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Feuilleton


München, Bayerisches Staatsballett, 12.6.2006

Porträt Mats Ek

Apartment
A Sort of...


Apartment: Roman Lazik

Das „Porträt Mats Ek“ bildete bei seiner Premiere im März 2004 den Abschluss einer Reihe von Porträts, die das Bayerische Staatsballett den bekannten und stilbildenden Choreographen Hans van Manen, John Neumeier und Jiøí Kylián gewidmet hatte. Da die Aufführungsrechte für Eks Stücke Ende dieser Spielzeit auslaufen, wurde der zweiteilige Abend nun noch einmal für drei Aufführungen in den Spielplan aufgenommen.
Mats Ek wurde hauptsächlich bekannt durch seine radikalen Klassiker-Umdeutungen, wo er Dornröschen ins Drogenmilieu oder den zweiten Akt von Giselle nicht in die Geisterwelt der Wilis, sondern ins Irrenhaus verlegt (letzteres Ballett hatte das Staatsballett länger im Repertoire, es soll in einer der nächsten Spielzeiten wohl wieder auf den Spielplan kommen). Die beiden Stücke des Porträt-Abends, „A sort of…“, 1993 für das Nederlands Dans Theater und „Apartment“, 2000 für die Pariser Oper geschaffen, orientieren sich nicht an einer solchen Vorlage, sondern bilden Alltagssituationen ab, spielen mit ihnen und verfremden sie, siedeln an der Grenze von Realität und Traum.
Das erste Stück des Abends, „A sort of…“, beginnt auf der schmalen Vorderbühne, die nach hinten von einer gelben Wand begrenzt wird. Ein Mann im roten Kleid und Damenschuhen (Norbert Graf) schläft, träumt vielleicht: Eine Frau im Herrenanzug (Valentina Divina) kommt aus dem Publikum zu ihm, und die beiden tanzen ein poetisch-leises Pas de deux und stimmen das Thema an, das bei Mats Ek immer eine beherrschende Position hat: die Beziehungen zwischen Paaren sowie zwischen Menschen überhaupt. Schließlich zieht der Mann, seine Frau im Koffer mitnehmend, hinaus in die Welt. Beinahe schlagartig verändert sich die Stimmung: Auf einer Mauer platzen Luftballons, parallel dazu versinken Köpfe, es wird geschrieen und gekichert – eine kongeniale Umsetzung der Musik von Henryk M. Górecki („Requiem für eine kleine Polka“ und „Konzert für Cembalo und Streichorchester“). Erst nach einer Weile flauen Tempo und Lautstärke ab, und ein Mädchen begegnet einem Jungen – ein bezaubernd natürliches Pas de deux entspinnt sich zwischen Roberta Fernandes und Lukáš Slavický, während sich im Hintergrund ein neues Bild formiert. Die Atmosphäre schlägt zusammen mit der Musik ins Brutale um, der Bauch einer Schwangeren und übergroße Genitalien werden zum Platzen gebracht, Dreiergruppen jagen über die Bühne – der Traum wandelt sich zum Alptraum. Schließlich findet sich der Mann vom Beginn wieder auf der vorderen Bühne, was dem Stück einen Rahmen gibt, und fällt aus dem Traum in Schlaf.
Die Musik zum zweiten Stück „Apartment“ stammt von der schwedischen Band „Fläskkvartetten“ (oder Fleshquartet), eine Mischung aus Rock und Klassik, gespielt auf Streichinstrumenten – ein passender Soundtrack für die kleinen und großen Geschichten des Alltagslebens. „Apartment“ hat wie „A sort of…“ verschiedene Episoden, die sich hier den einzelnen Räumen einer Wohnung oder eines Lebens zuordnen lassen: Bidet, Fernseher, Straße, Ofen, Spiele, Walzer, Staubsauger, Stille, Tür. In der ersten Szene, dem Tanz mit dem Bidet, erweist Sherelle Charge einmal mehr ihre Qualität als erstklassige Interpretin moderner Stücke, wobei – ein zentrales Moment in Mats Eks Balletten – immer eine hohe Emotionalität im Spiel ist: Die Bewegungen sind keine den Tänzern aufgepfropften Ideen des Choreographen, sondern entwickeln sich immer aus dem Gefühl des Tänzers und erreichen den Zuschauer deshalb umso direkter. Die Hassliebe eines Mannes zum Fernseher zeigt sich in einem Tanz zwischen dem flimmernden Licht der Mattscheibe und dem Fernsehsessel (eine hervorragende Neubesetzung: Xionan Xu, langgliedrig und flexibel), von denen er wegstrebt, sich aber doch nicht entziehen kann. In der Ofen-Szene tanzen Valentina Divina und Roman Lazik ein Ehepaar, deren Beziehung zwischen Zärtlichkeit und Kälte schwankt und am Ende zerbricht. Ein besonderer „Renner“, mit Szenenapplaus gekrönt, ist das Staubsauger-Quintett, in dem fünf Frauen die leere Perfektion irischer Riverdance-Shows karikieren. Schließlich noch, besonders anrührend, das Tür-Pas-de-deux, wieder eine Begegnung von Liebenden, in dem besonders Wun Sze Chan eine bezaubernde Naivität und Schönheit entfaltet.
Das „Porträt Mats Ek“ ist immer wieder ein überzeugender Abend, der nicht nur die großartigen Tänzer, sondern auch das Publikum mitnimmt und vielen Zuschauern vielleicht näher ist als ein noch so brillant getanzter „Schwanensee“. Schade, dass die beiden Stücke wohl zumindest für einige Zeit aus dem Münchner Repertoire verschwinden werden!


Benita Berning - red / 17. Juni 2006
ID 00000002475
A Sort of...
Ballett von Mats Ek
Musik von Henryk Mikolaj Górecki

Choreographie - Mats Ek
Bühne und Kostüme - Maria Geber
Licht - Ellen Ruge
Musikalische Leitung - Gabriel Feltz


Apartment
Ballett von Mats Ek
Musik von Fläskkvartetten

Choreographie - Mats Ek
Bühne und Kostüme - Peder Freiij
Licht - Eric Berglund


Solisten und Ensemble des Bayerischen Staatsballetts

Das Bayerische Staatsorchester
Musikalische Leitung Myron Romanul

Musik Fleshquartet live:
Jonas Lindgren (Violine), Örjan Högberg (Viola), Mattias Hellden, Sebastian Öberg (Violoncello), Christian Olsson (Schlagzeug, Sampler, Elektronik)

Weitere Infos siehe auch: http://www.bayerisches.staatsballett.de






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