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Feuilleton


Staatsoper Hamburg, 24. September 062006

L´Upupa und der Triumph der Sohnesliebe

Eine Inszenierung von Josef E. Köpplinger


Die verhollywoodisierte Hamburger Opernwelt



Der Vogel als Garant der Empfindungslage oder Henzchen klein, ging allein ...

Die Staatsoper Hamburg eröffnet die Spielzeit mit einer deutschen Erstaufführung „L’upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ von Hans Werner Henze
„Die Liebe hat einen Triumph und der Tod hat einen, die Zeit und die Zeit danach. Wir haben keinen“, bedeutete Ingeborg Bachmann in den „Liedern auf der Flucht“, bedeutet uns auch Hans Werner Henze in seinem 2003 uraufgeführten, nun in Hamburg die bundesdeutsche Erstaufführung erfahrenen deutschen Lustspiel aus dem Arabischen in elf Bildern „L’upupa und der Triumph der Sohnesliebe“. Am Ende, wenn die zartflächige, in ruhig schreitendem Tempo ausspülende Abschiedsmusik den Großwesir und seine exzessiv forcierte Suche nach natürlicher Schönheit in „die blaue Stunde“ entlässt, ist Upupa, ein schöner Wiedehopf, bereits fortgeflogen, der Lieblingssohn Al Kasim zum „Äpfel“ bestaunen weitergereist in Richtung „Dämon“, die übrigen Söhne, der „Skurrile“ Adschib und der „Arme“ Gharib, abgerichtet zu einer Art Hartz-IV-Frondienst in der „Kloake“. Ja, das Leben ist nunmehr gewesen, Leben, mit viel falsch verursachter Jagd aus narzisstisch-selbstgefälligen Motiven: Denn der Patriarch hatte anfangs selbst misshandelt. Einmal vergriff er sich an seinem liebsten Singvogel, woraufhin dieser aus der Hand entfleuchte. Für immer? Ganz krank von dieser neuen Ferne zum Glück fordert er von seinen drei (wir sind im Märchen) Söhnen, und koste es, was es wolle – notfalls das Leben – den libidinös-sühnebesetzten Piepmatz wiederzubringen. Das vollbringen nun ausgerechnet die zwei allzu offenkundig Missratenen, freilich weil sie den Helden Kasim und seine assimilierte jüdische Liebe heimlich, was nicht gelingt, töteten - nicht ohne die reichhaltige Beute Kasims für den Vater abzuluchsen; noch vor dem kurzen lieto fine lässt dieser den zurückgewonnen Wiedehopf schließlich in eine zweite Freiheit ziehen. Dann der beschriebene versöhnlich unversöhnliche instrumentale Ausgang.


Der Held Kasim und sein Dämon.


Die alles entscheidende Frage ist selbstverständlich, ob denn in einem Zeitalter, wo besondere Vögel kaum mehr in der Wirklichkeit singen, sondern auf einer roten Liste, auf dem Papier, ihren Bestand reklamieren, für das „Andere der Vernunft“ überhaupt noch nachvollziehbar einstehen können? Gibt es denn als Tier in einer unter dem totalen Zugriff befindlichen Welt, umfangen von Autobahnen, Asphalt und Käfigen, überhaupt Freiraum oder Luftraum? Für verständige Erwachsene des 21. Jahrhunderts ist die „Upupa“ gedanklich viel zu mager und zu kurz gedacht, wie überhaupt das gesamte Sujet, mag man die zugrundegelegte syrische Fabel einmal so nennen, zu einfältig daherkommt und mit viel ideologischem Schwarz-Weiß behaftet ist für eine Oper, die auch nur in die Nähe von Kulturkonflikten schauen möchte.


Der eingesperrte Vogel und die ins Märchen eingesperrten Hamburger Darsteller.


