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Feuilleton


Schauspiel Köln, 3. Juni 2006

Manos Tsangaris
Centralstation

Vom Außen und Innen der Städte

Uraufführung

Therese Dürrenberger, Katharina Hagopian | © Klaus Lefebvre

Es fängt mit einer Entscheidung an: Der Zuschauer kann auswählen, ob er seinen Abend im Erfrischungsraum des Kölner Schauspieles oder in der gegenüberliegenden Limone Opera beginnt. An beiden Orten sitzt er dann auf einem Stuhl, mit Blick auf den Vorplatz vor dem Schauspielhaus und auf den jeweiligen anderen Raum. Zweimal wird an diesem Abend das Stück „Centralstation“ gespielt und zweimal bieten sich dem Zuschauer verschiedene Sichtweisen auf dieses Stück, je nachdem, wo er sitzt. Denn man bekommt nicht an beiden Zuschauerorten alles mit.


Kate Strong, Dirk Lange, Ulrike Schwab | © Klaus Lefebvre


Im Erfrischungsraum sitzt man mit Blick auf die Panoramafenster, hinter denen es ein Vordach gibt. Dahinter sieht man in weiterer Ferne ein Gerüst, auf dem eine Frau steht, die im Laufe des Abends mehrmals die Distanz zwischen den beiden Spielstätten hinter sich zurücklegt. Wenn man in der Limone Opera sitzt, erkennt man, dass das Gerüst eine Art Balkon oder Feuertreppe zu einem kleinen Ein-Zimmer-Appartement ist, das originellerweise um eine existierende Straßenlaterne herum gebaut wurde (weshalb es in dem Raum auch so eine merkwürdig anmutende krankenartige Rauminstallation gibt) und in das man hineingucken kann. Vom Erfrischungsraum aus sieht man allerdings nur die schwarze Rückseite des Kastens. Dafür dient hier das Vordach als zusätzliche Bühne. Witzig ist dann allerdings, dass man die Schauspieler von der Limone aus sehen kann, sobald sie das Vordach betreten. Aber auch das ist bedacht, sobald ein Schauspieler zu sehen ist, spielt er.
Gespielt wird auch auf dem Platz zwischen den beiden Orten, an denen die Zuschauer sitzen. Passanten vor dem Kölner Schauspielhaus werden Teil des Spiels, hören Stimmen, die von irgendwoher klingen, sind mitten in einer Theateraufführung. Sie werden nicht angespielt oder einbezogen, sind aber durch ihr Passantendasein einkalkulierter Bestandteil des Abends. Und der Zuschauer beobachtet auch sie.



Kate Strong, Dirk Lange | © Klaus Lefebvre


Die Geschichte des Abends ist schnell erzählt: Leonore, Tochter von Anton und Eva (die Bewohner des Kastens), will etwas erleben und geht mit ihrem Freund nach New York. Ihre ältere Schwester Justine versucht vergeblich, sie aufzuhalten. Leonore gerät auf die schiefe Bahn, braucht Geld, fleht ihren Freund, der mittlerweile offensichtlich gesellschaftlich aufgestiegen ist, um Hilfe an. Zuletzt kehrt Leonore zu ihren Eltern zurück, die die verlorene Tochter freudig wieder aufnehmen. Das ist der eine Teil der Geschichte, den man im Erfrischungsraum sieht bzw. deren glückliches Ende man von Leonores Schwester Justine erzählt bekommt. Dazwischen kommen und gehen ein Bettler, der viele Bahnhöfe aus eigener Anschauung kennt, allerlei Menschen, die mit Koffern zu ihrem Bestimmungsort streben, und zwei ältere Frauen, laut Programmheft die Begleiterinnen der beiden jüngeren Schwestern, die ähnliche Geschichten erlebt haben. Die einen von ihnen bettelt, hat aber offensichtlich ein bewegtes Leben hinter sich, während die andere brav zu Hause ihre Pflicht getan hat. Fast scheint es, sie seien sie Leonore und Justine im Alter.
In der Limone sitzend sieht man dagegen, wie Leonores Vater Anton und die Mutter Eva ihre Arbeit erledigen (sie melden Zugdurchfahrten) und dennoch warten und ständig darüber nachdenken, was mit ihrer jüngeren Tochter passiert ist. Die beiden sprechen in ihre Telefone, schauen auf ihre Computerbildschirme, versuchen, Alltag zu leben. Ihre Tochter Justine haben sie losgeschickt, um Leonore zu suchen. Die Anspannung steigt, als gemeldet wird, dass ein Zug aufgrund eines Personenschadens auf unbestimmte Zeit verspätet ist. Anton und Eva fürchten, es könne sich um Leonore handeln, aber die Tote ist jemand anders.
Viele der im Erfrischungsraum passierenden Figuren haben eigene Geschichten: Harster z.B. erzählt von einem Mann – er selber – , der eine Zugfahrt nach München buchen will, auf der er keine Tunnel passieren muss. Der Bettler hat ein Anliegen, will alle anderen zur Einkehr bewegen – ein recht hoffnungsloses Unterfangen an einer Stelle, an der die Menschen ankommen und abfahren und ansonsten auf dem Weg nach hier und dort sind. Die Begleiterin von Leonore erzählt von dem Kind, das ihr weggenommen wurde, und es bleibt unklar, ob das auch ein Teil von Leonores Geschichte ist.
Der Abend ist unglaublich kurzweilig, im besten Sinne verspielt, unterhaltsam, bisweilen sogar sehr komisch, auch wenn der Ansatz sehr nach Konzeptkunst klingt. Es gibt wunderbare akustische Spielchen: Vater und Mutter sitzen im Guckkasten, die Gespräche und Geräusche werden aber aus der ersten Publikumsreihe in der Limone Opera synchronisiert, wo ein Schauspieler und eine Schauspielerin sitzen. Sie sind mit den gleichen Sachen ausgestattet wie das Paar in der Wohnung (Müslipackung, Telefon, Tasse, Milch etc.). Dazwischen hört man dann auch, wie Vater und Mutter sich unterhalten, und der Schauspieler außerhalb spricht die Gedanken. Die Regiedurchsagen, die man im Erfrischungsraum hört – „kleiner Imbiss für alle“ z.B. – kommen wiederum aus dem Guckkasten und sind hier eine Art Stellwerkdurchsagen. Im Erfrischungsraum lässt Leonores Ex-Freund, den sie anbettelt, einfach ihr Mikroport ausschalten, wenn sie draußen vor der Glasscheibe steht und rein will.
Zu alledem kommt noch Musik bzw. Klanginstallationen. Immer wieder werden Apparate im Erfrischungsraum durch die Gegend geschoben, die sich später als Minibar entpuppen. Aus ihnen scheinen Klänge zu kommen, Klangcollagen. Und hinter ihnen stehen Menschen, die singen.

