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Feuilleton


Osnabrücker Theater, 14. April 2006

Alex Nowitz
Die Bestmannoper (UA)

nach einem Libretto von Ralph Hammerthaler


AHOI, 5. Szene MAN MUSS Mark Bowman-Hester (Bestmann)

Geschichte wird Oper

1966 gelangte das von fünf west- wie ostdeutschen Komponisten – Blacher, Henze, Hartmann, Wagner-Régeny, Dessau – erarbeitete antifaschistische Mahnwerk „Jüdische Chronik“ in Köln zur Uraufführung. Ihr Erfolg blieb trotz hochemotionalen Publikumszuspruchs in der Fläche aus. Auf das warum des Misserfolgs antwortete Paul Dessau gegenüber einem frustrierten Textdichter Gerlach später einmal: „Die Zeit der ‚Chronik’ kommt erst noch – leider ...“ Untersucht man ein wenig die Sujetwahl im zeitgenössischen Musiktheater und findet „Die Endlösung“ von Peter Michael Hamel, das „Inferno“ von Johannes Kalitzke und nun die „Bestmannoper“ von Alex Nowitz nach einem Libretto von Ralph Hammerthaler, stößt man unverbogen bis zu der Ahnung vor, die Zeit, die Dessau vorschwebte, rücke näher heran. Leider? Nein, Geschichte wird Oper. Zeitoper: Nun als die wahrlich Spielfilmduft atmende Geschichte eines Nazimassenmörders. Eine satirisch gleichwie absurd gewendete Mimesis des Falls, der freilich Allgemeines enthält, Alois Brunner. Beauftragt die besetzten Gebiete „judenfrei“ zu deportieren. „Mein bester Mann“, fand Adolf Eichmann. Über 120000 Tote vermelden Geschichtswerke, die den Namen Brunner in der Mehrzahl als Marginalie behandeln. Kein Wunder, schließlich wurde er weder in der Nachkriegs-BRD noch im einvernehmlichen Syrien recht aufgespürt, außer von zwei Briefbomben und einem Bunte-Journalisten.


DIE BESTMANNOPER: I. Akt SCHNELLE BRÜTER, 2. Szene SEX UND MASCHINE Mark Bowman-Hester (Bestmann) und Natalia Atamanchuk (Anni)


Bürgerschreck Bestmann

Der meistenteils grotesk gezeichnete Brunner – darin an die Behandlung Hitlers in Dessaus „Einstein“ oder an die Tabori-Farce erinnernd – wünscht sich am Ende des zehnten von dreizehn Bildern: „Der Schrecken darf mich nicht wieder erschrecken“ und tut hier eben dies. Denn die als Rückseite des Kalauerigen sich hereinschleichende Tragödie um eines der jüdischen Bestmannopfer, den Zola assoziierenden Jaccuse, bricht damit in sich zusammen. Bis in die Sprachlosigkeit der schließlich stumm geschrienen Phrase führt Nowitz seinen emphatischen Bariton – der glücklichsten dieses ansonsten schwachgeistig beginnenden Librettoabschnitts: „Mörder vors Gericht“. Daraus wird nichts. Bestmann trötet ihm mit rosa Nase vom Wandschrank aus (eigentlich Judenversteck, jetzt, in der neuen Zeit nutzt es Bestmann, um unterzutauchen!) seinen agitpropartig vorgetragenen Ansturm aus. Lacht über das vom Humanum aufgetragene Recht, für das allein noch ein zusammenberstendes Tutti und die Haltung von Jaccuse einsteht. Was unter den bürokratisch verschlafenden Folgebedingungen, dem nunmehr gänzlich höhenlosen Fall, aber keinerlei Relevanz mehr entfaltet.


DIE BESTMANNOPER: II. Akt PITCHIPOI AHOI, 6. Szene ALLES WIRD GUT Christoph Nagler (Jaccuse)


Dieses dreiaktig aufbereitete Handlungsszenario um deutsch-österreichische Schwerstverbrechen – Bestmann lenkt da erneut einen Kinderzug nach „Pitchipoi“ (Auschwitz) – und ihre Folgenlosigkeit tut ziemlich unverhohlen das, was in Erinnerungsarbeit und mahnender Erinnerungskultur hierzulande zu kurz kommt: Zu Empören. Zu Schrecken. Zu Schockieren. Darin nicht unähnlich ein paar jüngeren Komponisten in den zwanziger Jahren. Als Bürgerschreckler verschrien, waren das der später reuende Hindemith, Weill sowie auch Krenek. In diese Traditionslinie theatralischer Bürgerschreckpräsentanz, die ja mit „Carmen“ begann, gesellt sich der 1968 geborene Alex Nowitz mit dem „Bestmann“ auch erst einmal: Ein Massenmörder, der nichts als Hoffnungslosigkeit bereit hält, narreteit und wird narreteit – als augenscheinlich gangbarer, bereits von Dürrenmatt eingeforderter Bühnenweg ernsthafter Auseinandersetzung mit dem NS.
Ein Osnabrücker Erfolg