Detlef Glanert hätte daraus wohl gleich eine Kinderoper gemacht, statt ein abendfüllendes Werk zu schaffen, um dann hinterher festzustellen, dass jetzt, was so recht noch niemand einsehen möchte, eine üppig instrumentierte Kinderoper vorliegt. Auch muss man trotz der großartigen essayistischen Begabung Henzes das Libretto sicher zu den Schwächsten der Operngeschichte rechnen. Proben: „Nimm dich in Acht vor den Fußangeln der Seele und vor den Bestien der Gefahr dunklerer Lüste und vor Gespenstern, Nudisten, vorwilden Trollen und Trappisten sei auf der Hut. Nimm dich in Acht vor den triftigen Wendungen ...“ (König Malik zu Kasim) oder „Niemals und nimmermehr ließ ich dich allein, Badi’at, mein Kleinod, schönste Braut. Ob Schnee, ob Sandsturm, Fieberwahn, ich halt dich fest an mich geschlungen, bis wir vergehn, bis das Ende kommt, so gut wie tot sind und schon ganz abgetan.“ (Al Kasim zu seiner Liebsten) – so entsteht aus dem Lustspiel eine unfreiwillige Komödie, die das Ganze, einschließlich Henze, konterkariert.

In Hamburg waren Hausherrin Simone Young und die Philharmoniker indessen gute Sachwalter dieser farbenreich-dahinreisenden und musiktheatererfahrenen Partitur. Sachwalter einer vermögenden, gleichsam aber auch illustren Musik, die zwar oft mehr zu sich selbst möchte, als zu den Figuren und zum Publikum, und je weiter der Abend fortschritt, umso sublimer im Gegenlicht aufleuchtete. Leider betraute Young den Regisseur Josef E. Köpplinger mit der szenischen Realisation: Arbeitete Bergson noch heraus, dass jedwedes Lachen notwendig mit einer „Anästhesie des Herzens“ einhergeht, muss man nach der Vorstellung nüchtern feststellen, dass dem Team Köpplinger (Bühnenbild: Rainer Sinell; Kostüme: Marie Luise Walek) hier die Vollnarkose gelungen ist, so dass zum Lustspiel im Parkett niemand ernsthaft in die Verlegenheit kommt, noch zu lachen oder großartig zu applaudieren: die Personenführung ist luschig, das Licht langweilig, die szenische Bewegung vor allem im zweiten Teil zu immobil gegenüber einer aufbrechenden Musik und der Ansatz, den alten Mann stumpf auf dem Minarett oder als eine Art Säulenheiligen zu parken, nach offenem Start aus dem Publikum schnell fehlgelaufen – nicht zuletzt durch die wenig nachvollziehbare Besetzung des in sarastroischer Pathosgestik steckenbleibenden, stimmlich differenzierteren Artur Korn. Das rettet kein Solist: Roberto Saccà als Dämon sticht da trotz oder wegen seiner Flügel aus gestriger Damenunterwäsche mit tenoraler Noblesse hervor. Die beiden vollkommen unpsychologischen Figuren Kasim und Badi’at gaben der noch wachsende Heldenbariton Teddy Tahu Rhodes und die jugendlich-dramatische Ha Young Lee überaus textverständlich und in durchaus formschönen Cantabile. Dazu ein schriller Counter Andrew Watts als Adschib, Jan Buchwald als unböswilliger Tölpel Gharib, Deborah Humble als lang, lang singender Malik und Siegfried Vogel als dritter Herrscher Dijab. Der Chor, wie gewohnt von Florian Csizmadia einstudiert, machte erneut eine gute Figur. Wurde jedoch mit so leidigen Zwischenkommentaren bedacht, die einen wehmütig zurückblicken lassen auf eine Zeit, in der so ein klamaukiger Mummenschanz unmöglich war: zur Lebzeit Ingeborg Bachmanns.


Wolfgang Hoops - red / 2. Oktober 2006
ID 2695
L´Upupa und der Triumph der Sohnesliebe

INSZENIERUNG: Josef E. Köpplinger
BÜHNENBILD: Rainer Sinell
KOSTÜME: Marie Luise Walek
CHOREOGRAFIE: Ricarda Ludigkeit

Aufführungen:
10. Oktober 2006 19:30 - 22:00 Uhr - Online-Verkauf
13. Oktober 2006 19:30 - 22:00 Uhr - Online-Verkauf
15. Oktober 2006 19:30 - 22:00 Uhr - Online-Verkauf
18. Oktober 2006 19:30 - 22:00 Uhr - Online-Verkauf

Ort:
Großes Haus
Staatsoper Hamburg

Weitere Infos siehe auch: http://www.hamburgische-staatsoper.de/






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