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Hamburg, Altonaer Theater 7. November 2007

Der Elefantenmensch



http://www.altonaer-theater.de/

John Merrick ist auf so groteske Weise entstellt, dass er im England des 19. Jahrhunderts unter normalen Menschen nicht leben kann. Er fristet sein Dasein als Attraktion einer Freak-Show, wird wie ein gefährliches Tier gehalten und geschlagen. Ein Arzt nimmt sich seiner an und entdeckt den Menschen in der Kreatur. Merrick wird Teil der Londoner Gesellschaft. Aber ob auf dem Jahrmarkt, in der pathologischen Fakultät oder im Salon: Ausgestellt ist er immer.
David Lynch hat John Merricks Geschichte in dunkle schwarz/weiß Bilder getaucht und damit einen Filmklassiker gedreht. Gegen die Macht dieser Erinnerung hat es jede Theaterproduktion schwer. Regisseur Gil Mehmert beginnt es geschickt: Das Monster ist zunächst überhaupt nicht zu sehen, wird durch Akkordeon und Posaune in seiner Atemnot dargestellt und muss in den Köpfen der Zuschauer erfunden werden. Als Merrick das erste Mal leibhaftig auf der Bühne erscheint ist er von oben bis unten verhüllt (und erinnert in diesem Moment eklatant an die Filmfigur). Die Hüllen fallen, die (Theater)maske seiner Entstellung wird sichtbar. Er legt sie ab, als seine Umwelt ihn als leidenden Menschen wahrnimmt. Ein kluger Einfall. Konstantin Moreth, der diesen John Merrick spielt, findet zu einer überzeugenden Form, die Behinderung des Mannes darzustellen, ohne aufdringlich oder nervtötend zu werden. Ebenso klug und sinnig die Idee, das Bühnenbild durchgehend als Zirkusarena zu behaupten. Ein Vorhang öffnet sich, egal wo John Merrick gerade vorgeführt wird. Die Musik der Tiger Lillies ("Circus Songs"), die durch den Abend erklingt, bietet dazu den akustischen Rahmen.


http://www.altonaer-theater.de


Leider verpasst die Regie dann, die etablierten Möglichkeiten zu nutzen. In schneller Folge rauschen die Szenen vorbei, vieles wird bloß erzählt, nicht ausgespielt. Es fehlen die Ruhe und Sorgfalt, den Szenen Tiefe zu verleihen oder wenigstens eine dem Text entgegen arbeitende Ebene zu etablieren. Dafür reichen Bühnenbild und Musik allein nicht aus. Wie es auch hätte sein können zeigt die stärkste Szene des Abends am Anfang des zweiten Teils nach der Pause. Merrick erwähnt seine erotischen Wünsche in Anwesenheit der schönen Schauspielerin Mrs. Kendall. Konstantin Moreth und Shirin Kazemi erschaffen eine gleichwohl erschreckende wie tief berührende Situation. Etliche Tränen fließen im Publikum. Neben diesen beiden ist vor allem Thorsten M. Krogh als Dr. Treves zu erwähnen, der seine Figur überzeugend mit Seriosität und Selbstzweifel ausstattet.
Insgesamt eine solide Produktion, die aber hinter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Die bewegende Geschichte und der stärkere zweite Teil machen den Abend lohnenswert. Den Schauspielern dankte das Publikum mit langem Applaus.


Sven Lange - red / 7. November 2007
ID 00000003516
www.svenlange.com


Weitere Infos siehe auch: http://www.altonaer-theater.de





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