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Rezension

SALOME / Theater im Bauturm





„Liebe ist kälter als das Kapital“ – dieser Satz des Regisseurs und Dramatikers René Pollesch steht im Programmheft zur Produktion „Salome“ im Kölner Theater im Bauturm. Was er mit der Aufführung zu tun hat? Nun gut, in Jörg Fürsts Inszenierung von Oscar Wildes „Salome“ erweist sich die Liebe als recht kühl. Die Sache mit dem Kapital darf man allerdings getrost als Gegenwartsbezug bewerten, der ins Leere führt. Es sei denn, man wollte die Schätze, die Herodes seiner Stieftochter Salome nach ihrem Verführungstanz anbietet, darunter subsumieren. Und auch das würde nicht weiterführen.

Die Geschichte der Königstochter Salome, die sich in den gefangenen Jochanaan verliebt und von diesem verschmäht wird, spielt im Theater im Bauturm vor einem überdimensionalen Mond, der im Bühnenhintergrund prangt und dessen untere Hälfte zu sehen ist. Salome (Ela Gölden) redet Französisch, um den beflissenen Bildungsbürger daran zu erinnern, dass es sich hierbei um die Originalsprache von Wildes Bühnenwerk handelt. Für mehr Erotik, Laszivität oder Flirren sorgt das nicht. Immerhin reicht es später in der Inszenierung zu der kaulauernden Bemerkung von Herodes: „Jetzt spricht sie Deutsch“. Aber keine Sorge, der Zuschauer bleibt trotzdem auf dem Laufenden, da sich doch immer jemand findet, der Salomes Begehren übersetzt oder so beantwortet, dass man weiß, worum es geht. Nur an einer Stelle macht sich dieser Sprachengap sinnlich erfahrbar, nämlich dann, wenn Azizé Flittner als junger Syrer Narraboth, der in Salome verliebt ist, deren hymnisch-ekstatischen Äußerungen über Jochanaan übersetzt und ihm/ihr dabei die Tränen kommen.

Es bleibt alles extrem unsinnlich – da helfen auch die drei schmalen Plastikbahnen wenig, die um die Bühnenfläche herum hängen und die Salome im Vorbeigehen in Schwingung versetzt. Andreas Spaniol ist in den Rollen Soldat und Chor kaum mehr als ein Stichwortgeber, Alexe Limbachs Herodias ist verrucht, aber auch recht klischeelastig. Sie und ihr Gatte Herodes sind sich in herzlicher Abneigung und Verachtung zugetan. Und bei jeder Gelegenheit wird gebrüllt. Auch eine Art, Gefühle auszudrücken, indem man ihnen noch einmal besonders Nachdruck verleiht.

Dazu kommen schauspiel- und regietechnische Mätzchen wie ein herzhaft-verachtendes „Hach“ von Herodias vor jeder ihrer Äußerungen, akustische Signale von Azizé Flittner und Andreas Spaniol bei ihrem Schlagabtausch als Juden, damit man immer weiß, auf welcher Hälfte des Spielfeldes der argumentative Ball gerade ist. Und Salome nimmt nach ihrem Auftritt Narraboth mit einer Wasserpistole ins Visier.

In der Figurenzeichnung ist vieles schnell klar: Herodias die keifende Gattin, deren Erotik der Gatte schon lange nicht mehr anziehend findet, Salome das verwöhnte Ding, das um seine Anziehungskraft weiß, aber selbst einfach nicht lieben kann bzw. nicht damit umgehen kann, als sie sich verliebt. Denn bisher liebte sie vor allem sich selbst. Ela Gölden, die im Zentrum von Fürsts Inszenierung steht, fehlt es leider an Präsenz, um die Rolle der Salome wirklich zu füllen. Die Figur gewinnt erst im Schlussmonolog Konturen. Vorher bleibt sie doch sehr püppchenhaft. Einzig Johann Krummenachers Herodes‘ ist eine Figur, die anrührt. Mit einem Reifrock und einer Perücke bekleidet kommt er auf die Bühne, zwischen Lächerlichkeit, Machtlosigkeit und Verschlagenheit hin und her schwankend. Und am Ende doch ziemlich erbärmlich.

Christof Hemming betritt als Jochanaan die Bühne erst ganz am Ende, um – sehr humorvoll – ein Duplikat seines Kopfes Salome zuzuwerfen. Vorher sitzt er am Mikrophon hinter dem Mond und spricht die Texte des Propheten, unterlegt von einer Musik, die schwer an die 80er Jahre erinnert und permanent die Erinnerung daran hervorruft, was Richard Strauss zu den Texten Wildes eingefallen ist.

Alles in allem ist das zwar sehr ambitioniert, aber auch ziemlich trostlos. „So wird Salome zu einer magischen Sprechoper über die Kälte der Liebe“, liest man auf der Homepage des Theaters. Das Prinzip ist klar: keine tatsächliche Annäherung der Figuren, nur blindes Verrennen in eine Vorstellung von Liebe. Zur Sprechoper reicht es aber bei dem wenig überzeugenden Umgang mit dem Text, der ganz selten mal seine flirrende Faszination und seine schwüle Opulenz entfaltet, auch nicht. Was bleibt, ist keine Liebe, sondern belanglose technische Kälte. Und wie war das noch mal mit dem Kapital?


Karoline Bendig - red. 19. Juni 2010
ID 00000004674
SALOME (Theater im Bauturm, 12.06.2010)
Inszenierung/Spielfassung: Jörg Fürst
Bühne: Jana Denhoven
Kostüme: Monika Odenthal
Musik/Samples: Wolfgang Proppe
Licht: Marc Brodeur
Maske: Heike Helbach
Produktion: Garlef Kessler
Bühnenbildassistenz: Bastian Hoffmann
Video-Dokumentation: Basa Vujin-Stein
Dramaturgie: Kerstin Ortmeier
Mit:
Salome ... Ela Gölden
Herodes ... Johann Krummenacher
Herodias ... Alexe Limbach
Jochanaan ... Christof Hemming
Junger Syrer/Soldat/Chor ... Azizé Flittner
Soldat/Chor ... Andreas Spaniol
Premiere war am 4. April 2010
Weitere Termine: 23. - 26. 6. / 4., 6., 7. 7.


Siehe auch:
http://www.theater-im-bauturm.de





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