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Theater Spezial

Siehe auch: Kölner Schauspielhaus: African Footprint - Flame of Freedom World Tour


Besonderheiten des Musicals in Südafrika

In den Jahren der Apartheid (1948 – 1991) galt die Rassentrennung auch für den Kulturbetrieb. Während die Weißen ihren eigenen künstlerischen Vorlieben nachgingen, entstand eine schwarze Subkultur, die weit mehr als nur der Pflege der Traditionen diente – sie war in erster Linie Politikum. Es ist auch wenig verwunderlich, dass die Großstadt Johannesburg, in der sich das einst blühende kosmopolitische Sophiatown befindet, sich zur Geburtsstätte dieses „Revolutionstheaters“ mauserte. 1976 wurde auf dem Gelände des alten Johannesburger Großmarkts das Market Theatre gegründet. Der Skandal war perfekt, denn das Theater war ausdrücklich Mitgliedern ALLER Rassen zugänglich. Die Autoritäten reagierten mit Verboten, Schließungen und anderen Repressalien. Dies waren ernsthafte und nicht ungefährliche Versuche der Schwarzen, die Apartheid von innen aufzuweichen, und sich nicht nur auf die Bemühungen vom Ausland aus zu verlassen.


„Sarafina“

Einer der führenden Regisseure aus dieser Zeit ist Mbongeni Ngema. Die Bestrebungen der Schwarzen schlossen Gewalt mit ein: „Geh hinaus und kämpfe für die Freiheit“, hieß die Parole, „Mach es auf deine Art, ob mit friedlichen Mitteln oder mit Waffengewalt“, gibt Ngema zu. (Anm. der Red. Die Pressekonferenz mit Ngema fand am 26. Mai 1999 anlässlich der Ruhrfestspiele in Recklinghausen statt). Trotz der Behinderungen und Bedrohungen wuchs die Berühmtheit des Market Theatre so sehr, dass Ngema in den 80er Jahren mit seinen Musicals auf Welttournee gehen konnte. „Sarafina“ ist eines davon und erzählt vom Schüleraufstand in Soweto 1976, wo sich Schüler weigerten, Africaans, die Sprache der Unterdrücker, als Unterrichtssprache zu akzeptieren. Ngema sagt zur Verwunderung der anwesenden Journalisten, dass die südafrikanischen Theatermacher tatsächlich Veränderungen in der Gesellschaft bewirkt haben. Er begründet das auch: „Um den Befreiungskampf aufnehmen zu können, mussten wir erst einmal den Freiheitsgedanken in die Köpfe der Schwarzen pflanzen, den Glauben, dass so etwas überhaupt möglich ist.“ In „Sarafina“ wird öffentlich daran erinnert, dass Nelson Mandela immer noch im Gefängnis sitzt. Und das Wunder geschieht. Während die Truppe in den Theatern der Welt gastiert, wird Mandela frei gelassen. Und das Schicksal meint es auch weiterhin gut mit den mutigen Freiheitsbotschaftern. Als das Ensemble 1990 in der Kölner Philharmonie spielt, wird es nach Bonn eingeladen, wo sich Mandela zum Staatsbesuch aufhält. Ein kühner Traum war Wahrheit geworden.


Zulu And the Music of Resistance“

1999 gastiert Ngema mit dem Musical „The Zulu And the Music of Resistance“ erneut in Deutschland. Zu dieser Zeit war die Apartheid bereits abgeschafft. „Heute“, so Ngema 1999, „hat sich der Schwerpunkt verlagert. Damals ging es um die Freiheit, heute geht es um Integration.“ Auch dieses Musical hat einen historischen Hintergrund. Im Jahr 1879 haben sich mit Speeren bewaffnete Zulus gegen die mit Artillerie ausgerüstete Besatzungsarmee der Engländer erfolgreich behauptet. Aus dieser Rückbesinnung auf die eigenen Traditionen und Riten geht vielleicht auch die Kraft und der Mut zurück, die der aktuelle Freiheitskampf gekostet hat. Thematisch ist „Zulu“ tatsächlich auf Integrationskurs. Eine der Botschaften lautet, dass die Traditionen wie auch das Christentum ruhig nebeneinander existieren können. Auch die Mischung verschiedener Musikgenres propagieren das friedliche Miteinander. Traditioneller Gesang mischt sich harmonisch mit Afro-Pop, Gospel und vielen rhythmischen Einlagen. Das Ende der Apartheid schreibt Ngema aber nicht nur den Kulturschaffenden Südafrikas zu: „Es ist ein Traum, den Nelson Mandela zu Ende geträumt und mit uns zu Ende gebracht hat. Ich hätte meine Stücke ohne das Bild von ihm nicht schreiben und inszenieren können. Es sind seine Stücke“.


