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Feuilleton


17. Mai 2013 - Brokentalkers im English Theatre Berlin

HAVE I NO MOUTH

Written and directed by Feidlim Cannon and Gary Keegan with Ann Cannon, Feidlim Cannon, Erich Keller


Brokentalkers 1 (C) https://www.facebook.com/brokentalkers


Seance mit Seán

Ein randvolles Glas Guinness im Garten. Ein Glas Guinness im Pub, in der Küche, eins für unterwegs. Halbleere Gläser des irischen Nationalgetränks an allen erdenklichen Orten flackern in grobkörniger Auflösung über die quadratische Leinwand an der Rückwand des Bühnenraums. Feidlim Cannon muss grinsen, als er davon spricht, dass es keine besonders gelungene Videokunst ist, die er da zuwege gebracht hat. Doch es ist Kunst als Andenken an seinen Vater, der viel zu früh verstorben ist. Er trank das dunkle Bier so gern.

Feidlim ist Anns ältester Sohn von dreien; der jüngste überlebt den Tag seiner Geburt nicht. 2001 stirbt sein Vater bei der Operation einer falsch diagnostizierten Krankheit. Als reiner “Theaterstoff” wäre das schon harter Tobak. Doch in Have I No Mouth, mit dem die Brokentalkers das zehntägige Festival “The Full Irish” im English Theatre Berlin mit drei Vorstellungen beschließen, sind Darsteller und Bühnen-Ich identisch. Kaum vorstellbar, aber wahr: Das Stück basiert auf persönlichen Erlebnissen. Sogar der etwas abseits an einem kleinen Tisch platzierte Psychotherapeut ist echt: Erich Keller praktiziert in Dublin. So wird kurzerhand die Therapiesitzung in den Theaterraum verlegt. Doch was, wenn Requisiten nicht länger bloße Theater-Gimmicks, sondern authentische Erinnerungsstücke sind? Das Persönlichste öffentlich machen, kann das funktionieren? Es funktioniert, weil das Ensemble mit einer Offenheit ans Werk geht, die so schonungslos ist, das es beinahe weh tut. Und weil sie sich selbst sehr ernst nehmen, die Konventionen des Sprechtheaters aber überhaupt nicht.

Die Dämonen der Vergangenheit wollen, wie in jeder Therapie, auch hier konfrontiert werden. Have I No Mouth geht aber noch einen Schritt weiter: Das Stück ist nicht zuletzt eine bissige Abrechnung mit den Fehlleistungen der Ärzteschaft. Im Gespräch miteinander und mit dem sensiblen Therapeuten versetzen sich Ann und Feidlim in markante Episoden ihrer – natürlich nicht durchweg traumatischen - Vergangenheit. Mutters und Vaters erstes Date; real erlittene Desaster mit unfähigen Ärzten im Krankenhaus, aufwühlende Was-wäre-wenn-Situationen im OP-Saal. Dazwischen immer wieder der Schwenk in die Gegenwart: Mutter und Sohn diskutieren über Gott; persönliche Fotos und Videos auf der Leinwand zeigen Menschen, keine posierenden Schauspieler. Es sind aber vor allem die praktischen Therapieaufgaben des Psychologen, die die anfangs zäh-melancholische Stimmung auflockern. Erich Keller hat sichtliche Freude daran, das Publikum in Atem- und Deeskalationsübungen miteinzubeziehen; das Publikum genießt seinerseits die spielerischen Intermezzi.

Ann Cannon hat die Therapie offensichtlich zu einer gewissen inneren Gelassenheit verholfen. Zeigt ihr Sohn auf der Bühne große Präsenz und emotionale Beweglichkeit, bleibt sie selbst lakonisch, fast ausdrucksarm, was nicht so recht zu ihrer “Rolle” als Esoterik-Anhängerin passen will. Die Ann im Jahre 2013 glaubt an die heilende Kraft des Reiki, wie sie es auch an diesem Theaterabend auf der Bühne praktiziert – ganz stilecht in gedimmtem, violettem Licht. Die Ann als junge Frau war vielleicht etwas mehr geerdet, wenngleich nicht weniger besonnen. "Nicht mit Fremden mitgehen, schärft die Mutter dem kleinen Feidlim ein. Misstraue denen, die dir nicht beantworten können, wie dein Lieblingsteddy heißt", sagt sie – und vergisst den Namen dann selbst, als Feidlim sie ins Kreuzverhör nimmt. Die vielen Verbote, die Ann ihrem Sohn liebevoll einschärft, schützen ihn letzten Endes nicht vor dem gewaltigen Schmerz, Bruder Seán zu verlieren. “How can you lose a child”, lässt Feidlim Cannon sein 5-jähriges Ich etwas abseits des zentralen Holztischs unablässig ins Mikro sprechen.

