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Feuilleton


Premiere im Schauspielhaus Köln am 23.11.2007

Maß für Maß

von William Shakespeare

Regie Karin Beier

Im Vordergrund Herzog Vincentio (Tilo Werner) vor seiner Abreise
(C) Reinhard Werner, Burgtheater Wien



Anschlag auf die Lethargie

Was tut ein Staatsoberhaupt, wenn Unsitte und Korruption so weit um sich greifen, dass keine Ordnung mehr im Land herrscht? - Richtig. Es lässt andere die Aufräumarbeiten für sich machen. Vincentio (Tilo Werner), der Herzog von Wien überträgt seine Macht an den Moralapostel Angelo (Nicholas Ofczarek) und den Münte-mäßigen Escalus (Michael Wittenborn), damit die dem Gesetz wieder Respekt verschaffen. Angelo geht gleich an die Arbeit und lässt den jungen Claudio (Simon Eckert) verhaften, weil der eine Frau geschwängert hat. Auf die Entehrung einer Jungfrau steht im Wien Shakespeares der Tod durch Enthauptung.

„Claudio köpfen, fürs Hose aufknöpfen?“, wundern sich die Leute in einer - wie soll man es nennen - Heimstätte für Loser. Als solche entpuppt sich zumindest das neuzeitliche Bühnenbild von Thomas Dreissigacker. Es stehen Tische herum, und Stühle, die nicht zueinander passen, eine Matratze. Auf dem Tisch links ein Transistorradio. Bevölkert wird die Bühne von schlampig gekleideten Menschen in Trainingsanzügen. Nur eine Frau ist „adrett“ gekleidet, Chantal (Regina Fritsch), das liegt aber daran, dass sie dem horizontalen Gewerbe nachgeht.

Claudios Freund Lucio (Markus Meyer) ist der einzige unter den eher Handlungsunfähigen, der etwas tut. Er sucht Claudios Schwester Isabella (Julia Wieninger) auf, die gerade in einen Konvent eingetreten ist, um Nonne zu werden. Sie soll bei Angelo um Gnade für ihre Bruder Claudio bitten. ´


Ein unmoralisches Angebot: Angelo (Nicholas Ofczarek) und Isabella (Julia Wieninger)
(C) Reinhard Werner, Burgtheater Wien


Als sie bei Angelo erscheint, verliebt der sich in die werdende Nonne. Er empfindet sie als Tugendfee. Und es ist gerade ihre Sittsamkeit, durch die Angelo entzündet wird. Er verspricht Isabella, ihren Bruder frei zu lassen, wenn sie ihm ein Schäferstündchen mit ihm gewährt. Isabella ist empört. Angelo, der Staatsvertreter, will an ihr die gleiche Untat begehen, für die Claudio sein Leben verlieren soll!? Aber sie ist ohnmächtig dieser staatlichen Willkür ausgesetzt.

Mittlerweile herrscht in der Loser-Heimstatt Aufruhr. Hatten sie sich zu Beginn der Spielhandlung noch selig von deutschen Schlagern aus dem Radio sedieren lassen, werden sie nun mit sich überschlagenden Meldungen bombardiert. Der Herzog verschwunden, Claudio im Knast und die Enteignung der Puffs von Angelo angeordnet, und jetzt soll auch noch die Sozialhilfe gekürzt werden. Oder soll man etwa im Altenheim Dienst leisten!? Das angedrohte Laubrechnen (sic) im Park entwickelt sich zum Schreckgespenst der aufgescheuchten Gesellschaft. Das ist ein Anschlag auf die liebgewonnene Lethargie. Adi, der Zuhälter, ist Mitbegründer einer neuen Partei und fordert lautstark das Recht auf Arbeitslosigkeit bei vollem Lohnausgleich. Nach einer längeren Ansprache ans Prekariat (bzw. ins Publikum) erhält Hermann Scheidleder dafür verdienten Szenenapplaus. Zu diesem Zeitpunkt hat das Publikum mitbekommen, dass die ernsten Szenen sich weitgehend an Shakespeares Original halten, dass aber die komödiantischen Sequenzen neu geschrieben und vom fiktiven Vienna des Barden ins heutige real existierende Wien verpflanzt wurden.

