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Feuilleton


Marionettentheater Kleinen Spiel/München, Oktober 2006

Bert Brechts Mann ist Mann



Wenn ein Mensch geschlachtet werden soll - Bert Brechts "Mann ist Mann" einmal anders

Im Herzen Schwabings, Ecke Neureuther- und Arcisstraße, spielen sie sich noch immer jeden Donnerstag bei freiem Eintritt durch die Weltliteratur: Inzwischen mit dem Schwabinger Kunstpreis 2004 dekoriert, hat das Kleine Spiel nichts von seinem eigensinnigen Charme verloren, den es seit 1947 beharrlich verteidigt. Eigensinnig deshalb, weil es sich mit Haut und Haar dem Figurentheater verschrieben hat, dem doch seit jeher das Prädikat "Kinderkram" anhängt, liebenswert ja, aber sicherlich nicht ganz ernstzunehmend! Und genau gegen dieses hässliche Klischee kämpft Nicola von Otto mit ihrem hölzernen Ensemble eisern an. Schon im Netz kann man lesen, dass man für die lieben Kleinen doch besser einen Babysitter engagiert, bevor man sich ab ca. 19 Uhr geduldig am Ende einer langen Schlange anstellt, um einen der ca. 40 heißbegehrten Plätze zu ergattern, von denen aus man genießen kann, was die phantasievoll gebauten Holzköpfe in knapp eineinhalb Stunden so alles zum Besten geben.


\"Mann ist Mann\" - www.kleinesspiel.de


Diesmal also steht Brecht auf dem Spielplan: "Mann ist Mann" hatte er 1924 getitelt und damit das Phänomen der Anonymität in der Masse zum Ausdruck gebracht. Und so ist die "Verwandlung des Packers Galy Gay in den Militärbaracken von Kilkoa im Jahre neunzehnhundertfünfundzwanzig" denn auch ein leider ebenso modernes wie zeitloses Stück, in dem der harmlose Protagonist, der eigentlich nur einen Fisch zum Abendessen kaufen wollte, am Ende zur blindwütigen Kampfmaschine mutiert. Eine schwadronierende vierköpfige Maschinengewehrabteilung nämlich, die in Kilkoa der Tempelschändung überführt werden soll, lässt ihren kompromittierten Kameraden kurzerhand verschwinden und begibt sich, um die eigene Haut zu retten, auf die verzweifelte Suche nach passendem Ersatz. Da kommt der charakterschwache Galy Gay, der ohne größere Anstrengungen manipuliert werden kann, gerade recht: Aus einem einmaligen Gefälligkeitsdienst wird bald eine perfide kleine psychologische "Versuchsanordnung ", an deren Ende der irische Packer den Soldaten Jeraiah Jip komplett verinnerlicht und sein eigenes Leben vollständig aufgegeben hat. Das Kollektiv ist alles, und die Beliebigkeit des Gegenübers wird zum Propädeutikum für den Massenmord auf dem Schlachtfeld. Diese Austauschbarkeit, die Brecht bereits in den Zwanzigerjahren durch das Abgeben des Passes symbolisierte, wird hierbei wunderschön durch die bis ins Extrem stilisierten Marionettenköpfe inszeniert. Und wenn dann noch ein Soldat mit dem lakonischen Satz "Wenn sie Baumwolle brauchen, dann ist es Tibet, und wenn sie Schafwolle brauchen, dann ist es Pamir" Auskunft über die irrwitzigen Kriegsziele seiner Befehlshaber gibt, geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen, die aus nicht ganz unerfindlichen Gründen an den Rohstoff Erdöl denken müssen.


\"Mann ist Mann\" - www.kleinesspiel.de


Neben dem quasi-privaten Charakter ist somit die große Stärke des Kleinen Spiels vor allem die unglaublich kreative Umsetzung der Autorenintention durch das Erscheinungsbild der Figuren, die in der hauseigenen Werkstatt liebevoll zurechtgezimmert werden. Da werden die Gesichter derart reduziert, dass nur noch das für sie Typische optisch hervorsticht: Die Witwe Leocadja Begbick zum Beispiel, die in ihrem Bierwaggon die Männerwünsche diverser Armeemitglieder bedient, hat Augen und Nase gegen einen überdimensionalen Kussmund eingetauscht, und wo früher einmal der Arm saß, da kann die MG-Abteilung inzwischen nur noch ihre Waffe als Körperteil vorweisen.
Es ist diese Idee der Ver-Körperung im besten Wortsinne, die die Aufführung zu einem Erlebnis werden lässt. Im Anschluss an das Stück wird man schließlich von den "kleinen Spielern" sogar noch hinter die Bühne eingeladen, wo man sich vor Ort einen Eindruck von den Kulissen machen und einen kleinen Blick auf die Werkstatt erhaschen kann. Ben Jonson, Tankred Dorst, Günter Eich und Bert Brecht – hier also erwachen ihre Stücke zu neuem Leben, und dies auch jenseits aller Todestage und sonstiger Jubiläen.
Und wenn man im Geiste die Literaturgeschichte so durchgeht, dann fällt einem doch prompt Kleists Essay "Über das Marionettentheater" wieder ein, der 1810 den Gliedermann in dessen Selbstvergessenheit als Sinnbild perfekter Grazie definiert, als kreatürliche Antipode zur schöpferischen Kraft Gottes. Literatur und Figurentheater: zwei direkte Blutsverwandte also seit jeher und garantiert kein Kinderkram – wussten wir's doch gleich!


Von Michaela Gröner - red / 26. Oktober 2006
ID 00000002761
Michaela Gröner M.A.
http://www.saltoverbale.de/


Veranstaltungsdaten:

Bertolt Brecht: Mann ist Mann im Kleinen Spiel

Neureutherstraße 12 (Eing. Arcisstraße)
80799 München
Termine: 26.10. | 9.11 | 16.11.
Beginn jeweils 20.00 Uhr
Einlass 19.45 Uhr
Eintritt frei
Spenden in den schwarzen Zylinder am Eingang sind willkommen!

Weitere Infos siehe auch: http://www.kleinesspiel.de






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