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Feuilleton


Schauspiel Bonn, 14.06.2009

Hubert Ortkemper nach Euripides: Elektra/Orest


Regisseur Christoph Roos präsentiert die beiden antiken Schwergewichte Elektra und Orest von Euripides am Schauspiel Bonn in einer Fassung von Hubert Ortkemper, der beide Stück zu einem verbindet. Chronologisch korrekt beginnt der Abend mit Elektra, die vor dem Palast ihrer Mutter haust und auf den Bruder wartet, der wiederum den gewaltsamen Tod des Vaters rächen soll. Kurz darauf erscheint dieser mit seinem Freund Pylades und die Ereignisse nehmen ihren Lauf.

Der Umgang zwischen den Geschwistern Elektra und Orest ist geprägt von fehlender Zuneigung und immenser Erwartung. Da ist ein normales Miteinanderreden und Sich-in-den-Arm-nehmen gar nicht möglich. So viel Übermenschliches erwartet Elektra von ihrem Bruder, so sehr verachtet dieser seine gesunkene Schwester, verflucht wahrscheinlich auch ihre Beharrlichkeit, die ihn zum Muttermord treibt. Hier treffen zwei Menschen aufeinander, die gar nicht wissen, wie man einem anderen Menschen begegnet, ohne ihn in die Kategorie Freund oder Feind einzuordnen und mit der eigenen grausamen Vergangenheit zu belasten. Zugleich bekommt das Verhältnis vor allem im zweiten Teil des Abends auch eine sexuelle Komponente, ist Elektra doch die einzige Frau, die für Orest in greifbarer Nähe ist.

Manche Dinge in der Inszenierung von Christoph Roos sind unnötige Aktualisierungen, die ablenken: Pylades hantiert mit einer Videokamera und nimmt mit dieser Äußerungen der Beteiligten auf, bevor sie Elektras verhassten Stiefvater Aigisth morden. Diese Aufnahmen laufen anschließend schick über eine Videoleinwand. Und immer wieder wird eine Pistole gezückt, in Tarantino-Manier mit abgeknicktem Handgelenk gehalten. Wozu das, wenn doch Aigisth weiterhin Agamemnon mit dem Beil tötet und auch von Beil und Messer in den Texten die Rede ist? Fraglich auch, ob sich eine entsicherte Waffe so sorglos handhaben lässt, wie die Protagonisten es tun. Aber diese Coolness ist nur vorgetäuscht, wie sich zeigt, wenn Orest als verzweifelter Junge im Bademantel des ermordeten Stiefvaters im gekachelten Bad mit seinem Schicksal hadert. Hier ist einst sein Vater ermordet worden, hier wartet Orest auf sein Todesurteil. Schließlich greift er zur Waffe, um sich selbst zu richten, lässt sich dann aber von Elektra und Pylades für einen letzten Gewaltakt begeistern.

Am Ende des Abends wird nur vermeintlich um der Ehre willen, aber letztlich doch eher aus reinem Überlebenstrieb gemordet. Orest träumt davon, sich mit der Ermordung seiner Tante Helena und der Geiselnahme seiner Cousine die Herrschaft im eigenen Haus zu sichern, während für Pylades nur noch freies Geleit das Ziel ist. Und letztendlich zählt vor allem, sich mit einem möglichst großen Effekt in die Weltgeschichte einzuschreiben, wenn nichts anderes mehr geht – koste es auch sinnlos Menschenleben. Pylades’ Plan, Helena zu ermorden und den Palast anzuzünden, um das Volk von Mykene auf Orests Seite zu bringen, ist zynisch und geprägt von der Lust an Zerstörung. Es ist Elektra, die durch ihr fünfjähriges Alter Ego zur Vernunft gebracht wird. Dabei sind keine Worte notwendig, nur die Erinnerung daran, wie sie als Fünfjährige Zeugin des Mordes an ihrem Vater wird, um der Gewaltspirale ein Ende zu bereiten. Ein starker Moment der Inszenierung.

Bei aller Ambivalenz des Abends sind die Schauspieler durchweg zu loben. Mutige Rollenporträts liefern in Roos’ Inszenierung vor allem Tatjana Pasztor in einer Doppelrolle als Helena und Klytaimnestra sowie Bernd Braun. Tatjana Pasztors Klytaimnestra ist eine neureiche aufgetakelte Alte, die Stil bewahren möchte, aber bei der Begegnung mit der Tochter aus der Rolle fällt. Dennoch kann man dieser Figur nicht absprechen, dass sie Elektra berechtigt deren Selbstgerechtigkeit vorwirft. Pasztors Helena dagegen scheut die Konfrontation, sie ist vor allem feige und eitel. Diese Helena hat nichts Verführerisches an sich. Ähnlich degeneriert auch Bernd Brauns Menelaos. Er kommt gänzlich ohne Rückrat und total verzottelt daher. Sein Einsatz für seinen Neffen Orest sind nur Lippenbekenntnisse, und das hat böse Folgen. Raphael Rubino als Orest wiederum ist ein zu groß geratener Junge, der überfordert ist und seine Aggressionen nicht unter Kontrolle hat. Er beansprucht seine angestammte Rolle als Erbe, aber niemand will ihm huldigen. Erstaunlich ist die Wandlung von Helge Tramsen von einem sympathischen Begleiter Orest zu einem fanatischen Attentäter. Letztlich kreist alles um Maria Munkerts Elektra, die kaltblütig und verblendet ihre Mutter ins Verderben schickt, dann aber dem sinnlosen Töten ein Ende bereitet.

„Elektra/Orest“ ist ein Parforceritt durch einen der wichtigsten Stoffe der Antike. Roos erzählt die ganze Geschichte in 100 Minuten. Dabei bleibt manches Detail auf der Strecke, aber es gelingen auch einige Momente der Verdichtung, in denen die Sinnlosigkeit des Mordens, das immer neues Unglück heraufbeschwört, nachdenklich stimmt.


Elektra/Orest
Nach Euripides von Hubert Ortkemper

Regie: Christoph Roos
Bühne: Peter Scior
Kostüme: Sigrid Trebing
Licht: Guido Paffen
Musik: Michael Barfuß

Mit: Maria Munkert (Elektra), Raphael Rubino (Orest), Helge Tramsen (Pylades), Tatjana Pasztor (Klytaimestra/Helena), Bernd Braun (Menelaos), Wolfgang Jaroschka (Tyndareos), Philine Bührer (Hermione), Arne Lenk (Tagelöhner), Oliver Chomik (Trojanischer Sklave)

Premiere am 30. Januar 2009, letzter Termin in dieser Spielzeit am: 02.07.09


Karoline Bendig - red. / 2. Juli 2009
ID 4363

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/production.asp?ShowtimeID=298





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