Ebenso wenig hilft seiner Mutter der so liebenswert-schrullige wie verzweifelte Versuch, mit einem Stimmungs-Wässerchen aus der Farbtherapie die bleierne Depression wegzusprühen, in die sie bei dem Verlust von Seán Senior wieder fällt. Reiki, meditative Übungen, Stimmungs-Spray: Immer wieder schlittert die Inszenierung haarscharf am Lächerlichen vorbei - aber eben nur haarscharf. Dann ist da zum Beispiel der hamletsche Auftritt, den Erich Keller bei einer Weihnachtsfeier hat und als “Geist des Vaters” mit behelmtem und bandagiertem Kopf erscheint. Erschüttert ist, wer zu Beginn noch über die alberne Aufmachung geschmunzelt hat. Weshalb es auf seinen Fotos auf der linken Seite immer eine Leerstelle gebe, fragt Feidlim seinen toten Vater, und die Stille der ausbleibenden Antwort wiegt schwer. Have I No Mouth ist auch deswegen so erfrischend, weil es ohne intellektuelles Geschwurbel auskommt. Dem Regie-Autoren-Duo Feidlim Cannon und Gary Keegan genügt es, Alltagsobjekte sprechen zu lassen, wie etwa das Glas, aus dem der 6-jährige Feidlim Milch trinkt – und der 23-jährige Wodka & Orange. Da erhielt er gerade die Nachricht vom Tod seines Vaters. Psychologe Keller, hier als eine Art Frau Holle, hat ein Sieb zur Hand und lässt Kunstschnee auf den jungen Mann rieseln: Trauma und Poesie stehen sich hier verstörend nah.

Ein Filmausschnitt, der einen Jungen mit der Leiche seines Vaters zeigt, dazu beschwingte Musik – auch das geht an die Nieren. Und es ist ein Stilbruch, der als dramaturgisches Experiment nicht scheitern muss, weil die Brokentalkers routinierte Querdenker sind. Dankenswerterweise laufen ihre Performances trotzdem nie Gefahr, zu medial überfrachteten, gefälligen Shows zu mutieren. Das Skript besteht aus raffiniert verwobenen Szenen der Alltäglichkeit und einer präzisen, ungekünstelten Sprache, die keinen Zweifel aufkommen lässt, dass man Schmerzhaftes zu Kunst verarbeiten kann, ohne es unnötig abstrahieren zu müssen.
Diese frische, gewagte Herangehensweise ist man in Irland jedoch längst gewohnt von den Brokentalkers, die 12 Jahre nach ihrer Gründung längst zu einer der experimentellsten und renommiertesten Theatergruppen der Insel zählen. Auch im Ausland sind sie gefragter denn je: Von Rumänien bis Belgien, und sogar in Neuseeland stand das Ensemble bereits auf den Bühnen der großen Theaterfestivals.

Die Brokentalkers bedanken sich via Twitter bei einem “großartigen Publikum” und freuen sich über “tolle Resonanz”. Die hat, wer so viel von sich gibt, auch redlich verdient. So endet die Inszenierung nach einer sehr späten dramatischen Klimax mit einer Szene voll unerträglicher Leichtigkeit, ganz als könnte sich selbst der größte Schmerz einfach im Spiel auflösen. Ein Glas Guinness ist wohl immer irgendwie halbvoll.




Brokentalkers 2 (C) https://www.facebook.com/brokentalkers



Bewertung:


Jaleh Ojan - 25. Mai 2013
ID 6783
HAVE I NO MOUTH (English Theatre Berlin, 17.05.2013)
Written and directed by Feidlim Cannon and Gary Keegan
with Ann Cannon, Feidlim Cannon, Erich Keller
Sound design: Jack Cawley
Video design and production manager: Kilian Waters
Choreographer: Eddie Kay
Lighting design: Sarah Jane Shiels
Costume design: Emma Downey
Stage manager and props: Francis Fay


Weitere Infos siehe auch: https://www.facebook.com/brokentalkers


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