Einschub

Die Übersetzung von Shakespeare-Texten ist im Grunde genommen eine Zumutung. Entweder gelingt es, das Versmaß stimmig einzuhalten, dann geht aber viel an Bedeutung verloren. Oder man fokussiert auf den tieferen Sinn, wobei oft das Dichterische beeinträchtigt wird. Am schwierigsten sind die Übersetzungen der komödiantischen Szenen, denn die basieren häufig auf Doppelbedeutungen von Wörtern, die kein deutsches Pendant haben. Shakespeares Wortwitz funktioniert über 400 Jahre später selbst bei englischsprachigen Zuschauern nicht immer. Da ist inszenatorisch ein Gesamtpaket aus Sprache, Darstellung, Interaktion und Bühnenbild gefragt. Als Peter Zadek in den 90er Jahren „Maß für Maß“ in Paris inszenierte (mit Isabelle Huppert als Novizin), konnte er auf ein geniales, sozusagen selbstsprechendes Bühnenbild zurückgreifen. Auf der einen Seite der Bühne stand eine kleine Madonnenkapelle, auf der anderen Seite ein Pissoir. Beide sind ein gewohntes Bild auf Frankreichs Straßen, und zwischen diesen Polen, der Spiritualität und dem Profanen, spielte sich die Handlung ab. In der Gefängnisszene setzte Zadek eigene Ideen um. Ein Gefangener wurde wie ein Stück Schlachtvieh beschriftet, z. B. mit dem Wort „Filet“ und dann genüsslich zersägt. Der jüdischstämmige Regisseur setzte die im Stück beschriebene Willkür mit der Entmenschlichung in den deutschen Konzentrationslagern gleich.

Thomas Brasch hat für Claus Peymanns Inszenierung im Berliner Ensemble 2001 in seiner Übersetzung die Doppeldeutungen „begradigt“. Sowohl in der Sprache als auch im Spiel wurde stets die zotige und ausdrucksstarke Variante bevorzugt. Dies trug zu einer ungeheuren Klarheit und auch Härte bei. Das gerade wegen seiner Ambivalenzen als Problemstück eingestufte Drama gewann dadurch an Verständlichkeit.

Beier ist einen ähnlichen Weg gegangen, diesen aber noch konsequenter. Die einfühlsame Übersetzung der tragischen Szenen von Frank Günther wird der Modernität der Inszenierung gerecht. Die Rüpelszenen aber erarbeitete Beier zusammen mit den Schauspielern. Der Text ist nur noch lose an Shakespeares Vorlage angelehnt, vieles ist frei erfunden.


Der Zug nach Nirgendwo

Zurück zur Handlung: Vincentio, der temporär arbeitslose Herzog von Wien, geistert als Mönch verkleidet durch die Stadt. Als ihm Angelos angestrebter Machtmissbrauch zu Ohren kommt, will er Isabella helfen. Statt ihrer soll sich eine andere Dame den Gelüsten des Tyrannen hingeben. Während das bei Shakespeare eine junge Frau ist, die schon seit langem unglücklich in Angelo verliebt ist, kommt bei Beier die Gewerbliche Chantal bei dem Täuschungsmanöver zum Einsatz. Doch selbst nach eingelöstem Versprechen will Angelo das Todesurteil gegen Claudio vollstrecken lassen.


Im Gefängnis: Isabella (Julia Wieninger) und ihr Bruder Claudio (Simon Eckert)
(C) Reinhard Werner, Burgtheater Wien

Vincentio sieht sich als verkleideter Mönch immer unlösbareren Aufgaben gegenüber. Seine Aktionen werden immer fragwürdiger. Da Angelo als Beweis für die erfolgte Hinrichtung den Kopf von Claudio geliefert haben will, muss ein anderer Kopf her. Als es darum geht, wer an Claudios Stelle enthauptet werden soll, geht mittels Perücke die Kür des potentiellen Todeskandidaten reihum. Der Tod eines Menschen wird dadurch beliebig. In einer völlig überzogenen Szene stellt Beier die Aberwitzigkeit der Todesstrafe an den Pranger. – Das Stück geht glimpflich, aber nicht gut aus. Zum Schluss kehrt in der Loser-Heimstatt wieder die gewohnte Lethargie ein. Als Sieger geht eindeutig der deutsche Schlager hervor, der aus dem Radio plärrt. Bei Christian Anders’ Hit „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ ist das Stück zu Ende und die Welt endlich wieder in Unordnung.


Deutscher Schlagerfan (Michael Wittenborn) und ein Möchtegern-Bestimmer (Jürgen Maurer)
(C) Reinhard Werner, Burgtheater Wien


Die fragwürdigen Handlungen des Herzogs haben noch den stärksten Bezug zu Shakespeares Original. Selbst wenn ein Mensch in einer solchen Position aus gutem Glauben oder in guter Absicht handelt, können die Auswirkungen seines Handelns unabsehbar sein und Schaden anrichten. Immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt, entwickelt Vincentio abenteuerliche Strategien, die nicht aufgehen, immer wieder korrigiert werden und trotzdem nicht funktionieren. (Anm. d. Red.: Ähnlichkeiten mit der Arbeit der Großen Koalition sind gegeben, können aber Herrn Shakespeare nicht als Absicht angelastet werden.)

