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13. Oktober 2011, Schauspiel Köln

WARTEN AUF GODOT



WARTEN AUF GODOT am Schauspiel Köln - Foto (C) Arno Declair


Spielen gegen das Grauen

Wladimir, genannt Didi, und Estragon, genannt Gogo, warten. Aber anders als der Autor Samuel Beckett es in seinem Stück Warten auf Godot vorgesehen hat, gibt es keine einsame Landstraße und keinen Baum, nur einen kalten weiten Raum ohne Ausgang. An der Rampe stapelt sich Kleidung. Alles muss man sich erspielen auf dieser Bühne von Katrin Nottrodt, selbst den Baum, an dem Gogo sich aufhängen will.

Regisseur Thomas Dannemann verortet Becketts Geschichte im Dritten Reich. Damit dockt er an jüngste Forschungen zu Becketts Text an, die ihn als eine Beschreibung der Situation derjenigen Menschen lesen, die zur Zeit der deutschen Besatzung in Paris in den nicht besetzten Teil Frankreich geflohen sind und die nun darauf warten, außer Landes gebracht zu werden. „Womöglich findet das letzte Jahrhundert in seinem Drama deutlicher Ausdruck, als es seine Aufführungsgeschichte zeigt“, steht auf der Website des Schauspiel Köln zu Becketts Warten auf Godot, mit Verweis auf Becketts eigene Flucht vor den Nazis. Auch die Texte im Programmheft zielen in diese Richtung einer historischen Verortung.

Diese Konkretisierung findet auch in den Kostümen Ausdruck: Pozzo und Lucky tragen Gefängniskleidung, die zugleich mit eingearbeiteten Goldfäden etwas showhaft Glitzerndes hat. Zusammen mit den Kleiderbergen an der Rampe liegt der Gedanke an ein KZ nahe. Gogo und Didi dagegen sind mit einer Kluft bekleidet, die man vielleicht aus dem Krankenhaus kennt, die Oberteile hinten offen. Die Kleidung des Jungen, der darüber informiert, dass Herr Godot heute nicht mehr komme, erinnert an die Uniform der Hitlerjugend, seine Haare sind streng zurückgekämmt.

Aber das Spannende an diesem Abend ist – mancher mag es auch als Mangel empfinden –, dass Dannemanns Konzept sich nicht bleischwer auf die Aufführung legt. Die Assoziationen, die im Kopf des Zuschauers womöglich entstehen, sind präsent: So erinnern die Kleiderberge an Millionen von Toten. Dannemanns Darsteller aber spielen gegen dieses Grauen an. Und vor allem Michael Wittenborn und Jan-Peter Kampwirth liefern eine herausragende Leistung ab – dieser Abend ist bei allem Regiekonzept großes Schauspielertheater. Wittenborn und Kampwirth spielen aus einer Grundverzweiflung heraus, die unglaublich berührend ist. Hier schwingt die ganze Zeit etwas mit, das sich nicht genau benennen, nicht genau fassen lässt. Es ist der Versuch, einfach mit dem weiterzumachen, was einem aufgetragen wurde, und zugleich zu hoffen, dass man erlöst wird, um dann doch stets aufs Neue enttäuscht zu werden und sich wieder aufraffen zu müssen. Die Rollen sind zwar klar verteilt – Didi der Härtere, sich selbst und Gogo gegenüber –, aber die Abhängigkeit voneinander führt dazu, dass diese Verhaltensmuster aufbrechen, beide im Umgang miteinander Stärke entwickeln und Schwächen zeigen.

Diese Umkehrung von Stärke und Schwäche findet auch in der Paarung Lucky/Pozzo ihre Entsprechung, dieses merkwürdige Pärchen von Herr (Pozzo) und an der Leine geführten Diener (Lucky), das zweimal im Laufe des Abends den Platz passiert, an dem Didi und Gogo warten. Die Verzweiflung, die Gogo und Didi in unterschiedlichen Facetten gewissermaßen als Grundton mit sich tragen, bricht in Renato Schuchs grandios stummem und körperlichem Spiel als Lucky aus. Wieder und wieder schmeißt er sich in den mit Kleidern gefüllten Graben an der Rampe, um seinem Leben ein Ende zu setzen, sucht sich mit dem Strick zu erwürgen, an dem er geführt wird. Bei Felix Vörtler wird Pozzos grobschlächtige Brutalität und Körperlichkeit im ersten Teil zu einer beinahe zarten Schutzsuche und Orientierungslosigkeit nach der Erblindung im zweiten Teil.

Becketts Text klingt auf diese Weise wundersam neu, gar nicht nach absurdem, sinnlosen Warten und wenn, dann vielleicht mit dem Gedanken, dass viele Dinge getan werden, um der Hoffnungslosigkeit zu entgegen und lieber in die Sinnlosigkeit zu fliehen: Dafür findet Dannemann durch die Kleidungsberge, die Wittenborn und Kampwirth alias Didi und Gogo auf der Bühne hin- und hertransportieren, ein wunderbares Bild. Das ist an einigen Stellen schmerzhaft anzusehen, braucht einen langen Atem – den alle Beteiligten beweisen – und führt dank des Spiels der Akteure immer wieder zu intensiven Momenten. Warten auf Godot wird so zu einem Stück, in dem es um Menschen geht, darum, wie man mit einer scheinbar hoffnungslosen Situation umgeht, wie man als schwächstes Glied der Kette doch seine Würde behaupten kann. Ein bewegender und intensiver Abend, der nachdenklich macht.




WARTEN AUF GODOT am Schauspiel Köln - Foto (C) Arno Declair


Karoline Bendig - red. 15. Oktober 2011
ID 00000005432
WARTEN AUF GODOT (Schauspiel Köln, 13.10.2011)
Regie: Thomas Dannemann
Bühne: Katrin Nottrodt
Kostüme: Regine Standfuss
Dramaturgie: Götz Leineweber
Musik: Ernst Surberg, Michael Wertmüller
Besetzung:
Wladimir ... Michael Wittenborn
Estragon ... Jan-Peter Kampwirth
Pozzo ... Felix Vörtler
Lucky ... Renato Schuch
Junge ... Marc Torres, Xaver Wegler
Premiere war am 27. Mai 2011
Weitere Termine: 21., 25., 29.10. und 06., 28.11.2011


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de





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