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Opernkritik


11. Oktober 2008, Premiere am Theater Bremen

RIENZI, DER LETZTE DER TRIBUNEN

Inszenierung: Katharina Wagner


Mark Duffin ist RIENZI, DER LETZTE DER TRIBUNEN. Inszeniert wurde die jugendliche Wagner-Oper von Katharina Wagner, der Urenkelin des Dichterkomponisten, am Theater Bremen. - Foto (C) Saskia Horn



Masturbierendes Manga-Mädchen


Katharina Wagner sieht an diesem Abend, als sie sich (mit Tilo Steffens, ihrem Ausstatter) vor dem Premierenvorhang des Theaters Bremen zeigt, nicht sehr erholt aus. Denn sie hatte sich einen Brachialschinken von ihrem Urgroßvater - Rienzi, der Letzte der Tribunen - aufzuführen zugemutet. Dieses ist der ungestüme Jugendstreich aus Richard Wagners "guten" Dresdner Tagen. In realo freilich misst er, wenn man den musikgeschichtlichen Annalen trauen will, weit über sechs bis sieben Stunden; und so wurde er dann auch - zur Zeit der Ur- und Erstaufführungen in Dresden - an zwei Tagen nacheinander, erst Teil 1 und dann Teil 2, gegeben. Also muss man Rienzi heute kürzen, wenn man ihn dann überhaupt mal auf die Bühne bringen will - - um 19 Uhr begann es, und so kurz nach 23 Uhr war Schluss mit ihm: Da hing er dann, als Puppe mit verwestem Römerkopf, in einem Baugerüst, der Chor sang noch einmal ein allerletztes Weis'chen... und der Vorhang fiel!

Der Bremer ist ein reserviertes Exemplar von Mensch; ich habe dessen Wesensart, im privatimen Umgang, kennenlernen dürfen, und so ist mir seine Reserviertheit gar nicht unvertraut, um nicht zu sagen unsympathisch... jedenfalls: Die ein paar Hundert Bremer, die die dreistündige Katharina-Wagner-Inszenierung, abzüglich der zwei mal eine halbe Stunde Pause, über sich ergehen ließen, demonstrierten freundliche, gediegene Begeisterung; es gab kein Buh - auch nicht durchs reichlich angereiste internationale Feuilleton; das zeigte sich hinwider relativ gelangweilt, also überhaupt nicht weiter (von der jungen Wagner) aufgestört. In norddeutscher Provinz herrschen halt andere Gesetze.

Wir erinnern uns zu gern: Vor über einem Jahr eroberte Familienspross K. W. den eigentlichen Ahnentempel, wo sie her kommt / wo sie hingehört: das Festspielhaus in Bayreuth. Ihre Meistersinger schlugen ein wie eine Bombe; 'kann und darf das sein', hätte man auf dem Hartgestühl vor, neben, hinter sich vernehmen können, 'dass ein unbedarftes Kind wie sie uns hier die Meistersinger madig macht?!' Ja und es blies mit voller Wucht ins Horn; und die gebrechlichsten der Wagnerianer haben sich bis heute nicht von ihrem Hustenanfall ob des so papierschlangenen Gegenangriffs einer Mittzwanzigerin erholt.

Jetzt ist sie, quasi über Nacht - mit Eva Wagner-Pasquier, der ungleichlichen Halbschwester - , zur Festspielchefin avanciert und wird (und muss!) dem Laden künstlerischen Schmiss und wirtschaftlichen Boden geben müssen, dass es mit ihm gut und weiter läuft. Die Spuren Wolfgang Wagners, ihres Vaters sowie Festspielleiters bis dahin, ließen sich nie und nicht so ohne Weiteres verwischen. Möglich, dass sich erst in drei, vier Jahren so was wie ein echter Neubeginn dann einstellte - die beiden Töchter werden zeigen müssen, ob und wie sie's packen.

Mitten rein also in ihre Vorbereitungen auf Rienzi knallte dann die sicherlich auch sie total verblüfft habende Hammermeldung, dass sie ab dem 1. 9. dieses Jahres neue Mitherrin des Grünen Hügels ist - und justament hatte sie auch sofort (es hing dann garantiert hiermit zusammen) ihre in der Deutschen Oper Berlin geplante Inszenierung von Respighis Marie Victoire zurückgegeben: schade und sehr folgerichtig!!



