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Schauspiel Köln, 28. September 2006

Nathan der Weise von Gotthold Ephraim Lessing / The Believer von Henry Bean (UA)


Es gibt nicht viel Vorlaufzeit in Parizeks Inszenierung von Lessings „Nathan der Weise“ im Kölner Schauspiel. Gleich zu Beginn wird Nathan zu Saladin gebeten, noch bevor er nach einer langen Reise seine Tochter begrüßen kann. Der will nicht etwa Geld, sondern Aufklärung darüber, welches die richtige Religion sei. Für Gelddinge ist seine Schwester Sittah zuständig, die Nathan dann auch gleich einen Scheck entlockt. Der Zuschauer ist bei der Unterhaltung zwischen Nathan und Saladin fast dazu gezwungen, wie bei einem Tennismatch von einem zum anderen zu sehen, weil Saladin an der äußersten vorderen Ecke der Bühne sitzt.
Parizek nimmt sich als Regisseur zurück, die Schauspieler tragen den Abend. Sie brauchen zwar – bis auf Markus John als Saladin, der gleich präsent ist – einen Moment, bis sie warm werden, aber dann entwickelt sich ein hochspannendes Drama mit einem dramaturgisch wie inszenatorisch zwingenden Finale. Die Konzentration liegt auf dem Text, der nicht als trocken didaktisches Lehrstück gesprochen wird, sondern dessen politische Schärfe – etwa wenn der Patriarch sich äußert – und auch Ironie – vor allem in Nathans Äußerungen – deutlich wird. Man kann lachen, wenn sich Lukas Holzhausen als Nathan über die Schwärmereien seiner Tochter lustig macht.
Die Figuren sind vereinzelt, stehen in Alltagskleidern in ihren Lichtfeldern, keine Opulenz oder Folklore, allerhöchstens Uniformenjacken. Wie oft bei Parizek sind die Schauspieler gezwungen, ins Licht zu gehen, um gesehen zu werden, die Lichtflächen sind auf dem Boden vorgegeben. Berührungen sind selten: Nathan strahlt Wärme aus, als er seine Tochter und Daja begrüßt, Sittah untersucht das Gesicht des Tempelherren, um Saladin auf Ähnlichkeiten hinzuweisen. Aus dem Rahmen fallen der Tempelritter und Recha, die sich bei ihrer ersten Begegnung sehr nahe kommen – allerdings hätte ein wenig mehr Mut und Präzision dieser Szene gut getan. Es bleibt etwas unklar, ob die Art dieser ersten Begegnung der Unbeholfenheit der Figuren geschuldet ist, einem Aggressionspotential des Tempelherren, Verzweiflung oder einem aufkommenden Begehren der beiden. Klar ist am Ende jedenfalls, dass diese beiden nicht glücklich darüber sein können, Geschwister zu sein – wie es Lessing in einer etwas unwirklich anmutenden Schlussszene vorsieht.
Das alles entwickelt sich auf einer äußerst spartanisch eingerichteten Bühne, auf der links eine Kleiderstange mit Kleidern steht, die Nathan seiner Daja mitgebracht hat, die ihn später so schändlich verraten wird. Im Hintergrund sitzt man eine Tribüne mit Sitzplätzen, die aber nicht bespielt wird, und rechts von der Bühnenmitte steht eine Wand mit zwei Auslassungen (eine Tür und ein Fenster). Kurz vor dem Ende wird diese Wand gedreht und eröffnet eine Spielfläche mit zwei begrenzenden Wänden, auf der die letzte Begegnung der Figuren stattfindet.
Für den zweiten Teil des Abends geht’s dann nach einer 40-minütigen Pause auf die Bühne (was leider zur Folge hat, dass nicht jeder Zuschauer, der „Nathan“ gesehen hat, auch „The Believer“ sehen kann, da dort weniger Plätze zur Verfügung stehen). Man sieht das Bühnenbild von „Nathan“ von hinten – man blickt also wieder auf eine Wand –, davor Stühle. Dieselben Schauspieler, andere Geschichte. Danny Balint, ein junger Jude, wird zum Feind seines Glaubens, tritt einer faschistischen Bewegung bei und will Juden töten – ohne zu verraten, dass er selbst einer ist. Die faschistische Bewegung ist begeistert von seiner Eloquenz und macht ihn zu ihrem Fundraiser, steht zugleich aber seinem Judenhass skeptisch gegenüber. Diese Frage interessiere doch heute niemanden mehr, ist die Begründung. Hitler, führt Curtis Zapf, Anführer der faschistischen Gruppierung, aus, habe dem Faschismus mehr geschadet als genutzt, ohne zu verraten, was denn jetzt die Ziele seiner Bewegung seien. Danny will Ernst machen und legt eine Bombe in einer Synagoge, die aber nicht detoniert. Zugleich recherchiert ein Journalist Dannys Vergangenheit. Kurz darauf wird jemand ermordet, den Danny zu Beginn des Stücks töten wollte, und er gerät in Verdacht, der Täter zu sein. Die Gesprächs- und Gebetsangebote von jüdischen Freunden lehnt er ab, erscheint dann aber doch in der Synagoge und plant seine letzten großen Coup, ein Verlorener und Verzweifelter, der nicht anders handeln kann, als er es tut. Kurz darauf fällt dann auch das letzte Bühnenteil.
Das Stück basiert auf einem Film von Henry Bean aus dem Jahr 2001, der bisher nicht in Deutschland zu sehen war. Parizek greift dieses Element auf, indem Blacks die einzelnen Szenen wie Schnitte beenden. Mit der Didaktik, die dem Text innewohnt, geht er klug um: Balint erklärt – aus der Überzeugung heraus, man müsse seinen Feind gut kennen – dem Mädchen Carla das Judentum, lehrt sie Hebräisch, und als Lichtquelle dient in diesen Szenen ein Overheadprojektor, dessen Folie auch beschriftet wird. Hier setzt sich einen Licht-/Bühnenbildidee fort, die Parizek schon in seiner Inszenierung von „Emilia Galotti“ am selben Haus eingesetzt hat.
Neben Spielszenen zwischen den Figuren spricht Balint das Publikum auch immer wieder direkt an, nämlich in den Momenten, in denen er eine Rede hält. Hier ist man seiner Agitatorik und seiner Argumentation – die aus eben jener genauen Kenntnis des Feindes heraus eine besondere Brisanz entwickelt – unmittelbar ausgesetzt. So etwas ist wohl nur im Theater möglich, sich auf diese Weise mit antisemitischen Theorien auseinanderzusetzen.
Insgesamt ein anspruchsvoller und großartiger Abend, sowohl in den Einzelteilen als auch im Doppel. Unaufgeregt und ohne Sperenzien werden aktuell brisante Themen in zwei verschiedenen Stücken und aus zwei verschiedenen Perspektiven auf die Bühne gebracht – ganz auf die Sache konzentriert, ohne papieren oder blutleer zu sein, und von einer beeindruckenden Ensembleleistung der Schauspieler getragen. Muss man gesehen haben.