Es geht aber auch über akustische Spiele hinaus. Die Textprojektionen im Erfrischungsraum entpuppen sich u.a. als projizierte Gedanken des Vaters. Auf Regieanweisung zücken die Darsteller kleine Taschenlampen und leuchten sich in einzelne Gesichtsregionen. Daneben gibt es noch reichlich Lokalbezüge, allerdings ohne den üblichen anbiedernden Charakter. Die jüngere Tochter will als Forsch verkleidet in der Innenstadt Werbung machen, wenn sie nur Geld bekommt (und wer einmal in Köln auf der Schildergasse einkaufen war, weiß sofort, wovon die Rede ist), Harster weist imaginären englischsprachigen Passanten den Weg zur „Cathedral“.

Alles in allem ist „Centralstation“ ein sehr schöner, streckenweise wundervoller Abend, der immer neue Sichtweisen bietet, Freude am Entdecken und Wiedererkennen bereitet. Applaus für die Schauspieler vor dem Schauspielhaus, mitten im öffentlichen Raum Stadt.


Karoline Bendig - red / 5. Juni 2006
ID 2437
CENTRALSTATION

Text, Konzept und Komposition: Manos Tsangaris
Elektronische Realisation: Simon Stockhausen
Szenografie: Manos Tsangaris, Martin Kammann
Kostüme: Mareile Krettek
Dramaturgie: Alexandra Althoff
Licht: Magnus Rösch
Bühnenleitung: Martin Kammann

Mit: Michael Altmann (Ranke, Spezialist für Bahnhöfe in Europa), Christian Beermann (Jens Bürger, Liebhaber Leonores), Therese Dürrenberger (Therese, Leonores Begleiterin), Sandra Fehmer (Double von Eva), Renate Fuhrmann (Renate, Justines Begleiterin), Katharina Hagopian (Katharina, ein Engel für alle), Ralf Harster (Harster, Tunnelphobiker), Theresa Hupp (Nettl, lässt sich gelegentlich transportieren), Joachim Idel (Idel, ein Passant), Dominik Klingberg (Blum, Spezialist für Transporte), Anja Laïs (Leonore, die verlorene Tochter), Dirk Lange (Anton, der Vater), Mathias Lodd (Double von Anton), Stefan Nagel (Nagel, ein Passant), Ivo Rose (Rose, ein Passant), Ulrike Schwab (Justine, die Schwester Leonores), Kate Strong (Eva, die Mutter der beiden Schwestern), Andrea Voß (Andrea, eine Passantin)

Uraufführung am Schauspiel Köln am 29. April 2006
Eine Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit ist geplant.

Weitere Infos siehe auch: http://www.buehnenkoeln.de/buehnenlite/schauspiellite/index.htm






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