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Dreikönigstreffen – Die Zauberflöte, Iphigénie en Aulide und Götterdämmerung an der Staatsoper Stuttgart



Staatstheater Stuttgart/Opernhaus - Foto (C) Heiko Schon


Sarastro / Die Zauberflöte, 18.01.2013


Wir wissen es alle: Wenn jemand vor der Vorstellung an die Rampe tritt, ist das zumeist kein gutes Zeichen. Der ursprünglich vorgesehene Sänger des Sarastro ist erkrankt, ebenso die Königin, sogar deren Einspringerin. Schuld daran sind die Minusgrade, die Stuttgarts Stimmbänder schockgefrostet haben. Solche Erkältungsansagen hört das Publikum immer dann, wenn es draußen mal regnet, zu frisch oder zu warm ist. Also eigentlich das ganze Jahr über. Nun hat man sich aus der Deutschen Oper Berlin die Königin der Nacht für eine selbige geborgt - und Burcu Uyar verwandelt ihre Chance in pures Gold. Sie greift flammend timbriert nach den Sternen, schießt mit jeder Koloratur einen Eispfeil ab, passt sich trotz der wenigen Probestunden perfekt ins Regiekonzept ein. Der Saal lauscht, hält kollektiv den Atem an: Uyars zweieinhalb Nummern sind wahrlich große Augenblicke. Doch davon gibt’s reichlich in Peter Konwitschnys 2004 herausgekommener Zauberflöten-Inszenierung: Ein hopsender Papageno-Flummi in rosa Strumpfhosen (singschauspielerische Granate mit beachtlichem Hüftschwung: André Morsch), ein ängstlich im Orchestergraben abwartender Tamino (eine tenorale Versuchung: Atalla Ayan) und ein Sarastro als wichtigtuerischer Fernsehprediger (Thomas Mehnert) halten einiges für Hirn und Zwerchfell parat. Im Grunde müssten hier alle Charaktere und ihre Interpreten einzeln genannt werden, auch das Staatsorchester, deren Klang aufs Herrlichste mit der Bühnenaktion interagiert.

Im Programmheft spricht Konwitschny das aus, was allzu oft unter den Teppich gekehrt wird: Die einer Sekte ähnelnde Gemeinschaft um Sarastro zeigt mit ihren Verboten (denn nichts anderes sind diese „Prüfungen“), wie unmenschlich sie ist. Worin besteht der Sinn des Schweigens, des geforderten „männlichen Betragens“? Scheitern nicht die meisten Beziehungen letztlich an mangelnder Kommunikation? In den Sprechtexten muss Schikaneder einige Federn lassen, auch gesungene Sätze wie "Dies Bildnis ist bezaubernd schön" kann Konwitschny nicht ohne Kommentar passieren lassen. Und so ist es nur konsequent, dass Tamino und Pamina hier am Ende kein glückliches Paar sind. Gibt es keine Liebe auf den ersten Blick? Doch, doch, die gibt es schon. Vorausgesetzt, man sieht nicht mit den Augen. Sondern mit dem Herzen. Eine zeitlos wichtige Botschaft, verpackt in einen grandiosen Musiktheaterabend.

Weitere Vorstellungen: 23., 25., 27. 1. 2013




André Morsch als Papageno in Die Zauberflöte an der Staatsoper Stuttgart - Foto (C) A. T. Schaefer


