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Theatergeschichte

Prinzessin Turandot,

inszeniert von Jewgeni

Bagrationowitsch

Wachtangow (1883-1922)

Ein Fundstück


Der russische Theaterregisseur J.B. Wachtangow (1883-1922) | Bildquelle: Wikipedia



Unsere Vorstellung von Theater, die vieler professioneller deutscher Kritiker und erst recht des „ganz normalen“ Publikums, ist bis heute weitgehend geprägt vom psychologischen Realismus des 19. Jahrhunderts. Dabei gab es schon lange davor und gibt es außerhalb Europas und Nordamerikas Spielformen, die mit Seelenkunde ebenso wenig im Sinn haben wie mit der naturalistischen Abbildung des „wirklichen Lebens“, die Heiner Müller einmal treffend das „Genau-wie-Onkel-Otto-Theater“ nannte. Man denke etwa an die Commedia dell’arte mit ihren konventionalisierten Figuren und deren standardisierten Haltungen und Gesten, an das Wiener Volkstheater oder an das japanische Kabuki.

Auch im 20. und 21. Jahrhundert plädierten und plädieren einzelne Bühnenkünstler immer wieder für ein antimimetisches Theater, aber selbst ihre Arbeiten wurden und werden, außer von ihrer Fangemeinde, meist an der Übereinstimmung mit der außertheatralen Erfahrung gemessen.

Theaterhistoriker nennen die Avantgardisten, die für Stilisierung, Artifizialität und Ästhetizismus geworben haben. Aber es gehört zum Wesen des lebendigen Theaters, dass ihre Produkte, wenn man von Modellen, Skizzen und Fotos absieht, keine Spuren hinterlassen haben. Beschreibungen ersetzen nicht die Anschauung, Wie gerne wüssten wir, wie eine Aufführung vor hundert Jahren ausgesehen hat. Vergebens.

*

Aber es gibt Glücksfälle. 1922 hat der russische Regisseur Jewgeni Bagrationowitsch Wachtangow kurz vor seinem Tod Carlo Gozzis Turandot einstudiert. Die Inszenierung wäre heute Papier, wie so viele historische Aufführungen, wenn der sowjetische Regisseur Ruben Nikolajewitsch Simonow nicht 1963 die Idee gehabt hätte, am nach Wachtangow benannten Theater, das er damals leitete, die legendäre Inszenierung zu rekonstruieren. Simonow war dafür bestens qualifiziert. Er hatte als 23-jähriger bei Wachtangow den Truffaldino gespielt. Dass an dem Theater damals einige der besten und beliebtesten Moskauer Schauspieler*innen arbeiteten, allen voran die hervorragende Julija Konstantinowna Borisowa, war ein Geschenk des Himmels. Das Stück blieb mit ihr in der Titelrolle 20 Jahre auf dem Spielplan. 1971 wurde die Inszenierung für das Fernsehen schwarz-weiß verfilmt. Es gibt sie als DVD, die allerdings in Deutschland nicht zu bekommen ist und aus Russland nicht ins Ausland versandt wird. Aber auf YouTube kann man die Aufzeichnung herunterladen, in russischer Sprache, versteht sich, und nur mit russischen Untertiteln, was aber kein großes Manko ist: Dieses gestische Theater ist auch ohne Sprachkenntnisse verständlich, zumal wenn man mit der Story – und sei es auf dem Umweg über Puccini – vertraut ist. Sein Bekenntnis gegen den Illusionismus wird vom ersten Moment an deutlich, wenn das Ensemble in Frack und Abendkleid mit seinen bürgerlichen Namen vorgestellt wird und sich bei offenem Vorhang zwischen hereinflatternden Kulissen verkleidet. Als Wachtangow seine Prinzessin Turandot auf die Bühne stellte, war Bertolt Brecht gerade 24 Jahre alt. Es dauerte noch 14 Jahre, ehe er seinen Verfremdungseffekt definierte. Dabei verwies er auf das chinesische Theater. Ist es ein Zufall, dass Wachtangow auf die Commedia dell’arte und zugleich auf einen chinesischen Stoff zurückgriff? In diesem Zusammenhang mögen einem Giorgio Strehler und seine berühmten Inszenierungen, Der Diener zweier Herren und Der gute Mensch von Sezuan, einfallen. Apropos: den Terminus „Verfremdung“ hat der russische Literaturtheoretiker Viktor Schklowski in einer etwas anderen Bedeutung als Brecht schon kurz nach der Wachtangow-Premiere von Prinzessin Turandot verwendet.



Prinzessin Turandot 1971 | Bildquelle: youtube.com


* *

1998, anlässlich des hundertsten Geburtstags von Ruben Simonow, wurde die Inszenierung ein weiteres Mal, immer noch mit der mittlerweile 73-jährigen Julija Borisowa, aufgezeichnet. Und niemand fragt nach der „Glaubwürdigkeit“ einer Turandot im Seniorenalter. Was, wenn nicht dies, wäre großes Theater? Stanislawski hat den Schüler Wachtangow, der 20 Jahre jünger war als er selbst und 9 Jahre jünger als Stanislawskis Kontrahent Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold und der nur 39 Jahre alt wurde, trotz der Gegensätze in den Auffassungen von Theater bewundert.

Die Prinzessin Turandot hat sogar die Sowjetunion überlebt – und zugleich die stereotype Behauptung als Selbstbetrug entlarvt, wonach bedeutende Kunst der Demokratie bedürfe. Die gab es in Russland 1963 bekanntlich ebenso wenig wie 1998.
Thomas Rothschild – 20. September 2026
ID 16050

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