„African Footprint“

Das Musical „African Footprint“ wurde von dem weißen Engländer Richard Loring produziert und inszeniert. Der reiste in den 60er Jahren nach Südafrika und war so fasziniert von dem Land, dass er gleich da blieb. Seine Absicht ist es, insbesondere der jungen Demokratie Mut zu machen und gerade die Kräfte der Jugend zu mobilisieren: „Natürlich war mir bewusst, dass ich in gewisser Weise auch die Aggression, die Wut und die Frustration, die nach dem Ende des Apartheid-Regimes herrschte in die Show einfließen lassen sollte“, äußert sich Loring, „aber darum ging es mir nicht. Ich wollte positive Kräfte bündeln. Politik findet nur am Rande statt. Es geht um Optimismus, das ist es, was ich mit der Show zeigen will.“ Aufgrund dieser expliziten Absicht ist die Tatsache, dass dieses Musical keinen politischen Biss mehr hat verständlich. Alles ist freundlich geglättet, um auch für den internationalen Markt tauglich zu sein. Der Schmerz der Vergangenheit soll den Blick auf eine glücklichere Zukunft nicht verstellen. Bei der Premiere in Köln erzählte Loring bewegt von der aller ersten Aufführung von „African Footprint“. Die Show war Teil der Millenniumsfeier in Südafrika, die auf der Gefängnisinsel Robben Island stattfand, auf der Nelson Mandela eingekerkert war. Die Füße, die auf die Bretter, die die Welt bedeuten, stampfen, haben auch jenen dunklen Ort betreten. Doch ihren Optimismus haben sie nicht eingebüßt.


Kurzes Länderinfo Südafrika

1910
Gründung der südafrikanischen Union aus von Buren und Engländern annektierten Gebieten.
Louis Botha wird der erste Premierminister. Die schwarze Bevölkerung erhält keine Rechte.

1912
Gründung des African National Congress ANC

ab 1948
Apartheidsgesetze verfügen die Trennung von Schwarzen und Weißen, was umfangreiche Umsiedlungsaktionen zur Folge hat

1960
nach einer Demonstration gegen die Apartheid wird der ANC verboten.

1962
einer der führenden Mitglieder des ANC, Nelson Mandela, wird verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt

1976
Schüleraufstand in Soweto wird blutig niedergeschlagen. Die Schüler wehrten sich gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache an schwarzen Schulen.

1984
der schwarze Erzbischof Desmond Tutu erhält den Friedensnobelpreis

1989
Nelson Mandela wird aus der Haft entlassen.

1991
Präsident de Klerk nimmt die Gesetzgebung zur Apartheid zurück

1994
500 Jahre nach der Kolonisation durch Weiße wird Nelson Mandela der erste schwarze Präsident Südafrikas aufgrund der ersten demokratischen Wahlen


Bevölkerung
Gesamtbevölkerung über 45 Millionen, Tendenz sinkend
1 Million davon sind deutschstämmig
rund 5 Millionen Weiße, (weil viele vertrieben werden, sinkt die Anzahl)
rund 3 ½ Millionen Farbige,
rund 1 Million Asiaten
11 Landessprachen, von denen die Sprache der Zulus, der Xhosa und das Africaans der Buren die häufigsten sind
über 75 % Christen
rund 20 % der erwachsenen Bevölkerung ist mit AIDS infiziert. Die mittlere Generation ist davon am meisten betroffen. Viele Großeltern müssen ihre Enkelkinder großziehen, weil deren Eltern gestorben sind. In den Großstädten gibt es wegen AIDS auch viele Straßenkinder. Auf dem AIDS-Kongress in Bangkok im Juli 2004 wurde festgestellt, das die eingeleiteten Gegenmaßnahmen nicht greifen.


Im Dezember 1993 erhalten Nelson Mandela und der damals noch amtierende weiße Präsident Südafrikas F. W: de Klerk gemeinsam den Friedensnobelpreis. In seiner Rede entwirft Mandela seine Vision von der Zukunft Südafrikas und der Welt:

„Am südlichen Ende des Kontinentes Afrika ist eine reiche Belohnung in der Entstehung, ein unschätzbares Geschenk ist in Vorbereitung für all die, die im Namen der gesamten Menschheit alles geopfert haben – für Freiheit, Frieden, Menschenwürde und Erfüllung. Diese Belohnung lässt sich nicht in Geld messen (...), sie wird gemessen am Glück und am Wohlbefinden der Kinder, die die verletzbarsten Bürger einer jeden Gesellschaft sind, aber gleichzeitig unser größter Schatz. (...) Wir leben in der Hoffnung, dass im Rahmen dieses Erneuerungsprozesses Südafrika zum Mikrokosmos einer neuen Welt wird, die sich in den Geburtswehen befindet. Dies muss eine Welt der Demokratie und Achtung der Menschenrechte sein, eine Welt, die von den Schrecken der Armut, des Hungers (...) und der Unwissenheit unbelastet ist und befreit von der Bedrohung und Plage durch Bürgerkriege und (...) der großen Tragödie von Millionen, die gezwungen sind, zu Flüchtlingen zu werden. (...) Künftige Generationen sollen niemals sagen können, dass Gleichgültigkeit, Zynismus oder Selbstsucht dazu geführt haben, dass wir es verfehlt haben, nach jenen Idealen von Menschlichkeit gelebt zu haben, für die der Friedensnobelpreis steht.“

h.f. - red / 20. Juli 2004
Siehe auch: Kölner Schauspielhaus: African Footprint - Flame of Freedom World Tour







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