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Theaterkritik

20. Januar 2007, Box im Deutschen Theater Berlin

CHATROOM von Enda Walsh

Eine Koproduktion mit der Berliner Universität der Künste/Fachbereich Schauspiel



Kinder im Schwarzen Loch

Der Ire Enda Walsh (*1967) ist ein begnadeter Dramatiker. Seitdem er dreißig ist, verfasst er Stücke. Alle spielen sie in einem ungreifbaren Kosmos asozialen Daseins, wo mit a-sozial natürlich nicht im herkömmlichen Sinne Ungeordnetes und Weggeworfenes vereinzeltem "Gestrandetseins" gemeint ist - ganz im Gegenteil: Lauscht man den immer bis ins Letzte gründlichst recherchierten Viten seiner handelnden Figuren - diese Viten werden einesteils im Monologischen, zum anderen im Dialog mit einem spielerischen Gegenüber aufgeblättert oder zugereicht - , kommt man doch aus dem Staunen nicht heraus; vonwegen "asozial". Zumeist ist von Familien die Rede, deren Existenz und Dasein zwingend-positiv auf ihre nachgebornen Sprösse schlagen müsste. Selten hört man da von einem wirtschaftlich bedingten Grund- oder Totalscheitern des elterlichen Parts. Am Geld kanns also überhaupt nicht liegen, dass da Ungeheuerliches in den zarten Psychen der Heranwachsenden vor sich geht. Man hat sich irgendwie und irgendwo im Irischen (wo Walsh ja her ist) oder noch viel allgemeinörtlicher eingerichtet; nein, man hungert nicht; man muss auch seine Kinder nicht für Geld an Pädophilenclubs verleihen und verkaufen, sowas scheint im Abendland ja nicht/noch nicht in Mode - - oder doch?! Auf alle Fälle: Enda Walsh kennt sich vorzüglichst im Sozialgefälle seiner Heimat aus. Und wenn er sich jetzt textlich, so wie hier und heut geschehen, über 6 geschlechtsreife Teenager hergemacht hat, ist das auch vielleicht ein Zeichen und ein Ausruf dessen, dass es eigentlich doch seine eignen Kinder (denn mit Anfang 40 ist er freilich, theoretisch-rechnerisch, ein potenzieller Vater Fünfzehn- oder Zwanzigjähriger) sein könnten.
Und wer denkt, das Internet sei eine Angelegenheit für junge Leute, irrt ja aufs Brutalste - ja, wir sind jetzt schon in allernächste Nähe zu Walsh's Stücktext CHATROOM, das vor knapp zwei Jahren gleichzeitig in London, München, Wien oder dem NDR diverse Erst- und Folgeproduktionen fand und nach sich ziehen sollte.
Chatrooms also, eine der zugleich grandiosesten wie auch gefährlichsten Errungenschaften des im Worlwiteweb zu Findenden, werden von einer alterslosen Klientel genutzt. Man sucht sich ein für sich entsprechendes Gefilde (Stricklieselverfechter oder Hobbyköche oder Magersüchtler oder Schwule oder Terroristen usw.) also wo man denkt, dass man da hingehört oder dass die "Gesprächsthemen" einen interessieren würden, präpariert sich vorher noch mit einem Nickname, loggt sich irgendwo dann ein, kriegt von den kommerziellen Anbietern (der Chatrooms) eine so genannte Freischaltung dann zugemailt, und fertig ist der Laden...
Es ist wie 'ne Flucht weit weg von sich. Man denkt mit wem auf Du-und-Du zu sein, man sieht denjenigen natürlich nicht, man hackt nur immerzu und immerfort dann auf die Tasten, wartet auf die buchstabenbestückigte Replik, entgegnet irgendwas und stellt sich - wenn es "menschlich hoch kommt" - seinen Chatpartner mit Haut und Haaren vor; man kennt ihn freilich nicht und nie, man wird ihm nie und nimmer nicht begegnen... man entfernt sich immer weiter weg dann, auch von "ihm". Der Fluchtpunkt ist das Schwarze Loch! Wer von uns Chattern kennt diese Erfahrung nicht?

