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nachDRUCK # 6

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Doppelpremiere

Auf hoher See von Sławomir Mrożek und Philoktet von Heiner Müller in einer Doppelpremiere am bat-Studiotheater der HfS „Ernst Busch“




Delikater Zickenkrieg auf hoher See

Dem im letzten Jahr 83jährig verstorbenen polnischen Schriftsteller und Dramatiker Sławomir Mrożek wurde in zahlreichen Nachrufen immer wieder bescheinigt, ein glänzender satirischer Erzähler zu sein, der mit viel Witz und geschliffenen Formulierungen den Absurditäten unserer Wirklichkeit zu Leibe rückte. Mit seinen gesellschaftssatirischen Theaterstücken Die Polizei, Tango, Striptease oder Die Emigranten feierte er in den 1960er und 70er Jahren auch in Deutschland große Erfolge. Sein etwas in Vergessenheit geratener Einakter Auf hoher See taucht auch heute immer mal wieder auf den Spielplänen kleiner deutschsprachiger Studiobühnen auf. Gute Voraussetzungen also für eine Neuinszenierung am bat-Studiotheater der HfS „Ernst Busch“.

In der Regie von Rebecca Charlotte Bussfeld sind (wie bei Mrożek) nicht etwa drei Männer in den Hauptrollen zu sehen. Der dicke, der mittlere und der schmächtige Schiffbrüchige werden hier von den Schauspielschülerinnen Carolin Hartmann, Deleila Piasko und Mariananda Shemp gespielt. Und wie zur Bestätigung dessen läuft zum Einlass die Dance-Hymne "We Are Girls" des schwedischen Pop-Duos Rebecca & Fiona. Auf einem schräg abgesägten Containerdach mit halb erkennbarem Markenaufdruck eines führenden Lebensmittelherstellers bewegen sich die drei wie zur Disco Kostümierten auf Balance-gefährdenden High Heels zu den Rhythmen des Songs auf schiefen Ebenen. Verteilt über das Dach liegen Reste der konsum- und unterhaltungsorientierten Wegwerfgesellschaft wie Popcornkartons und Schokoriegel.

Die letzten Büchsen mit Kalbsfleisch und Erbsen sind zur Neige gegangen. Den aus nicht näher erläuterten Gründen auf diesem Floß gefangenen Damen verlangt es nach Essen. Verblüffende Erkenntnis: „Wir müssen nicht etwas, sondern jemanden essen.“ Nach fehlgeschlagenem diktatorischem Gehabe der größten Dame, Appellen an die Gerechtigkeit und den Kameradschaftsgeist einigt man sich schließlich auf eine demokratische Abstimmung mit obligatorischen Wahlkampfreden. Aber auch der abstruse Versuch eines als überlebt erachteten Parlamentarismus bringt nicht die erwünschte Entscheidung. Schönrednerische Posen wechseln mit Sticheleien und kleineren Boxkämpfen. Für zusätzliche Verwirrung der Protagonisten und weiteren Spaß sorgen Kurzauftritte von Nele Sommer als unverhoffte Telegrammzustellerin und Nanny.

Einen Hauch zivilisatorischen Grundgebarens hat frau sich also in dieser aberwitzigen Situation noch bewahrt und versucht diesen schönen Schein auch bis zum bitteren Ende konsequent aufrechtzuerhalten. Wer hier nun die Stärkere, die Mitläuferin oder das vermeintliche Opferlamm ist, bleibt dabei noch weitestgehend offen. Bevor man dann über das auserkorene Opfer herfällt, muss es sich erst selbst dazu erklären. Die freiwillige Einsicht in die Notwendigkeit und eine höhere (wenn auch eingeredete) Wahrheit bringt schließlich die Entscheidung. "Ich bringe es noch zu etwas", zumindest im Opfertod. Den drei Darstellerinnen gelingen hier einige bizarre Einblicke in menschliche Charaktereigenschaften. Allerdings wird die politische Dimension von Mrożeks Satire dabei nicht wirklich erreicht und auch das Besondere an diesem Zickenkrieg muss uns die Regie schuldig bleiben.


