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Ödön von Horvath:

Kasimir und Karoline


Horvath hat Hochkonjunktur in diesen Zeiten der Weltwirtschaftskrise – Kasimir und Karoline und Glaube Liebe Hoffnung finden sich auf vielen Spielplänen. In Köln zeigt jetzt Johan Simons (ab Herbst 2010 Intendant der Münchener Kammerspiele) in Zusammenarbeit mit dem Musiker Paul Koek seine Lesart.

Das Bühnenbild ist ein Gerüst über drei Etagen – auf denen man immer höher klettern kann, um den Zeppelin zu sehen. Der Zeppelin, der Kasimir nicht interessiert, weil ihn nichts mehr interessiert, außer sein eigenes Selbstmitleid zur Schau zu stellen. Aber Karoline, seine Freundin, will sich amüsieren. Will Eis essen und Achterbahn fahren.

Männer, die arbeitslos werden, werden verlassen, erklärt der Zuschneider Eugen Schürzinger wenig später Karoline, als sie sich zufällig mit einem Eis in der Hand über den Weg laufen. Und obwohl sie der Meinung ist, ein „treues Weib“ müsse in dieser Situation zu ihrem Mann stehen, kommt es auch bei Kasimir und Karoline genau dazu. Sie merkt an, man sei eventuell „zu schwer füreinander“ geworden, und er deutet es so, dass sie sich von ihm trennen will, weil sie noch etwas Besseres will im Leben. Denn der Abend auf dem Oktoberfest, den die beiden miteinander verbringen wollten, ist der letzte Abend vor Kasimirs Arbeitslosigkeit.

Und so entspinnt sich auf der Bühne des Kölner Schauspielhauses ein fein ziseliertes Drama um Karoline und Kasimir in seiner ganzen Trostlosigkeit – hauptsächlich auf der Bühne vor dem Gerüst, unter dem zudem eine Band den ganzen Abend über Musik spielt. Alle werden von diesem Ort angezogen; Kasimir geht mehrmals, kehrt aber immer wieder zurück, ein trauriger und pessimistischer Mensch, der nicht einmal Prostituierte im Suff mit seinen Aufschneidergeschichten beeindrucken kann. Nur Erna, die seine eher stille Art schätzt, seinen achtungsvollen Umgang mit Frauen, erkennt in ihm jemanden, der, ähnlich wie sie, versucht, seine Würde zu bewahren. Die beiden kommen am Ende zusammen, ebenso wie Karoline und der Zuschneider Schürzinger. Als sich die Paare gefunden haben, scheinen hinten links in Rosa die Umrisse einer Hausfassade auf. Zynischer Kommentar oder das Ziel aller Träume? Aber vielleicht haben Kasimir und Karoline die eine große Liebe im Leben gerade verpasst. Und irgendwie wird man als Zuschauer den Eindruck nicht los, dass die lebenslustige Karoline und der biedere Eugen nicht so recht zueinander passen.

Johan Simons gelingt ein melancholischer, ruhiger Abend ohne Lokalkolorit. Unterlegt ist er von einer permanenten Musikuntermalung der Liveband, die das Gefühl vermittelt, sich auf einer Familienfeier mit angeheuertem Einmannunterhalter, der in die Synthesizertasten haut, zu befinden. Gelegentlich wird es hier etwas lauter und härter, aber das bietet für die Figuren keinen Anlass, sich auszutoben. Nur der Landesgerichtsdirektor Speer lässt sich mitreißen, alle anderen zucken höchstens mal mit der Hüfte. Die alltäglichen Probleme lassen sich so einfach nicht abstreifen.