* * *

Zur Inszenierung Christoph Mehlers in der "Box"/DT: Hämmernder Beat - Lichtspot - hämmernder Beat - Lichtspot - hämmernder Beat - Lichtspot... Jim (Nils Kahnwald) leidet am Verlust des Vaters. Dieser hatte sich, da war Jim sechs, von heut auf morgen aus dem Staub gemacht. Es gab keine Begründung, gab kein Wiederfinden, gab auch keine Todesnachricht; einfach fort. Die Restfamilie schockte freilich auch; die Mutter musste sich 'ne Arbeit suchen, denn das Wohlgefällige und Abgesicherte vonseiten ihres Oberhaupts war plötzlich weg. Jims drei Geschwister, alle schon viel älter auch als er, hatten zudem ein völlig anderes Verhältnis zum Erzeuger; Jim der Nachzügler kriegte von alledem letztendlich überhaupt nix mit, und gar nix richtig in die Reihe. Nebenbei und außerhalb von allem. Einzelgängerkind. Jetzt ist er an 'nem Punkt, wo er mit sich nicht weiter kann. Und er sucht Rat und Tat im CHATROOM. / Laura (Anna Graenzer) "hört ihm zu", will keine Ratschläge erteilen; sagt, das wäre hier nicht üblich. Sie hat einen Suizidversuch - das sagt sie dann den andern später - überstanden. // Und die andern "hören" sich die Jimgeschichten nacheinander an und kommentieren sie. Sie haben jemanden gefunden, der mit seinem Teenagerproblem das ihrige zu toppen scheint. Das klingt für sie sehr spannend, reizt sie "einzugreifen"...

Mehler hat den Handlungslauf sehr sparsam und sehr mathematisch strukturiert. Nach einer halben Stunde trockenem Geschwätzes menschelt es zum ersten Mal: Da gehn Eva & Emily (Jana Horstmann / Silvia Medina) sehr rüde aufeinander zu. Die eine hat zur andern irgendwas gesagt was der nicht passte. Und jetzt haut sie ihr paar Kräftige in deren Fresse - großartig gespielt!

Nach einer zweiten Viertelstunde dann der nächste und noch abgefahrenere zwischenmenschliche Defekt: Einer der beiden Jungen, Jack (gespielt von Steffen Klewart), zynt der mehr und mehr ins Suizidgefährdende geratnen Jimbeichte, was dann die andern wieder furchtbar aufregt... und sie fallen, prinzipieller Art natürlich, weil sie immer schon mal Jacks Zynismen strafen wollten, über diesen her; es fallen fürchterlichste Schimpfworte, man schlägt ihn scheinbar windelweich - - artistischer lässt sich's nicht meistern!!

Letzte einprägsame Szene dieser Produktion: Von William (Mirko Kreibich) hätte man jetzt denken sollen, dass er sich zu einem menschlichsten Geoffenbartsein breitschlüge. Als er und Freundin Eva sich zu einem virtuellen Gutenachtkuss gegenüber Jim entschließen und sie gleichsam, und total abrupt, von dem Geständigen erfahren müssen, dass er alle seine Chatpartner am nächsten Morgen live zu seiner Selbstbeseitigung versammelt haben wollte/will - kippt ihr Gebaren derart fies und feist: Sie strecken sich die Zungen gegenseitig in die Hälse, erigieren scheinbar beidseitig ob so viel Einfluss und Gewalt; man meint das Mörderpaar Valmont/Merteuil vor sich zu sehen - - - fulminant gestellt!!!

Der letzte Satz von Jim lautet: "Ich will einfach nur meine Kindheit zurück."

Versteht wohl jeder.


Andre Sokolowski - 21. Januar 2007
ID 2934
www.andre-sokolowski.de

CHATROOM von Enda Walsh in der "Box" (DT)
Regie: Christoph Mehler
Bühne und Kostüme: Frauke Thiede
Dramaturgie: Anne-Kathrin Schulz
Licht: Bodo Ahlenstorf
Mit: Mirco Kreibich (William), Steffen Klewart (Jack), Janna Horstmann (Eva), Silvia Medina (Emily), Nils Kahnwald (Jim) und Anna Graenzer (Laura)
Premiere am 19. Januar 2007 in der Box am Deutschen Theater Berlin
Nächste Aufführungen: 27. 1. und 3. 2. 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/boxundbar




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