Gestylte Katharina Wagner, Regisseurin vom RIENZI am Theater Bremen in 2008 - Foto (C) Enrico Nawrath

Im Rienzi gibts nur grade mal zwei Höhepunkte: Ouvertüre und Gebet. Die beiden werden dann in Wunschkonzerten, live oder im Radio, abgenudelt. Etwas Anderes aus Rienzi kennt man, allgemein gesprochen, nicht. Muss auch nicht sein, denn: Rienzi stammt aus einer völlig andern Ära, als wie wir den Schöpfer dieses Werkes herkömmlicher Weise (Tristan, Ring und Parsifal...) kennen und lieben; Wagner hat hier großes Nachahmevermögen demonstriert, ja und wir hören stellenweise "echten" Meyerbeer. Unendlich viele Chöre, und noch viel, viel mehr Rezitative, alles nervig bis zur Ohnmachtsgrenze. Und Balletteinlagen, Festmusiken; und der Hauptakteur steht beinah pausenlos dann auf der Bühne, und er singt und singt und singt und singt... Auch: eine dramaturgisch grauenhafte und kaum nacherzählbare Geschichte. Rom und Römer usw.

Warum wollte Katharina Wagner dieses Unding zu und mit sich wuchten?

Nein, sie klärte uns hierüber gar nicht auf, auf jeden Fall nicht sichtlich.

Und es gibt im Fall des Rienzi nicht viel mehr als ein, zwei Deutungsmöglichkeiten: Entweder nimmt man die Geschichte, die ja mordsmäßiger Weise grauenhaft genug ist, in der Tat beim Wort; dann will ich freilich durch die Darstellungen auf der Bühne so erschreckt, schockiert oder bis in das Mark erschüttert sein, dass es mir fast den Atem nimmt. Oder man bricht sie ins Absurde auf; dann will ich intellektuell im Nachvollziehen der Ideen mitbegriffen sein.

Von beiden Deutungsvarianten hat die Regisseurin bisschen hier und bisschen dort gemacht; heraus gekommen ist ein - muss ich leider sagen - insgesamtes Nichts!

Es bleibt bei gut bzw. bös gemeinten Andeutungen und Versuchen:

"Lustig" sind die Szenen beim Frisör, der BdM-Chor mit den Friedensengeln, Rienzis Rumgefuchtel mit dem aufhockbaren Feuerlöscher...

"Schrecklich" sind der Ausfluss von zig Litern Blut über die Treppen und die auferstandnen Brandleichen.

Das Bühnenbild (von Tilo Steffens, wie gesagt) arbeitet sich von Bild zu Bild in die Moderne hin oder hinein; sein Mittelpunkt ist die sich wandelnde "Frau Rom" oder so ähnlich - - und im Vierten Akt ist es dann nur noch so ein Manga-Mädchen (eines von den kugeläugig-stumpfsinnigen Dingern), und die hat ihr Zeigefingerchen im viel zu knappen Höschen, das ihr ihren halben Schamberg bloß legt, nestelnd stecken; ja, so ist es mit der Rienzi-Deutung heutzutage.

Mark Duffin ist ein bewundernswerter Hauptdarsteller der gesamten Chose. Er hält bravourös und tapfer durch, sein Timbre ist baritonal gefärbt, figürlich ist er adäquat besetzt. Die Textverständlichkeiten, auch dann bei den anderen um ihn, sind außerordentlich. Die Chöre spielen/singen gut. Die Bremer Philharmoniker habe ich allerdings vom Tristan (letzte Spielzeit) besser in Erinnerung. Und Christoph Ulrich Meier dirigiert dann insgesamt verhalten und zurück genommen; es klang stellenweise wie bei Adam's Postillon de Lonjumeau.

Ich kann nur eines raten: Keine weitere Regiearbeit von Katharina Wagner vor dem Tristan, den sie dann in Bayreuth inszenieren will! Sie wird (und muss!!!) sich gründlichst -diesmal nicht so spieltriebhaft - auf dieses Schlüsselwerk der abendländischen Musikliteratur hinzuzurüsten haben, wenn sie nicht schon allzu früh als viel zu früh "vernichtetes" Regienichtchen gescheitert sein will; immerhin:

Gut Ding braucht Weile.

Andre Sokolowski - 14. Oktober 2008
ID 00000004027
RIENZI, DER LETZTE DER TRIBUNEN (Theater Bremen, 11.10.2008)
Musikalische Leitung: Christoph Ulrich Meier
Inszenierung: Katharina Wagner
Ausstattung: Tilo Steffens
Besetzung: Mark Duffin (Rienzi), Patricia Andress (Irene), Pavel Kudinov (Colonna) Tamara Klivadenko (Adriano), Loren Lang (Orsini), Franz Becker-Urban (Raimondo), Christian-Andreas Engelhardt (Baroncelli), Alberto Albarran (Cecco) und Nadja Stefanoff (Friedensbote)
Chor und Extrachor des Theater Bremen
Alsfelder Vokalensemble Bremen
(Choreinstudierung: Tarmo Vaask)
Statisterie
Bremer Philharmoniker
Premiere war am 11. Oktober 2008
Weitere Termine: 18. | 23. | 30. Oktober 2008
02. | 14. | 21. | 26. November 2008
04. | 07. | 18. April 2009
02. Mai 2009

Weitere Infos siehe auch: http://theaterbremen.de


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