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Feuilleton


24. / 25. Oktober 2009, Deutsche Staatsoper Berlin / Maxim Gorki-Theater Berlin

Premieren von SIMON BOCCANEGRA / DER KAUFMANN VON VENEDIG



Placido Domingo hat sichtlich keine große Lust auf seinen Dogen-Thron in Verdis Oper SIMON BOCCANEGRA, wo er eine Glanzstudie an stimmlich-körperlicher Darstellung zum Besten gab. Hier ist er mit dem Chor der Deutschen Staatsoper Berlin zu sehen. Dirigent der Aufführung war Daniel Barenboim. - Foto (C) Monika Rittershaus

Plácido Domingo / Regine Zimmermann ...

... definierten sich für mich als Hochprotagonisten zweier sehr erstaunlicher Premieren, die am letzten Wochenende über zwei Berliner Bühnen gingen; Domingo war der Doge Simon Boccanegra (an der Deutschen Staatsoper), Zimmermann war der Jude Shylock (an dem MGT). Das einzige Verbindungsglied, falls ich es in der Klammerkraft nicht allzu sehr herbei krampfte, das wiederum wäre dann freilich bloße Ansichtssache, ist Venedig; beide Stücke - SIMON BOCCANEGRA / DER KAUFMANN VON VENEDIG - spielen hier, und Verdi / Shakespeare sind als handwerkliche als wie geistige Verursacher der jeweiligen Schöpfungstaten und -produkte anzumarkern.


Placido Domingo war SIMON BOCCANEGRA an der Deutschen Staatsoper Berlin - Foto (C) Monika Rittershaus

Vielleicht ists die schönste Sterbeszene, die sich denken ließe: Simon Boccanegra war von einem seiner intriganten Höflinge vergiftet worden. Das getrunkene Gemisch ergriff, sehr schleichend, den allmählichen Totalbesitz eines bereits durch hinlängliches Altern vorgedörrten Körperinneren. Allein der Geist, dieser doch etwas fern und fremd Verwandtere des schönen Seelenreichs an sich, fand sich mit dem bewusst-bedrohlich arbeitenden Siechtum seiner Selbst nicht ab; Opposition des optimistischeren Hirns über den zeitlebens so traurig machenden Leihaufenthalt der Herzmaschine insgesamt - - die Gifte, die wir frei- und unfreiwillig in das Inner(st)e von uns verschwinden lassen, brauchen unterschiedlich Zeit, um auszuwirken, um den absoluten Garaus in und von uns herzustellen; keiner bleibt verschont, es trifft wohl jeden, ob er wollte oder nicht...

Ja, was Domingo aus den letzten, allerletzten Zügen seines (Rollen)-Lebens macht, deutet sich mir als allergrößte und wahrhaftigste Metapher für den (Bühnen-)Tod schlechthin! Die körperliche Gestik schwindet zusehends, die Stimme nimmt sich mehr und mehr zurück, die abebbenden Herzschläge telepathieren - wenigstens für mich - als Pulsdruck in den Schläfen oder/und im linken oder rechten Handgelenk. Eine Beeinflussung, Beeinträchtigung eigener "Befindlichkeit" - wer derart spielen, singen kann, dass "so Etwas" in einem (für den Spieler) völlig fremden Körperbau passiert, muss schon zu den ganz Großen seines Fachs gezählt werden, jaja: Domingo hat mit Simon Boccanegra eine letzte, und vielleicht die wirklich (vor-)letzte, Bastion der Menschen-Darstellung erklommen; diese Rolle steht ihm - so wie keine andere vor ihr, vermute ich mal - altersweisheitlicher Weise zu Gesicht!

[Und vollständigkeitshalber, und auch weil das ohne Zutun jener anderen unausführbar für ihn gewesen wäre, müssen hier Anja Harteros (als Amelia, Simons Töchterchen, in dessen Armen er entschlief), die Staatskapelle Berlin mit ihrem tränentraurig herweinenden Sanduhrsound (in der besagten Sterbeszene) oder Daniel Barenboim, der Verdis Oper insgesamt dann kräftig ausgewogen und sehr überhöhig leitete, genannt sein.]




