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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik


6.September 2013 - Premiere in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

GLANZ UND ELEND DER KURTISANEN

von René Pollesch nach Balzac


Honoré Balzac, Daguerreotypie von Louis-Auguste Bisson, 1842 / Bildquelle: Wikipedia


Wuttke als Höllenpage & weiblicher Gassenbube

Das 19. Jahrhundert kannte eine urbane Randerscheinung, die in der Literatur zur geisterhaften Existenz wurde. Das war der Nerd aus der Gosse, das prekäre Kind mit dem absoluten Gehör oder einer noch poetischeren Gabe. Es lungerte auf den Freitreppen der Opern- und Theaterhäuser herum, verschaffte sich illegalen, wenn nicht wohltätigen Zutritt, es komponierte und dichtete in der Kloake, atmete außerdem berauschende Dämpfe ein und erlag rechtzeitig der Schwindsucht – Wen die Götter lieben. Daran erinnert Martin Wuttke im ersten Durchgang von Glanz und Elend der Kurtisanen nach Honoré de Balzac - in einer Inszenierung von René Pollesch an der Berliner Volksbühne. An dem Wolfsjungen mit Überbiss nagt die Zurückhaltung seiner Zuschauer. Dieser Zurückhaltung widmet sich das Programmheft in einer Notiz über das Schweigen der Ränge im Fin de siècle. Bis dahin unterhielt sich das Publikum im Theater auch mit den Nachbarn. Das war dann nicht mehr comme il faut.

Im Kampf der Kunst gegen die Kultur ist das Publikum der Feind. Wuttke wütet als Kette rauchender Arthur die verdammten Nichtraucher an. Er verschluckt die Prothese, spuckt sie aus, geht mit ihr hausieren. Ihm geht es um „die Schönheit der Geste im öffentlichen Raum“, um Kultivierung „der mondänen Geste“, die kein Selbst entblößt. Arthur vermisst die Schönheit im Kreis seiner Gefährten. Mit ihm spielen Franz Beil, Christine Groß, Birgit Minichmayr und Trystan Pütter Turnstunde und permanente Raucherferien. Sie stellen Bilder nach: wie aus einem Kinderbuch im Biedermeier. In ihrem Redefluss schwimmen sie synchron, elegant wie Marionetten treten sie auf der Stelle. Ab und zu guckt eine Gondel an ihrem Ballon namens „Zac“ nach, was so los ist.

Die Bühne ist das polierte Nichts – Ufer eines Wasserfalls aus Lametta: in den Farben von Schlieren. – Eine Wilson-Kulisse, auch die große Erzählung erinnert an Wilsons „Maschinen der Freiheit“ (Aragon), die sämtliche Elemente von einander scheiden und das Spiel mechanisieren. Dazu heißt es bei Pollesch: „Nicht das Elend lag einsam und verlassen da, nein, es war der Glanz, der einsam und verlassen da lag.“

Arthur verwandelt sich in einen schwülen Abbé, unter der Soutane verbirgt er eine Magd in ihren Gewändern. Er quatscht sich einen Wolf in Polleschs Diskurstheater, die Kollegen wirken mächtig angeregt, da das Verhältnis von Schauspieler und Rolle zur Sprache kommt. „Wenn sich eine Schauspielerin Stunden nach der Aufführung heulend verbeugt, weil sie annimmt, sie wäre noch in der Rolle“, meldet Birgit Minichmayr in grüner Weste, „dann kann ich nur sagen, nein, die war in der Rolle auch schon nur sie selbst.“

Balzac ist nur heiße Luft im Zac

„Bei jenem ungeheuren Stelldichein (einem Opernball) beobachtet die Masse die Masse wenig; die Interessen sind leidenschaftlich, selbst der Müßiggang ist beschäftigt. Der junge Dandy wurde von seiner unruhigen Suche so sehr in Anspruch genommen, daß er seinen Erfolg gar nicht bemerkte: die spöttisch bewundernden Rufe gewisser Masken, das ernsthafte Erstaunen, die beißenden ‚lazzi’, die süßesten Worte hörte er nicht.“ (Aus: Glanz und Elend)

Der finstere Abbé Carlos Herrera, in Wahrheit ein geflohener Sträfling, vereitelt den Selbstmord des bildschönen Dichters Lucien – und schickt den Gewinnenden dann in die Pariser Gesellschaftslotterie auf Grand Tour. Der titelstiftende Balzac-Roman macht sich bei Pollesch kaum bemerkbar. (Mein erster Eindruck.) Trystan Pütter wird immerhin im Marineblau der Leichtmatrosen als Lucien angesprochen. Allenfalls Produktionsbedingungen der Literatur sind im Gespräch auf der Bühne: „(Manche) Schriftsteller spielen ja auch oft neben einer Kaffeetasse und einer Zigarette und der Schreibmaschine sie wären Schriftsteller. ... Ich würde sagen, die nehmen ihren Beruf ernst. Und auf der anderen Seite gibt es Schriftsteller, die sind nicht ganz mit diesem Ernst bei der Sache. Die verbreiten mit einer ausdruckslosen Selbstversunkenheit einen Ernst, der eher eine Abwesenheit der Mittel ist, sich einen Zugang zur Welt zu verschaffen.
(...)
Dieser hübsche Stachel, über den die Marquise lächeln mußte, verursachte dem Präfekten ein nervöses Zittern.
(...)
Eine der jetzt vergessenen Verderbtheiten, die jedoch im Anfang des 19. Jahrhunderts sehr verbreitet war, bestand in dem Luxus der ‚Ratten’. Ratte nannte man ein Kind von zehn bis elf Jahren, eine Statistin an irgendeinem Theater, vor allem an der Oper, die ein Wüstling sich für das Laster und die Gemeinheit erzog. Eine Ratte war ein Höllenpage, ein weiblicher Gassenbube.“
(Aus Glanz und Elend)

Folglich könnte Wuttke im ersten Anlauf Ratte gespielt haben... und nicht das Wolfskind meiner Fantasie. Steckt vielleicht doch mehr Balzac im Pollesch unserer Tage.




Schlussapplaus zu Glanz und Elend der Kurtisanen an der Volksbühne Berlin - Foto (C) Jamal Tuschick


Jamal Tuschick - 7. September 2013
ID 7125
GLANZ UND ELEND DER KURTISANEN (Volksbühne Berlin, 06.09.2013)
Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Franz Beil, Christine Groß, Birgit Minichmayr, Trystan Pütter und Martin Wuttke
Premiere war am 6. September 2013
Weitere Termine: 7., 15., 28. 9. / 6., 13. 10. 2013



Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


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