sich. In der Zwischenzeit lässt eine Mutter ihre Kinder oft allein, da ihr nach Tanzen im Tresor zumute. Einmal flüchten die Verlassenen in Gewitterangst zu den tiefen Lagen des Haushalts, übrigens in der Eylauerstraße. Im verkaterten Morgengrauen findet die Mutter ihrer Kinder so ungefähr im Spülkasten und schimpft sie Ratten – mit umgehender Wirkung. Caroline Erdmann erzählt wie die Blagen Ratten werden, Franziska Krol legt nach oder vor, das weiß ich nicht mehr, mit der Schote von einer, die schmiert ihrem Stecher gerade die Stulle, da kommt er ihr ungelegen und läuft ins offene Messer. Und immer wieder heißt es: „Eine geht noch“, nur eben die nicht mit dem Juden in der Titelrolle. Thomas Pasieka kommt nicht dazu, mehr zu verraten. Seine Mitspieler fallen ihm jedes Mal ins Wort. Dabei können sie so aufmerksam sein, wenn von Rosa Luxemburg die Rede ist. Wie sie ermordet wurde und auftrieb im Landwehrkanal.




Schlussapplaus nach Lothar Trolles Uraufführung Sie leben! Sie leben! Sie leben noch immer! im Theater an der Parkaue - Foto (C) Jamal Tuschick



Bewertung:    


Jamal Tuschick - 30. Oktober 2013
ID 7304
SIE LEBEN! SIE LEBEN! SIE LEBEN NOCH IMMER! (Theater an der Parkaue, 29.10.2013)
Regie: Sascha Bunge
Bühne: Angelika Wedde
Kostüm: Clemens Leander
Video: Konstantin Bock
Musikalische Einstudierung: Stefan Faupel
Dramaturgie + Theaterpädagogik: Hannes Oppermann
Mit: Lutz Dechant, Caroline Erdmann, Jakob Kraze, Franziska Krol, Thomas Pasieka, Denis Pöpping und Franziska Ritter
Uraufführung war am 29. Oktober 2013
Weitere Termine: 27., 28., 29. 11.; 16., 17. 12. 2013 / 21., 22. 1. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.parkaue.de/


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