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Feuilleton Theater

Theater, Osnabrück

TOSCA

Oper von Giacomo Puccini (in ital. Sprache)
(C) Foto: ist Uwe Lewandowski | http://www.osnabrueck.de


Puccini als Avantgarde-Komponist

„Tosca“ in Osnabrück: Gastdirigent Rasmus Baumann verblüfft mit einer kühnen Klangauffassung

Eine Milliarde Fernsehzuschauer sollen 1992 die von Brian Large an Originalschauplätzen produzierte „Tosca“ verfolgt haben. Ins Unüberschaubare angewachsen ist die Zahl der Gesamteinspielungen und Kino-Adaptationen. Doch der erdrückenden Rezeptionsgeschichte zum Trotz gelingt den Städtischen Bühnen Osnabrück eine Neuproduktion dieses Opernmythos ohne den penetranten Nachgeschmack des längst Bekannten.

Einen entscheidenden Anteil zu diesem Erfolg steuern Gastdirigent Rasmus Neumann vom Staatstheater Kassel und das Osnabrücker Symphonieorchester bei. Mit einer unerwartet scharfkantigen und schroffen Interpretation der ohnehin harten Orchestersprache der „Tosca“ rufen sie die Modernität des Werkes zum Zeitpunkt seiner Uraufführung im Jahr 1900 in Erinnerung. Alles Kinematographische weit hinter sich lassend machen Baumann und das Orchester das Bedrohungspotenzial der Bühnengeschehnisse geradezu physisch erlebbar. Um so wirkungsvoller heben sich von den beunruhigenden Gewalträuschen die delikat musizierten, aber in latenter Spannung gehaltenen, blühenden orchestralen Lyrismen der Liebesduette ab. Insgesamt vermitteln Baumann und das Orchester eindringlich, wie in dieser Musik eine Ahnung der verheerenden politischen Katastrophen des 20.Jahrhunderts steckt und springen mit ihrer Lesart für eine Inszenierung ein, die die politische Dimension der Oper weit zurückhaltender angeht.

(C) Foto: ist Uwe Lewandowski | http://www.osnabrueck.de

Auch wenn das Orchester die dramatische Aktion dominiert, nimmt die musikalische Koordination mit der Bühne dadurch kaum Schaden. Als darstellerisch ausdrucksstarke Tosca setzt Nicola Beller Carbone im 2.Akt den entfesselten orchestralen Klangattacken mit einem kraftvollen Sopran die hochdramatischen Spitzen auf, während sie besonders im 3.Akt mit berückend zartfühlenden, nahezu schwerelosen Gesangsgesten überzeugt. Etwas splissig-nervös wirkt hingegen am Premierenabend noch ihr „Vissi d’arte“. Ricardo Tamura glänzt als Cavaradossi: Mit stimmlicher Noblesse, strahlenden Forte und Expression ohne Exaltation formt der absolut höhensichere Tenor ein ergreifendes Charakterportrait des Malers. Dem von Puccini musikalisch nicht ganz so reich bedachten Scarpia verleiht George Gagnidze eine alle Facetten des Dämonischen, Spöttischen und verschlagen Liebenswürdigen umklammernde Gesangsmaske.

Thilo Borowczak inszeniert zunächst sorgfältig am Stück entlang. Ab dem Ende des 2.Akts konzentriert er sich ganz auf Tosca und findet zu ebenso einleuchtenden wie suggestiven Bildern, etwa wenn Tosca nach der Ermordung Scarpias mit dem Tatwerkzeug auch noch das von Cavaradossi im 1.Akt gemalte Bild der Maria Magdalena, das nun im Gemäldekabinett des Polizeichefs hängt, zerstört - die unheilstiftenden Folgen ihrer Eifersucht und ihrer Rolle als Phantasiefrau der Männer erkennend. Danach fällt sie in den Zustand einer infantilen Trance zurück; der Gesang des jungen Hirten zu Beginn des 3.Akts (Alissa Rose) ist ein verstörtes Zwiegespräch Toscas mit sich selbst, mit dem jungen unschuldigen Mädchen, das sie im Innern ihres Herzens stets geblieben ist. Das ist sehr anrührend, weil es ganz unaufdringlich empfinden lässt, was die Zeitläufte dann auch des 20.Jahrhunderts den Menschen angetan haben. Am Ende gibt es einen zwar nicht librettogetreuen, doch musikdramaturgisch schlüssigen Beinahe-Liebestod: In genauer Entsprechung zum finalen orchestralen Verzweiflungsausbruch von Cavaradossis Arienthema sticht sich Tosca nieder und stirbt in einer letzten Wendung hin zum toten Geliebten.

(C) Foto: ist Uwe Lewandowski | http://www.osnabrueck.de

Im 1.Akt hadert Borowczaks einfühlsame Inszenierung allerdings mit dem konzeptionell stichhaltigen, aber kontraindizierte Stimmungswerte schaffenden Bühnenbild Harald Stiegers. Die Figuren bewegen sich auf einem leicht nach vorne gekippten, von einem Prunkrahmen umfassten Ölgemälde, im Hintergrund hängen ein paar leere Bilderrahmen. Was als ironische Auseinandersetzung mit den Tosca-Mythen der Inszenierungsgeschichte gedacht sein mag, verkitscht und verkleinert dann doch auch das Gefühlsleben der Figuren auf der Bühne und entzieht dem großen Liebesduett die atmosphärischen Voraussetzungen, damit es zwischen Tosca und Cavaradossi richtig knistern kann. Im Verlaufe des Abends erscheinen in den Bilderrahmen mit wechselnder theatralischer Überzeugungskraft mehrfach das Seelenleben der Protagonisten ausleuchtende szenische Arrangements. Was im 3.Akt mit Tosca als Hirtenmädchen so eindringlich gelungen ist, verebbt während des Te Deums in einer - zwar äußerst symbolstarken - Statik ohne Magie und Sinnlichkeit.

chr.t. - red / 19. April 2004



Die nächsten Aufführungstermine: 21. und 28.April, 2. (15Uhr), 5., 11., 14., 20., 22. und 28.Mai.
Kartentelefon: (0541) 323 33 14.

Siehe auch: http://www.osnabrueck.de/theater/25492.htm




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