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Theater Bonn, Oktober 2006

Henrik Ibsen
Nora

Schauspiel in drei Akten

Regie: Klaus Weise

(C) Thilo Beu

Nora und Torvald Helmer leben ein glückliches Leben, haben nette Kinder – die im Laufe des Abends immer wieder versuchen, durch eine Glastür einen Blick auf die Weihnachtsgeschenke zu erhaschen und ebenso regelmäßig von der Haushaltshilfe Sinead vertrieben werden. Der soziale Aufstieg der Helmers steht kurz bevor, denn Helmer soll zum nächsten Ersten Direktor der Bank von Christiana werden. Da ist es äußerst unpassend, dass genau in diesem Moment eine alte Geschichte ans Licht zu kommen droht. Nora hatte sich einst bei Krogstad Geld geliehen, um eine Weiterbildung für ihren Mann zu finanzieren – die wiederum ihm erst seinen derzeitigen Aufstieg ermöglicht hat. Das allein will Nora vor Helmer verheimlicht wissen, der davon ausgeht, dass das Geld aus einer Erbschaft stammt. Aber erschwerend kommt hinzu, dass Krogstad, der Nora das Geld geliehen hat, von ihrem Mann entlassen wird und sie mit seinem Wissen erpresst. Und er weiß, dass sie die Unterschrift ihres Vaters auf dem Schuldschein gefälscht hat. Käme das heraus, könnten Helmers ihre Zukunftshoffnungen gleich begraben.