Regine Zimmermann spielt Shylock in der neuen Armin-Petras-Inszenierung DER KAUFMANN VON VENEDIG am Maxim Gorki-Theater Berlin. - Foto (C) Bettina Stöß


Shakespeares KAUFMANN VON VENEDIG ist ein antisemitisches Stück, man kann es drehen wie man will, sein Ton zielt - unbeabsichtigt oder auch nicht - dahin; es hört sich also nicht nur "unappetitlich" an, sondern es weist zudem in Richtung plebeszietem Wollens; wenn die Vielen, ganz am Schluss des Stückes, jenen Einzeln-Einzigen (den Außenseiter Shylock, der mit allen, aber wirklich allen Sprachmitteln klischeebesudelt wird) in "seine" Juden-Enge (Ghetto!) treiben, bleiben keine Fragen weiter offen... und man sieht die frisch gemählten Hochzeitspaare, wie sie neben ihren schönen Gaben auch MEIN KAMPF vom Standesbeamten ausgehändigt kriegten oder/und so fort.

Dabei hat Shylock, in dem Stück, ein noch viel größeres Problem mit sich als mit den anderen; die Tochter Jessica (Julischka Eichel) setzt ihm mächtig zu. Ein Generationsproblem. Sie steht, quasi ein junges Leben lang, bei ihrem Vater in der gluckenhaften Schutzhaft; nicht viel anders als wie Gilda aus dem RIGOLETTO oder Esmeralda aus dem GLÖCKNER und und und... Da will sie also weg; und Armin Petras, der den KAUFMANN inszenierte, schrieb ihr einen witzig-schönen Subtext in das Rollenbuch, wo man als Heutiger begreift und gut versteht, warum die Kinder ihren Eltern, quasi über Nacht, abhanden kommen.

Was Regine Zimmermann hingegen aus dem Shylock macht, sieht oder hört sich sosehr zagend, zärtlich und zivil an, dass man meint, nie einer anderen Gestalt - Shylock, der Inbegriff des Prellbocks Jude? - je begegnet sein zu können als der ihren. Sie vermenschlicht ihre Textvorlage. Sie, indem sie plötzlich er ist, wird zu einer zeitlos, ewig jungenhaften Sohn-Gestalt eines Jud Süß; sie findet sich in einer feuerwerkigen, von permanentem Untergang bedrohten Traumschiffwelt am Findigsten zurecht; sie spielt mit ihren "Mitteln", sie probiert die Möglichkeiten, einen andern übers Ohr zu hauen, hohnreich und genussvoll an dem Andern aus; sie weiß, wenn sie's nicht täte, täte es der Andere mit ihr. Sie ist die Allereinzige, die das Finanzsystem in seiner Undurchschlagbarkeit durchschaut. Sie weiß am allerbesten von uns allen, dass es mit uns allen nur noch abwärts gehen kann... falls es so weiter geht.

Am Schluss schlitzt Zimmermann sich mit dem Messer, womit sie - und es war scheinbar wirklich nur als Witz gedacht - dem Gegenspieler an sein Herzchen wollte, ihre Shylock-Kehle auf; das Stück hätte nicht anders enden können.

Ur-urplötzich sehnte man sich wieder, wie seit langem nicht, nach all den schönen Idealen einer (rein gedanklich durchgespielten) kommunistischen Gesellschaftsordnung mit der so schön inbegriffnen Vorstellung vom allgemeinen Menschenparadies. Was wäre wenn?


SIMON BOCCANEGRA (Premiere an der Deutschen Staatsoper Berlin, 24.10.09)
Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung: Federico Tiezzi
Bühnenbild: Maurizio Balò
Kostüme: Giovanna Buzzi
Besetzung: Plácido Domingo (Simon Boccanegra), Anja Harteros (Maria Boccanegra [Amelia]),
Kwangchul Youn (Jacopo Fiesco), Fabio Sartori (Gabriele Adorno), Hanno Müller-Brachmann (Paolo Albiani), Alexander Vinogradov (Pietro), James Homann (Ein Hauptmann der Bogenschützen), Evelin Novak (Eine Dienerin Amelias) u. a.
Chor der Deutschen Staatsoper Berlin
Choreinstudierug: Eberhard Friedrich
Staatskapelle Berlin
http://www.staatsoper-berlin.de


DER KAUFMANN VON VENEDIG (Premiere am Maxim Gorki-Theater Berlin, 25.10.09)
Regie: Armin Petras
Bühne: Natascha von Steiger
Kostüme: Aino Laberenz
Besetzung: Ronald Kukulies (Doge), Cristin König (Antonio), Michael Klammer (Bassiano), Regine Zimmermann (Shylock), Julischka Eichel (Jessica), Andreas Leupold (Lorenzo), Peter Jordan (Lanzelot), Sabine Waibel (Porzia), Sarah Franke (Nerissa) sowie Julia Karner, Julia-Regina Rappenecker und Marie-Theres Hölig (als Venezianerinnen)
http://www.gorki.de


Andre Sokolowski - red. / 27. Oktober 2009 http://www.andre-sokolowski.de
ID 00000004437

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de / http://www.gorki.de





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