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E.T.A.- Hoffmann-Theater Bamberg, Großes Haus, Premiere 5. Mai 2006

Sophokles
Antigone

Regie: Ute Rauwald
Ausstattung: Petra Korink


Foto (C) E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg



„Wie stellen sie wohl den zerfleischten Polyneikes dar?“


Dass war die Frage, die mich am 11.05.06 in die neue Antigone-Inszenierung des E.T.A.-Hoffmann-Theaters in Bamberg trieb und – wie ich mit Verwunderung feststellen sollte – nicht beantwortet wurde.
Es ist 20.00 Uhr – offizieller Vorstellungsbeginn. Die übergroße Nachbildung der griechischen zwei-Euro-Münze fährt auf und ab. Das Motiv zeigt die Entführung der Europa durch Zeus, jedoch werden diese beiden Figuren zu Anfang des Stückes entfernt.
Zurück bleibt der leere Kranz aus zwölf Sternen, der in den folgenden 90 Minuten immer wieder meinen Blick auf sich zieht. Fast drängt er sich als Analogie zu der Inszenierung Ute Rauwalds auf: Einzig der Text erinnert gleich einem leeren Rahmen noch an die ursprüngliche Tragödie Sophokles`, die Botschaft scheint der Modernisierung zum Opfer gefallen zu sein.
Das Stück hat – vom Publikum unbemerkt – längst angefangen und noch lange bleibt der Zuschauerraum hell erleuchet, was die Grenze zum Bühnenraum ebenso wie den Abstand zum Bühnengeschehen aufhebt. Ein respektvolles Genießen der schauspielerischen Leistung scheint aber auch nicht im Konzept der Inszenierung zu liegen, denn im Laufe des Stückes wird immer deutlicher, dass es sich um eine Satire auf das moderne Regietheater handelt:
Antigone und Ismene, gespielt von Lissie Poetter und Diana Wolf, verkörpern eine merkwürdige Mischung aus Ökofeminismus und Kampflesbentum, Ernst Hofstetter als Kreon sieht aus wie ein alternder Playboy, Jürgen Brunner in der Rolle des Haimon wie ein misslungener Heath Ledger-Verschnitt.



Foto (C) E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg


Der Text des Chors wird größtenteils von einer Art Moderator ins Mikrofon gesprochen, an anderer Stelle übernehmen Ismene, Eurydike u.a. die Chor-Passagen.
Auftritte finden nicht vom Bühnen-, sondern vom Publikumsraum aus statt, Tanzeinlagen zu flotter Volksmusik forcieren irritierte Blicke unter den Zuschauern.
Das Spiel des Ensembles verleitet mich immer wieder zu stillen Heiterkeitsausbrüchen.
Die rebellische Antigone sitzt wie ein bockiges Kind motzend vor Kreon auf dem Boden, Ismene kreischt hysterisch ihren Text heraus, Haimon gleitet wie in einer schlecht-lasziven Töpferszene hinter seinen Vater, später wirft er sich zum Sterben auf einen Servierwagen.
Insgesamt passen Gestik und Sprache selten zueinander, das Geschehen auf der Bühne parodiert sich zeitweise selbst.
Einzig der Schluss entbehrt jeglicher Lächerlichkeit:
Die Bühnenrückwand wird hochgezogen, man kann nun in den Intimbereich des Theaters sehen. Was vorher nur subtil angedeutet wurde, wird nun peinlich bewusst: Die Regisseurin Ute Rauwald hat uns einen Blick „hinter die Kulissen“ des (Regie-)Theaters erlaubt.
Ismene spricht den Schlusssatz: „Allen Segens Anfang heißt Besinnung.“
Besinnung darauf, dass die Zeit des Regietheaters vorbei ist und somit auch die Zeit der unspektakulären V-Effekte und nicht erzielten Schockwirkungen, die Zeit, in der Menschen wie ich mit der latenten Hoffnung auf ein Blutbad das Theater besuchen.
Der Schluss-Applaus wirkt missmutig, ich scheine nicht die Einzige zu sein, die sich beleidigt fühlt.
Dass unsere Generation als unempfänglich für klassische Inszenierungen gilt ist bekannt. Dass uns jetzt jedoch sogar die Rezeptionsfähigkeit für modernes Theaters abgesprochen wird, ist neu.
Auf den Anblick von Polyneikes nackter Leiche wird man in Zukunft wohl verzichten müssen.
„Seltsam“, sagt eine Besucherin nach dem Stück. Seltsam ist Theater seit langem; dank Ute Rauwald wissen wir nun auch warum.


Anna-Lena Wolff - red / 14. Mai 2006
ID 2422
Sophokles
Antigone

Regie: Ute Rauwald
Ausstattung: Petra Korink

Premiere: 05. Mai 2006
Ort: Großes Haus

Es spielen
Lissie Poetter, Karin M. Schneider, Diana Wolf, Peter Bocek, Jürgen Brunner, Manfred Gerling, Ernst Hofstetter und Patrick L. Schmitz


Vorstellungen
9. – 14., 17. – 21., 30.-31. Mai 2006

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater.bamberg.de






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