(C) Thilo Beu


Klaus Weise beweist in seiner Inszenierung Sinn für Komik. Gleich zu Beginn müht sich die Haushilfe Sinead – mit der durchaus auch mal Englisch geredet wird – mit immer größeren Geschenken ab, die sie nach und nach auf die Bühne schleppt. Später steht die Bühne voller Spielzeugtiere, wobei die Hörner der Giraffe praktischerweise Kerzen sind. Helmer macht einen Kopfstand. Als Frau Linde Nora besuchten, verhalten sich Sinead und die Hausherren kurz wie eine symbiotische Einheit. Sie rupfen der erstaunten Frau Linde die Jacke von der Schulter, gehen gemeinsam zum Stuhl, drehen ihn um und geleiten beide ihren Gast dorthin. Das gleiche Spiel wiederholt sich bei Frau Lindes zweiten Auftritt. Und in den Momenten, in denen Frau Linda an der Rampe entlangwandert, folgt ihr Nora, ungeniert ihren Gang imitierend.
Weises Herangehensweise an den Text von Ibsen ist erfrischend leicht, ohne die schweren Momente außer Acht zu lassen. Das Erzähltempo ist flott, keinesfalls verschnarcht. Nora und Christine Linde schnattern in bester Frauenmanier munter drauflos. Xenia Snagowskis Nora ist eine lebenslustige Frau, unbekümmert. Sie spricht gerne mal mit piepsiger Stimme, wird von ihrem Mann allerdings stets sanft und doch bestimmt gebeten, das zu unterlassen: „Nora, nicht diese Stimme“. Für ihr Leben gern isst sie Pralinen und fällt über die Süßigkeiten her, die Christine Linde mitgebracht hat. Sie hat einfach Spaß, zusammen mit Rank und ihrem Gast.
Erst als Nora allein ist, kommt sie zur Ruhe, sieht einen Film, raucht eine Zigarette, bevor dieser Moment von Krogstad unterbrochen wird. Die beiden sind sich merkwürdig vertraut, ziehen sofort ihre Schuhe aus, als sie sich sehen. Andererseits sind sie sich fremd und Nora wird in der Auseinandersetzung mit Krogstad mehr und mehr zu einem in die Ecke gedrängten Tier. Sie reagiert mit körperlichem Ekel, nachdem er endlich gegangen ist.
Kurz darauf gerät sie in Panik, als Krogstad einen Brief, der Helmer über alles aufklären soll, im Briefkasten deponiert. Ihre ganze Verzweifelung kulminiert kurz vor der Pause. Rank, ein Freund des Hauses, stellt Musik an, zur der Nora sogleich euphorisiert tanzt. Die anfängliche Lust am Tanzen wird zu einer unberechenbaren Aktion Noras. Sie wirkt, als stehe sie unter Drogen und zieht sich vor aller Augen aus. Ihren Tanz kann ihr Ehemann nur dadurch stoppen kann, dass er sie mit einem Eimer Wasser begießt. Bezeichnenderweise fragt er nicht, was los ist, sondern demonstriert familiäre Ordnung, als er kurz darauf mit einem seiner Kinder an der Hand Nora zum Essen abholt, die völlig derangiert auf dem Wohnzimmerboden sitzt und sich dann eilfertig aufrafft.
Helmers heile Welt hat einen Riss erhalten. Dass die Veränderungen auch damit zu tun haben könnten, dass Nora und Helmer vielleicht doch keine ideale Beziehung führen, sondern er ihr vieles untersagt, sie nach seinem Bild formt und ihre Freiheit beschneidet, ahnt zu diesem Zeitpunkt nur Christine Linde, die Krogstad davon abbringt, seinen Brief zurückzufordern. Sie möchte, dass Helmer alles erfährt.
Als Helmer diesen Brief dann schließlich in Händen hält, hat er eine große Szene, die Yorck Dippe genussvoll ausspielt: Zunächst ist er, der im Laufe des Abends immer ein bisschen selbstgerecht und väterlich war, wütend, lädt seinen Zorn auf Nora ab, der er den Umgang mit den Kindern verbietet. In dem Moment, in dem er den Schuldschein in Händen hält, ist er wieder befreit und denkt, er könne so weitermachen wie bisher. Nur nicht den äußeren Schein riskieren. Helmer platziert Nora in einer Diaprojektion, die er sich bereits zu Beginn des Abends angesehen hat. Er setzt sie einfach auf dem Kaminsims ab, wo sie bitte – so hat es den Anschein – auch dekorativ sitzen bleiben soll, während er die Diashow dirigiert.
Aber Nora, von Helmer zärtlich Zwitscherlerche genannt, hat schon längst beschlossen, aus ihre Ehe auszubrechen und ihren Mann zu verlassen. Und Xenia Snagowski nimmt man es an dieser Stelle sofort ab, wenn sie ihrem Mann erklärt, sie habe an seiner Seite nicht das Leben leben können, das sie sich für sich selbst vorgestellt habe. Sie, die schon von ihrem Vater wie ein Puppe behandelt wurde, will heraus aus dem Puppenhaus, auf eigenen Beinen stehen. Nach allem, was in den letzten Minuten zwischen ihr und Torvald vorgefallen ist, kann sie nicht einfach weitermachen.
Helmer reagiert auf diese Ankündigung mitnichten als Waschlappen, der zu keiner Aktion mehr fähig ist. Er kämpft, um Nora, um seine Ehe und vor allem um seine Ehre. Es entwickelt sich eine handfeste Auseinandersetzung zwischen dem Ehepaar, die geradewegs in die Tragödie führt – zwingend und bestechend von Dippe und Snagowski gespielt. Das Publikum spendete nach etwas mehr als drei Stunden begeistert Beifall.


Karoline Bendig - red / 23. Oktober 2006
ID 00000002760
Nora
Von Henrik Ibsen

Regie: Klaus Weise
Bühne: Manfred Blößer
Kostüme: Fred Fenner
Besetzung: Yorck Dippe (Advokat Helmer), Xenia Snagowski (Nora, seine Frau), Roland Ribeling (Doktor Rank), Birte Schrein (Frau Linde), Ralf Drexler (Rechtsanwalt Krogstad),
Sinead Kennedy (Sinead)

Premiere am 29.09.2006, Kammerspiele

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater.bonn.de/neu_popup.php?termine_id=3993






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