Karoline Bendig - red / 1. Okotber 2006
ID 2703
Nathan der Weise
Schauspiel von Gotthold Ephraim Lessing

The Believer von Henry Bean
Übersetzung und Adaption für die Bühne: Lothar Kittstein

Regie: Dušan David Parizek
Bühne: Dušan David Parizek
Kostüme: Ines Burisch
Besetzung Nathan: Markus John (Sultan Saladin), Anja Herden (Sittah), Lukas Holzhausen (Nathan), Olivia Gräser (Recha), Anja Laïs (Daja), Janning Kahnert (Ein junger Tempelherr), Markus Heinicke (Ein Derwisch), Andreas Grötzinger (Der Patriarch von Jerusalem), Dirk Lange (Ein Klosterbruder)
Besetzung Believer: Jenning Kahnert (Danny Balint), Lukas Holzhausen (Curtis Zampf), Anja Laïs (Lina Moebius), Olivia Gräser (Carla), Markus John (Guy Danielsen), Anja Herden (Miriam), Dirk Lange (Kellner / Brand), Andreas Grötzinger (Drake), Markus Heinicke (Kyle)

Premiere am 28. September 2006

Weitere Vorstellungen: 6., 8., 11., 15., 20., 21., 24., 29., 30. Oktober; 1., 12., 19., 26. November 2006

Weitere Infos siehe auch: www.buehnenkoeln.de/buehnenlite/schauspiellite/index.htm






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