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22. Mai 2010, Studiobühne Köln

ANATOMIA LEAR

Theaterszene Europa (Gastland Finnland)


Foto (C) www.studiobuehne-koeln.de


Eine Puppe und drei Puppenspielerinnen – viel mehr braucht das Anatomia Ensemble aus Helsinki nicht, um zum Auftakt des deutsch-finnischen Theaterfestivals theaterszeneeuropa in der Studiobühne Köln seine Version von Shakespeares „König Lear“ zu erzählen. Ein alter Mann liegt in einem Bett, schwer atmend, umsorgt von Pflegekräften, die ihm die Zeitung reichen, die Hand führen, ihre Stimme leihen. Der alte Mann ist eine sehr ausdrucksstarke Puppe – ca. einen Meter hoch –, die von den drei Darstellerinnen im Wechsel geführt wird. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man vergisst, dass es sich um eine Puppe handelt, denn diese Puppe entwickelt ein Eigenleben, ist der alte knurrige Patient, der seine Pflegerin unwirsch auffordert, einen Knicks zu machen, bevor sie sein Zimmer verlassen. Der das Essen verweigert und sich wie ein kleines bockiges Kind verhält. Und der zugleich in Selbstmitleid versinkt, wenn ihn seine Alpträume und seine Taten einholen.

Die Träume sind die zweite, aufwendigere Ebene dieser Aufführung. So ganz reicht eine Puppe dann wohl doch nicht. In der Mitte der Bühne, in einem mit blauer, durchsichtiger Folie abgehängten Raum, blickt der Zuschauer auf einen OP- oder – wahrscheinlicher bei dem Namen der Gruppe und dem Titel des Abends – auf einen Anatomiesaal. In den Traumsequenzen geht es recht rustikal zu, da wird in den Eingeweiden einer zweiten größeren Puppe gewühlt, die auf einer Bahre liegt. Unter großem Gekreische und bei lauter Musik holen die Darstellerinnen allerlei Sachen heraus. Das Gefundene wird als fingierte Röntgenaufnahme an die Rückwand projiziert und anschließend in Einmachgläser verbracht. Schließlich werden auch drei Dinge aus dem Körper herausgeholt, die mit den Namen von Lears Töchtern benannt werden: Goneril, Regan und Cordelia – da ist der Schmerz beim Alten dann besonders groß. Cordelia, seine geliebte Tochter, ist eine Art Schmetterling, der heftig mit den Flügeln schlägt und die Freiheit sucht, zugleich aber durch eine lange Nabelschnur besonders hartnäckig an der Puppe, aus der sie herausgeholt wird, hängt.

Aber es gibt nicht nur den OP-Saal, sondern auch eine Anzugjacke, die auf einem Bügel hängt und dem kranken Lear allerlei interessante Sachen zukommen lässt (u.a. einen Koffer voll Geld). Das Anatomia Ensemble spielt hier gekonnt mit der Wahrnehmung, wenn eine der Darstellerinnen ihre Hände von hinten durch die Jackenärmel steckt. Das erinnert an Kindergeburtstag und entwickelt zugleich – schön ausgeleuchtet – eine faszinierende optische Sogkraft.

Wie die drei Darstellerinnen Heidi Fredriksson, Åsa Nybo und Johanna af Schultén es schaffen, mit wenigen Bewegungen das authentische Bild eines alten kranken Mannes zu erzeugen, ist sehr beeindruckend – viel beeindruckender als die lauten, trashigen Szenen hinter dem Vorhang. Das ist eine Mischung aus Frankensteins Labor und Hexenküche, die nicht aufgeht – offensichtlich sind wir hier plötzlich von „Lear“ zu „Macbeth“ gewandert. Berührend und schön dann aber die finale Szene in diesem OP-ähnlichen Raum. Die vordere Plane wird zurückgezogen, die Puppe des alten Mannes hockt auf der großen Puppe im Zentrum des Geschehens.

Der Abend hat schöne Momente voller Poesie, ohne viel Worte zu benötigen. Da ist es nicht übermäßig wichtig, die Lear-Geschichte zu verstehen. Denn vor allen Dingen ist „Anatomia Lear“ ein Abend übers Altsein. Ans Bett gefesselt ermöglicht nur die (Alp-)Traumwelt Ausflüge. Das Ende ist versöhnlicher als bei Shakespeares „Lear“: Die drei Pflegerinnen/Tochter halten die Hand des Alten und begleiten sein Sterben.

Ein vielversprechender Auftakt für das Festival theaterszeneeuropa, das noch bis zum 29. Mai mit Gastspielen aus Osnabrück, Münster, Berlin – und natürlich aus Finnland – in der Studiobühne Köln läuft.



Karoline Bendig - red. 23. Mai 2010
ID 00000004640
Anatomia Ensemble (Helsinki): Anatomia Lear
Wortloses Puppentheater für Erwachsene

Mit: Heidi Fredriksson, Åsa Nybo und Johanna af Schultén
Regie: Mikaela Hasán
Puppen und Bühnenbild: Janne Siltavuori
Licht: Mari Agge
Ton: Kristian Ekholm
Produzentin: Kristin Helgaker


Weitere Infos siehe auch: http://www.studiobuehne-koeln.de





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