Agamemnon / Iphigénie en Aulide, 19.01.2013


Bleiben wir bei Peter Konwitschny. Dieser konnte seinen begonnenen Gluck-Zyklus an der Oper Leipzig nicht mehr vollenden, da ihm Ulf Schirmer ins programmatische Handwerk pfuschte. Viele Ideen des Chefregisseurs passten dem konservativen Dirigenten und Neuintendanten nicht in den Kram. Daraufhin warf Schirmer die ganze Saison um - und Konwitschny warf hin. Wie bedauerlich das ist, wird einem gerade heute wieder bewusst. Denn wo Konwitschny in Glucks Iphigénie en Aulide mit federleichtem Florett zustach, schwingt Andrea Moses eine ziemlich morsche Keule (Premiere war am 1. 11. 2012). In Leipzig trat die Jagdgöttin Diana als amerikanische Freiheitsstaue auf, um gackernd eine Konfettibombe zu zünden und Agamemnons Flotte in den trojanischen Krieg zu blasen. In Stuttgart gibt es keine Götter mehr. Dort kann man stattdessen die Griechen beim Apfelkauen beobachten. Oder die Dienerinnen Klytämnestras beim Kofferschleppen. Oder Iphigenie, wie ihr ein paar Nylonstrümpfe über die Beine gezogen werden. Doch überwiegend spielt sich das Ganze an der Rampe ab. Ausstatter Christian Wiehle viebrockt eine Werfthalle auf die Bühnenbretter und lässt viel dunkle AnzugträgerInnen aufmarschieren. Glücklicherweise sind der Staatsopernchor und Hadar Halévy als mezzogewaltige Klytämnestra mit von der Partie. Ohne sie wäre der Abend auch musikalisch auf Grund gelaufen.



Iphigénie en Aulide an der Staatsoper Stuttgart - Foto (C) A. T. Schaefer



Gunther / Götterdämmerung, 20.01.2013


Gestern war Wahl in Niedersachsen, und bei der FDP, die hier vor zwei Wochen ihr Dreikönigstreffen abhielt, geht es - mal wieder - um alles oder nichts. In Peter Konwitschnys Inszenierung der Götterdämmerung spielt Politik überhaupt keine Rolle. Vielmehr räumt der Regisseur die Bühne fürs Wesentliche frei. Die Nornen sind Babičkas auf Durchreise, die irgendetwas Gestricktes aufräufeln, bis die Wolle reißt; Klein-Siegfried stürzt sich mit Flügelhelm, Doppel-D-Brustpanzer und Steckenpferd Grane in neue Abenteuer; Brünnhilde wartet am gedeckten Abendbrottisch darauf, dass der Mann endlich nach Hause kommt; Gutrune bäckt zur Freude einen Gugelhupf, und der unverschämten Waltraute wird der Schild hinterhergeworfen. Es sind alltägliche Situationen, die Konwitschny hier aneinander reiht. Die Handlung vollzieht sich bei ihm nicht in einer weit entfernten Mythenwelt, sondern mitten unter uns. Als Hagen nach dem Mord an Gunther den Ring ergreifen will, zerbricht die allerletzte Illusion: Im Saal wird’s hell, Brünnhilde erscheint im roten Kostüm und schickt jeden von der Bühne - egal, ob tot oder nicht - in die Garderobe. Ihren Schlussgesang widmet sie dem Publikum, ebenso den Ring. Alles Weitere steht im Text. Und von ganz allein kommt dann eine Erkenntnis: Dass die einfachsten Mittel zugleich auch die wirkungsvollsten sind.

Aus der exquisiten Besetzung sticht Stefan Vinke hervor. Vinke spielt den Siegfried nicht nur kraft- und lustvoll, sondern singt ihn auch so, mit voluminösem, beweglichem Heldentenor. Dirigent Marc Soustrot schwelgt nicht allein im Klangrausch, sondern meißelt die harten und brutalen Passagen heraus, ohne dabei die Sänger zuzudecken. Das Staatsorchester und der Staatsopernchor gehören über den grünen Klee gelobt.

Weitere Vorstellungen: 30. 1. / 3., 10., 17. 2. 2013



Stefan Vinke als Siegfried und Irmgard Vilsmaier als Brünnhilde in der Götterdämmerung an der Staatsoper Stuttgart - Foto (C) Martin Sigmund


Heiko Schon - 21. Januar 2013
ID 6496

Weitere Infos siehe auch: http://www.oper-stuttgart.de


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