Bewertung:    




Philoktet am bat-Studiotheater - Foto (C) Stefan Bock



Lüge oder absolute Wahrheit? In Troja ist dein Tisch gedeckt


Nach den Damen und einer kurzen Pause sind die Herren der Schöpfung an der Reihe. Sławomir Mrożeks Satire Auf hoher See mit Heiner Müllers düsterer Tragödie Philoktet zu kombinieren, scheint nur auf den ersten Blick etwas abwegig. Heißt es doch da im Prolog: „Sie sind gewarnt. Sie haben nichts zu lachen. / Bei dem, was wir jetzt miteinander machen.“ Müllers Stück über Lüge, Demagogie und Manipulation steht aber in seiner Aktualität Mrożeks zeitlos gültiger Parabel auf menschliches Verhalten in nichts nach. Auch hier geht es letztendlich um die Einsicht zu einer Grundsatz-Frage. In Müllers Übertragung der Tragödie des Sophokles versucht der schlaue Ideologe Odysseus mit Hilfe des Neoptolemos, Sohn des Achills, den einst von ihm verwundet auf der Insel Lemnos ausgesetzten Philoktet wieder auf Linie zu bringen. Der Bogenschütze mit seinen Pfeilen des Herakles wird im Endkampf um Troja gebraucht. Also muss der nun die Griechen Hassende mit List vom großen, gemeinsamen Ziel überzeugt werden.

Bei einem kleinen Vorspiel wird dem wartenden Publikum von den Schauspielern erstmal mittels coolem Jazz in den Zuschauersitzreihen Müllers Prolog dargebracht. Eine böse Clowneske aus der Vergangenheit, ohne Lehre und Moral, als der Mensch dem Menschen noch ein Todfeind war. Dass Müller dabei wie immer auf eine vermeintlich fatale, geschichtliche Allgemeingültigkeit zielt, steht außer Frage. Die ersten Sätze werden dann chorisch aus dem Dunkel gesprochen, nur ein Scheinwerfer blendet das Publikum. Die strenge Dreierkonstellation des Stücks löst Regisseur Marcel Kohler zu Gunsten von fünf in den Rollen wechselnden Darstellern (Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Lukas Schrenk, Sebastian Schneider und Nils Strunk) auf. So, relativ frei von fester Personenzuschreibung agierend, ergeben sich für die Protagonisten immer wieder neue spannungsgeladene Konstellationen. Die Rolle des Demagogen, des Verführten ("… ein Helfer, der lügt") und des Abtrünnigen wechseln beständig und lassen dadurch keine klare Identifikation zu. Jeder ist verwickelt in das Spiel um Lüge und absolute Wahrheit.

Bei einer trunkenen Verbrüderungsszene tanzen alle Kämpfer ausgelassen zu griechischer Musik. Neoptolemos steht dann zunächst noch allein gegen eine ganze Philoktet-Gruppe. Nachdem er den begehrten Bogen errungen hat, kehrt sich diese Konstellation plötzlich um. Nun steht Philoktet allein, in einer Art schiefem Metallquader gefangen. Der jeweilige Odysseus bleibt bei all dem meist auffällig im Hintergrund. Im Disput mit Philoktet und Odysseus, bei dem man sich hinter antiken Masken aus Blech versteckt, wechselt der schwache Neoptolemos mehrfach die Seiten. In einem starken Solo zu Rockmusik bewegt sich der Betrogene Philoktet voll Rachedurst, alle Möglichkeiten innerlich abwägend, wie rasend im Geviert. Der Rest der Gruppe wartet dabei still auf das Ende dieser Raserei. Doch Zeit ist Mörderin und der Gruppendruck wächst. Seinen Wankelmut endgültig korrigierend, tötet Neoptolemos schließlich Philoktet hinterrücks auf dessen Höhepunkt, der Demütigung des Odysseus. Der kann ihn daraufhin wieder für sich instrumentalisieren, und sei es als Märtyrer. Ein Regen aus scheppernden Blechmasken und bekannten Parolen unserer Zeit weisen den Weg von Troja bis zum Hindukusch. Ein jederzeit spannungsgeladenes Spiel, das es nicht ganz ohne Witz versteht, uns den schwierigen Dramatiker Heiner Müller wieder etwas näher zu bringen.


Bewertung:    
Stefan Bock - 23. Februar 2014
ID 7628
AUF HOHER SEE | PHILOKTET (bat-Studiotheater, 21.02.2014)

Auf hoher See
Regie: Rebecca Charlotte Bussfeld
Bühne und Kostüm: Elisabeth Wendt
Dramaturgie: Tina Ebert
Musik: Tom Virkus
Es spielen: Carolin Hartmann, Deleila Piasko, Mariananda Shemp und Nele Sommer

Philoktet
Regie und Bühne: Marcel Kohler
Musik: Alex Semrow
Dramaturgie: Josephine Tietze
Es spielen: Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Lukas Schrenk, Sebastian Schneider und Nils Strunk

Doppelpremiere war am 21. Februar 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.bat-berlin.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



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