Die Figuren sind klar gezeichnet: Angelika Richter spielt Karoline als Blondine voller Lebenslust, naiv, nur ans Heute denkend. Sie ist ganz Kind, in ihrem kurzen Röckchen und ihrer Sprunghaftigkeit. Sie, die tagsüber als Sekretärin im Büro arbeitet, will sich vergnügen und sich den Abend nicht von ihrem Freund vermiesen lassen. Kurz überlegt sie, ob sie mit Kommerzienrat Rauch in eine vermeintlich goldene Zukunft abfahren oder bei Kasimir bleiben soll. Und geht dann mit Rauch. Markus Johns Kasimir ist ein antriebsloser Trauerkloß im braunen Anzug, deutlich älter als seine Freundin und an einem anderen Punkt im Leben. Dabei aber dennoch ein starker Typ, der innen ganz schwach ist und emotional. Jemand, dessen Lebenssinn mit der Arbeitslosigkeit abhandengekommen ist – vielleicht nur vorübergehend. Das Gegenmodell zu diesem Krafttypen ist der schmächtige Eugen Schürzinger, den Jan-Peter Kampwirth als leise verhuschtes Muttersöhnchen spielt, ganz korrekt in Anzug und Krawatte. Einer, der zu feige ist, das Glas Alkohol abzulehnen, das der Vorgesetzte ihm anbietet (obwohl er sich als Antialkoholiker zu erkennen gibt), zugleich aber mutig genug, Karoline aus einer Auseinandersetzung mit Kasimir zu retten – und schließlich mit Karoline geht, obwohl diese ihn zuvor schnöde und zu seinem Entsetzen zurückgewiesen hatte.

Grandios Lina Beckmann, eine der großen Entdeckungen im Kölner Schauspielensemble von Karin Beier. Egal ob als Alter Mann in Karin Henkels Lesart von Iphigenie, als Frau Dr. Fliegel in Volpone oder in Simplicissimus Teutsch: Sie gibt jeder Figur eine ganz eigene Körperlichkeit, zeigt eine hohe Wandelbarkeit und immer wieder Mut zur Hässlichkeit. Ihre Figuren wirken jedes Mal glaubwürdig. So auch ihre Erna, die davon überzeugt ist, dass sich die Verhältnisse ändern lassen. Auch Michael Wittenborn und Felix Vörtler überzeugen als alternde Casanovas Rauch und Speer, die sich auf dem Oktoberfest die Kante geben und bei jungen Frauen landen wollen. Daneben Julia Wieninger und Annika Olbrich als rabiate Prostituierte, Torsten Peter Schnick als zierlicher Sanitäter mit hoher Stimme, Carlos Ljubek als schmieriger und gewaltbereiter Merkl Franz und Anja Laïs als leicht lustlose Ausruferin, die den ein oder anderen Song mit der Band röhrt.

Simons denunziert die Figuren nicht, er nimmt sie ernst in ihren Bedürfnissen und ihren Schwächen. So gibt es kein Riesenbesäufnis, kein wildes Kopulieren, wie es bei einer Inszenierung, die auf dem Oktoberfest spielt, vielleicht erwartbar wäre. Nur Menschen auf der Suche nach einem kleinen bisschen Glück oder dem, was sie dafür halten.



Karoline Bendig - 14. Januar 2010
ID 4520


KASIMIR UND KAROLINE (Schauspiel Köln, 10.01.2010)
Regie: Johan Simons und Paul Koek
Kostüme: Nina von Mechow
Musikalische Leitung: Loy Wesselburg
Dramaturgie: Paul Slangen und Rita Thiele
Produktionsleitung: Marc Swaenen
Besetzung:
Kasimir ... Markus John
Karoline ... Angelika Richter
Rauch ... Michael Wittenborn
Speer ... Felix Vörtler
Schürzinger ... Jan-Peter Kampwirth
Der Merkl Franz ... Carlo Ljubek
Dem Mekl Franz seine Erna ... Lina Beckmann
Maria, Juanita ... Julia Wieninger
Elli ... Annika Olbrich
Sanitäter, Mädchen mit Bart ... Torsten Peter Schnick
Liliputaner / Ausrufer ... Anja Laïs
Musiker: Boris Coppieters / Dan Enderer / Robert Nacken / Loy Wesselburg
Premiere war am 3. Dezember 2009
Weitere Termine: 17., 20., 25. + 31. 1. 2010
Eine Koproduktion mit dem NT Gent und De Veenfabriek

Weitere Infos siehe auch: http://schauspielkoeln.de





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