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8. Juli 2012, Festival INFEKTION!

DIONYSOS

Opernphantasie von Wolfgang Rihm


Wolfgang Rihm - Foto (C) Universal Edition / Eric Marinitsch


Verführungen zu künstlerischer Personalunion

Ingo Metzmacher, einer der größten Antreiber sowie Ermöglicher für zeitgenössische Musik - die Deutsche Staatsoper Berlin sollte sich überglücklich schätzen, dass sie ihn jetzt (freilich nur vorübergehend, bis er wieder etwas "Festes" hat) in dieser Hinsicht ab und zu bemühen kann; er dirigiert ja sichtlich gern die Staatskapelle, welche wiederum mit ihm sehr sichtlich-gern zu musizieren scheint - berichtete in seinem Buch (heißt Vorhang auf! Oper entdecken und erleben) über die Entstehung Dionysos', jener Opernphantasie von Wolfgang Rihm, die sich auf 15 Jahre, mindestens, beziffern sollte. Damals, wo er ihn in seiner Komponierwerkstatt im heimischen Karlsruhe aufsuchte, war dem Vernehmen nach nur eine Art Idee vorhanden: Rihm vertiefte sich zu dieser Zeit in Friedrich Nietzsche's Anamnese; also wollte er da irgendwie und irgendwas über den Nietzsche ("hielt sich für Dionysos", "überblendete sich mit ihm") verfertigen - dies quasi aufgeschnappt, schlug Metzmacher, der ständig auf der Suche nach was Neuem war und ist, Rihm vor, dass dieser sich ein bisschen sputen sollte, und er könnte ihm dann selbstverständlich auch einen Kompositionsauftrag besorgen oder so...




Ensemble-Szene aus der Dionysos-Inszenierung (Regie: Pierre Audi / Bühnenbild: Jonathan Meese / Kostüme: Jorge Jara) an der Staatsoper im Schiller Theater - Foto (C) Ruth Walz



"Ein Libretto im üblichen Sinne gibt es nicht. Keine Geschichte, keinen Plot, kein Drehbuch. An dem entlang man komponieren könnte. Er [Rihm, A. S.] geht anders vor. Er sucht sich seinen Text. Er stellt ihn selbst zusammen. In offener Form. Die reizt ihn. Rihm spricht von Inseln. Situationsinseln, die nur über Brücken zusammenhängen. Auf denen einzelne Szenen angelegt sind." (Metzmacher) Ja und so wurde Rihm, sowohl aus librettöser Not als auch aus schreiberischem Ehrgeiz, Dichterkomponist. Das "Letztere", also das Komponieren, das beherrschte und beherrscht er wie kein Zweiter um ihn her; seine Musik klingt ungeheuer melodiös, sie hat einen fast männlichen Charakter und ist unverwechselbar - das "Erstere", also das Texten, sollte ihm (im Falle Dionysos) allerkapitalst misslungen sein! Die Diethyramben Nietzsche's - unterm gleichen Titel wie die Rihm-Oper - gelten als dessen Schwangesang; als er sie 1888 erstveröffentlichte, blieb ihm noch ein kurzes Dutzend Jahre Lebensdauer, wovon er gequälte zehn als Irrgewordener in einer Klapsmühle verbrachte. Blättert man sich vor/zurück durch sie, geht Einem schon der penetrante Vortragsstil - ich würde seine lyrischen Ergüsse (Nietzsches Dionysos) als vorjugendstil'nen Kitsch bezeichnen - auf die Nerven; auch das Optische (die Verse resp. ihre Aufstellung) sieht nervig aus - - will sagen: Hätte Rihm vielleicht aus DIESEM Material, also aus DIESEM O-Text, anstatt selber dichterisch herumzudilettieren, eins zu eins geschöpft, wäre er dichterkompositionell, mit der Betonung "Dichter", nicht so derart negativ dann aufgefallen so wie hier und mir...




Mojca Erdmann und Georg Nigl in Wolfgang Rihms Oper Dionysos - Foto (C) Ruth Walz



Das ändert freilich nichts - nein, überhaupt nichts - an Rihms kongenial geschriebener Musik! Das Werk versprüht in durchgängiger Laune einen Melos, der sich hören lassen kann. Rihm arbeitete hochartistische Passagen für die SängerInnen - stellenweise meint man, dass es fast unmöglich wäre, so etwas zu singen; Mojca Erdmann (sie war Lulu diese Spielzeit) kann das! Aber höchstwahrscheinlich ist sie wohl die weltweit Einzige, die das tatsächlich kann? Im Rihm'schen Dionysos gibt's auch einen großen Walzer oder einen Chor-Choral. Manches erinnerte an "Ähnliches" von andern Komponisten; beispielsweise diese Ariadne-Bacchus-Nymphen-Szene zu Beginn der Oper; Richard Strauss lässt grüßen...

Rihms Musik gefällt, ist kurzweilig.




Virpi Räisänen, Julia Faylenbogen, Georg Nigl, Mojca Erdmann und Elin Rombo (v. l. n. r.) sowie Matthias Klink (im Hintergrund) - Foto (C) Ruth Walz



Wir sahen die 2010er Uraufführungs-Produktion aus Salzburg (Regie: Pierre Audi / Bühnenbild: Jonathan Meese / Kostüme: Jorge Jara); diese wurde seinerzeit vom DSO gespielt. Als Dirigent - damals wie heute - konnte Ingo Metzmacher gewonnen werden. Georg Nigl (N. wie Nietzsche) hielt sich tapfer; kurz vor Vorstellungsbeginn war er von Jürgen Flimm als sommergrippekrank gemeldet worden. Und Matthias Klink (Ein Gast) hatte, ähnlich wie Erdmann, fast Halsbrecherisches abzuabsolvieren; Wahnsinnsaufgabe. Der Chor der Deutschen Staatsoper Berlin, der umfangreiche Großeinsätze hatte, wurde von Frank Flade einstudiert. Ja und die Staatskapelle Berlin (!!!) tat wieder einmal so, als würde sie nie je was Anderes als zeitgenössische Musik gespielt haben; phänomenales Kronjuwel!

Richtig und gut, dass dieser Rihm jetzt 4 mal an der Staatsoper im Schiller Theater exklusiv und live zu hör'n gewesen sein wird.


Andre Sokolowski - 9. Juli 2012
ID 00000006075
DIONYSOS (Staatsoper im Schiller Theater, 08.07.2012)
Musikalische Leitung: Ingo Metzmacher
Inszenierung: Pierre Audi
Bühnenbild: Jonathan Meese
Kostüme: Jorge Jara
Licht: Jean Kalman
Video: Martin Eidenberger
Chor: Frank Flade
Dramaturgie: Klaus Bertisch
Besetzung:
N. ... Georg Nigl
1. hoher Sopran | Ariadne ... Mojca Erdmann
2. hoher Sopran ... Elin Rombo
Mezzosopran ... Virpi Räisänen
Alt ... Julia Faylenbogen
»Ein Gast« | Apollon ... Matthias Klink
»Die Haut« ... Uli Kirsch
Chor der Deutschen Staatsoper Berlin
Staatskapelle Berlin
Uraufführung zu den Salzburger Festspielen war am 27. Juli 2010
Berliner Premiere: 8. Juli 2012
Weitere Termine: 10., 13., 15. 7. 2012
Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und De Nederlandse Opera, Amsterdam

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de



 

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