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Theater Bonn, Oktober 2006

Heinrich von Kleist
Die Familie Schroffenstein

Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Regie: Ingo Berk

Jonas Gruber(Ottokar)
© Lilian Szokody, Bonn

Zu Beginn hört man im Surround-Ton Pferdegetrappel, dann hebt sich ganz langsam der Vorhang und gibt den Blick frei auf einen hallenartigen Raum mit Kamin in der Mitte, vier hohen Fenstern und zwei Türen, eine links, eine rechts. Auf einem Teppich in der Mitte befinden sich Sitzbänke, schön geometrisch angeordnet. Links und rechts steht je ein Waffenschrank. Im 4. Akt werden Rupert und Sylvester von Schroffenstein zu ihren Gewehren greifen, und dann gibt es kein Zurück mehr in ihrer sinnlosen Familienfehde. Wie verdienstvoll die einzelnen Familienteile als Jäger waren, davon legen die Hirschgeweihe in verschiedenen Größen über den beiden Türen Zeugnis ab.
Wir befinden uns in einem Wartesaal der Macht, Kostüme und Bühne lassen die 30er Jahre anklingen. Der Raum wirkt kalt, wenig heimelig, düster. Alle tragen dunkle Kleidung, hohe Stiefel, nur Jeronimus von Schroffenstein fällt mit seiner zylinderartigen Kopfbedeckung und seiner weißen Hose ein wenig aus der Reihe. Er sieht eher wie ein Zirkusdirektor denn wie ein Rittmeister aus.



Tatjana Pasztor(Eustache); Stefan Preiss(Jeronimus); Arne Lenk(Santing); Bernd Braun(Rupert)
© Lilian Szokody, Bonn


Ein Kind ist gestorben und bildet den Auslöser für eine verheerende Familienfehde. Wobei gesagt werden muss, dass der Auslöser eher ein leidiger Erbvertrag ist, der den Familienstämmen der Schroffensteins in Rossitz bzw. in Warwand das Erbe zuspricht, sollte der jeweils andere Stamm ohne Erben aussterben. Das Misstrauen ist vorprogrammiert. Aber mit dem Tod von Ruperts Sohn Peter und dem Geständnis eines Mannes unter der Folter, Sylvester von Schroffenstein habe den Mord befohlen, erreicht der Familienkonflikt eine neue Dimension: Rupert kündigt den Frieden auf und ruft Krieg aus. Sein Herold, der dies am Hofe von Warwand wenig später verkündet, wird vom Volk ermordet, dagegen kann auch der besonnene Sylvester nicht viel unternehmen. Ähnliches passiert wenig später mit Jeronimus von Schroffenstein am Hofe Ruperts.


Unaufgeregt trotz der erhitzten Familienstimmung erzählt Regisseur Ingo Berk die Geschichte, nimmt sich Zeit für jede Szene, jede Situation. Das, was auf der Bühne passiert, entwickelt sich in einer angespannten Atmosphäre, ohne frühzeitig zu überhitzen. Einfach funktioniert die Zuordnung des Bühnenraums zu den verfeindeten Geschlechtern: Rossitz liegt links, aus dieser Tür treten Rupert und Konsorten auf, Warwand ist rechts. Über den Kamin in der Mitte kommt an einer Stelle Agnes, Sylvesters Tochter, die zwischen den beiden Familien steht, weil sie Ottokar, den Sohn Ruperts liebt. Die beiden wiederum treffen sich in einer Höhle im Gebirge, dem einzigen anderen Raum neben der Halle. Bei Berk und seinem Bühnenbildner Damian Hitz ist das ein Ort unter der eigentliche Bühne – die hochgefahren wird. Dort stehen etliche Stangen und im Hintergrund sieht man Sterne leuchten.
Fast jede Szene ist mit einem Klangteppich unterlegt, oftmals aus technisch wirkenden Geräuschen zusammengestellt, der die angespannte Stimmung betont, alles noch düsterer und dunkler erscheinen lässt. Manchmal ist das etwas zu viel des Guten, weil stets etwas Unheilvolles unter den Szenen wabert, aber dieser Klang gibt den Szenen auch ein eigentümliches Raum-Zeit-Kontinuum, so dass der Eindruck entsteht, alles würde unter einer Art Glasglocke stattfinden.
Die Begegnung zwischen Rupert und Jeronimus kurz vor der Pause ist eine der wenigen Szenen, in denen es keine Atmo gibt. Und auf diesen Dialog folgt denn auch der theatralische Höhepunkt des ersten Teils, auf den alles bisher so sinnfällig hingearbeitet hat: Der Mord an Jeronimus wird für den Zuschauer dadurch sichtbar, dass sich die hohen Fenster von unten nach oben langsam rot färben. Eustache, Ruperts Ehefrau, wirft ihrem Mann vor, ein Mörder zu sein, schreit es heraus. Ein Moment der Explosion und Leidenschaft nach all der Zurückhaltung, geschickt platziert.
Diese kluge Dramaturgie des ersten Teils wird nach der Pause allerdings nicht fortgesetzt. Wo der erste Teil in seinem langsamen Erzähltempo, in seiner absoluten Konzentration auf den Text und die Figuren überzeugt, wird es im zweiten Teil faserig und kleinteilig. Das mag zwar dem Stück geschuldet sein, beruht aber auch auf der Art der Präsentation.