Wie bei Shakespeare reflektiert das „gemeine Volk“ in den Rüpelszenen die Aktionen der Mächtigen. In dem neuzeitlichen Wien gehören natürlich die Arbeits- und Perspektivelosigkeit des Prekariats dazu. Beier macht die existentielle Betroffenheit der Menschen von den neuen Gesetzen und Erlässen sehr anschaulich. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Da haben wir die wunderbar spitze Regina Fritsch als Chantal, die in unabgemildertem Wienerisch ihre hilflosen Kommentare gibt. Schrille Kakophonien in einem schrägen Konzert. Da ist aber auch ein debiler Mützenträger (Nicholas Ofczarek), an dem alles völlig vorbeigeht. (Der hat eine Doppelrolle und verwandelt sich auf offener Bühne in den absoluten Gegenpol, den Angelo).

Auch rassistische Untertöne bleiben in einer solchen Sinfonie nicht aus. Zwei Deutsche werden verbal angegriffen, weil die Ausländer den Österreichern die Arbeitsplätze wegnehmen. Beier führt das später noch ad absurdum, als die deutschen Ausländer bezichtigt werden, den Einheimischen sogar die Gefängnisplätze wegzunehmen.

Am ergreifendsten sind Beier jedoch die tragischen Szenen gelungen. In einem Schauspieler-Ensemble, das durchweg gutes Spiel, Timing und Esprit beweist, ist es vielleicht ungerecht, zwei Mimen herauszugreifen. Aber „Maß für Maß“ steht und fällt mit Isabella und Angelo, in der heutigen Zeit besonders wegen der Anachronismen. Vor 400 Jahren war die Jungfräulichkeit noch ein wichtiges Gut, allein schon wegen der Mitgift. Über absolutistische Herrscher, wie Vincentio bzw, Angelo, verfügen wir in Europa heute auch nicht mehr. Wie bekommt ein Regisseur das heute an ein Publikum verkauft? Wenn es um die Staatsmacht geht, kommen Beier die Politikverdrossenheit, Ohnmachtsgefühle der Bürger und die stellvertretende Dominanz und Willkür der Wirtschaft entgegen. Bei der Jungfernschaft Isabellas sieht das wieder anders aus.

Julia Wieningers Isabella hebt sich schon von der Kleidung her von den anderen ab. Sie trägt sauberes Weiß und schwebt irgendwie unangetastet durch den imaginären Palast der Macht und das Gefängnis. Ihre religiöse Einstellung trägt sie überzeugend vor. Frank Günthers Übersetzung „Tugendfee“ trifft sehr präzise diesen Charakter. Beier muss Wert darauf gelegt haben, Isabellas Religiosität nicht als körperfeindlich darzustellen. In der Gefängnisszene mit ihrem Bruder zieht der sich aus und lässt sich von ihr waschen. Die Umarmungen zwischen der Frau in Novizinnentracht und dem halbnackten Häftling sind sehr körperlich. Auf die Annäherungsversuche von Angelo reagiert Isabella dagegen angewidert und abweisend. Nicholas Ofczarek schafft die Gratwanderung, Angelo als Widerling zu spielen, aber trotzdem die menschliche Note zu bewahren. Der ist regelrecht übermannt von der Flut der Gefühle, die er für Isabella empfindet und den gegenteiligen Anforderungen, die sein Amt an ihn stellen.

Neben Escalus (Michael Wittenborn) ist Isabella die einzige Person im Stück, die über so etwas wie Werte verfügt, auch wenn die vielleicht heute nicht mehr so gefragt sind. Im Gegensatz zu der Leere der anderen Figuren ist sie mit etwas angefüllt. Ihre Tragödie ist die, dass die „Entleerten“ entweder nichts damit anfangen können oder es zerstören wollen. Unterm Strich sind die Ereignisse in “Maß für Maß“ nur ein kleiner Zwischenhalt des Zugs nach Nirgendwo.


Helga Fitzner - red / 29. November 2007
ID 00000003582
MASS FÜR MASS
WILLIAM SHAKESPEARE
Komödie in fünf Akten
Deutsch von Frank Günther

Mit:
Regina Fritsch
Julia Wieninger
Simon Eckert
Juergen Maurer
Markus Meyer
Nicholas Ofczarek
Hermann Scheidleder
Tilo Werner
Michael Wittenborn
Peter Wolfsberger

Inszenierung: Karin Beier
Bühne: Thomas Dreißigacker
Kostüme: Maria Roers
Musik: Jörg Gollasch
Dramaturgie: Susanne Meister

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de





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