Es lässt sich noch gut an: In der Halle stehen von Beginn an keine Bänke, und kurz darauf entschwindet auch die Rückwand in den Bühnenhimmel. Aber diese vorübergehende Unbehaustheit wird nicht beibehalten, sondern weicht einer romantischen Szenerie: Die Bühnenmitte wird blau geleuchtet und hinten erstrahlt ein Sternenhimmel – ein Bild, von dem sich Berk im weiteren Verlauf des Abends nicht überzeugend wieder lösen kann. An einem unschuldig hin- und herschwenkenden Kessel steht Barnabe, die Peters Finger besitzt und damit die Lösung für dessen Tod, der die Fehde zwischen den Schroffensteins ausgelöst hatte. Es ist etwas unverständlich, weshalb sie wie Rotkäppchen gekleidet ist und zu allem Überfluss auch noch ein Körbchen mit sich trägt, das in der bisherigen Konzeption des Abends deplatziert wirkt. Als Figur ist sie definitiv ein Fremdkörper zwischen all den anderen. Agnes’ Mutter scheint derweil über ihrem Schicksal verrückt geworden zu sein und stellt fünf weiße Porzellanpferde auf der Bühne auf. Und schwupps sind in diesem zweiten Teil ungleich viel mehr Requisiten auf der Bühne als im ersten, die alle eher verwässern, als zu einem ähnlich klaren Bild wie im Teil vor der Pause beizutragen.

Ottokars Entdeckung, dass der Tod seines Bruders ein Unfall war – er ist ertrunken – wird von niemandem mehr gehört. Längst haben die Dinge eine Eigendynamik entwickelt, die erst durch den Tod des Liebespaares gestoppt werden kann. Ottokars Bruder Johann spricht zuletzt von oben die Wahrheiten aus, die nur einem Narr oder einem Verrückten auszusprechen erlaubt sind. Fazit: Ein anstrengender, anregender und im Teil vor der Pause sehr konzentriert erzählter Abend. Der zweite Teil fällt dagegen mit seinem Einschlag ins Märchenhaft-Romantische ab.


Karoline Bendig - red / 25. Oktober 2006
ID 2759
Die Familie Schroffenstein
Von Heinrich von Kleist

Regie: Ingo Berk
Bühne: Damian Hitz
Kostüme: Kathrin Stadeler
Musik: Patrik Zeller
Besetzung: Bernd Braun (Rupert, Graf von Schroffenstein), Tatjana Pasztor (Eustache, seine Gemahlin), Jonas Gruber (Ottokar, ihr Sohn), Hendrik Richter (Johann, Ruperts natürlicher Sohn), Rolf Mautz (Sylvester, Graf von Schroffenstein), Tanja von Oertzen (Gertrude, Sylvesters Gemahlin), Maria Munkert (Agnes, ihre Tochter), Stefan Preiss (Jeronimus von Schroffenstein), Arne Lenk (Aldöbern/Santing, Vasallen Ruperts; Theistiner, Vasall Sylvesters), Nina V. Vodop’yanova (Barnabe, Tochter eines Totengräbers)

Premiere am 20.10.2006, Kammerspiele

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater.bonn.de/neu_popup.php?termine_id=3995






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