Nowitz komponiert in einer fesselnd-szenischen Musiksprache. Allerhand Zeitfenster öffnen variierte Gebrauchsmusiken, die sinnfällige Anreicherungen erfahren mit Geräuschen (Steinen, Scheren) wie auch Collagen. Sie fassen im ersten Akt noch serielle Avantgarde ausstrahlende Verwandlungsmusiken ein. Neben einer verblüffenden Stimmbehandlung bereitet der Streichersatz wie etwa bei den drei Jüdinnen einen bleibenden Eindruck. Ernsthaft berichtet die Musik hier von dem Ganzen der Katastrophe: ihrem Schmerz, Verlust und auch dem Grauen, das sich in einem renitenten Hatzmotiv niederschlägt. Auf undiplomatisch kalte Art vermag sie sich aber in und nach der Katastrophe, dem Abtransport der Kinder im achronologischen zweiten Akt, mittels funktionalen Diensteifertums zu verweigern. Macht fortan keinerlei Hehl mehr aus ihrem Zynismus. Diese Musik begegnet ehrlich, gerade angesichts objektiver Überbeanspruchung.

So kommt es, dass diese gut zweistündige „Bestmannoper“ zu einem reich applaudierten Erfolg für das Osnabrücker Theater geworden ist. Überdies hat sich ihr das Haus unter der Intendanz Holger Schultzes in hervorstechender Weise voll gewidmet und auch bezüglich des unterstützenden Begleitprogramms eine äußerst anerkennungswürdige Arbeit geleistet. Till Drömann durchquert diese facettenreiche Partitur beherzt mit dem meist konzentriert aufspielenden Symphonieorchester. Lobenswert die Arbeit von Regie-Junggenius Immo Karaman, der dem Werk immer mindestens eine Dimension hinzufügen kann. Den „Führer“ im Blickverführer Bühne zu enttarnen versteht, wie es in dem heutigen Theaterbetrieb selten geworden ist. Die eingefrorenen Bilder zu den dichten Verwandlungsmusiken sind Abbilder verdrängter kollektiver Innenräume, die strukturell erwiesene Isomorphe zwischen NS-Staat und BRD schlüssig. Daneben sei auch das Bühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter (auch Kostüme) erwähnt, der Brennofen, in dem die Bilder immer wieder enorme Klarsicht gewinnen, etwa wenn der schwermetallig aufrüstende Bestmann zum zweiten Akt hin sein Leben auf Rot schaltet.



DIE BESTMANNOPER: I. Akt SCHNELLE BRÜTER, 2. Szene SEX UND MASCHINE Mark Bowman-Hester (Bestmann) und Natalia Atamanchuk (Anni)


Star des Abends: Mark Bowman-Hester, der den operettigen wie gewollt opernhaften Bestmann überaus eloquent singt. Darstellerisch nicht allzu plump agierend rettet er den Humor vor einem Abdriften in den manchmal nahegelegten Studentenulk. Christoph Nagler ist hierbei ein Höchstmaß an Eindringlichkeit vermittelnder Jaccuse: Am Ende der Inszenierung eine kammermusikalisch gerahmte stille Statue, die von den lebensverhindernden Kräften von Rechts bis Links nicht mehr wahrgenommen wird. Die Frauen (Natalia Atamanchuk als Anni, Eva Schneidereit als Wirtin/Jüdin, Kristine Larissa Funkhauser als Löckchen/Jüdin, Iris Marie Kotzian als eine Jüdin) sind rollengerecht besetzt. Genadijus Bergorulko gibt den zu Unrecht für Alois Brunner gehängten Anton, hier Doppler. Und Frank Färber den Eichmann, hier als „Leichmann“, seinen realiter sowohl äußerlich als auch charakterlich verwandten Chef. Der Frauenchor im Raumklang und der gekonnt slapstickende Männerchor wurden von Peter Sommerer präzis einstudiert. Ein Sonderlob ergeht an die Osnabrücker Kinderstatisterie, die in dieser Spielzeit die Szene so glanzvoll bereichern. Beträchtliche Counterqualitäten demonstriert Yosemeh Adjei als al-Sydaad, alias Syriens Assad.

Ein bemerkenswerter Opernerstling: Restituiert auf nicht ungalante Art, was aus hiesigem Erfahrungsschatz ganz entschwunden schien – jüdischen Witz.


Woflgang Hoops, 5. Mai 2006
ID 00000002385
BESTMANNOPER
Premiere Samstag, 08. April 2006, Theater am Domhof, Osnabrück

Besetzung:

Bestmann Mark Bowman-Hester
Doppler Genadijus Bergorulko
Leichmann Frank Färber
Anni Natalia Atamanchuk
Jaccuse Christoph Nagler
sein Vater Tadeusz Jedras
Von Rechtlings Frank Färber
Al-Sydaad Yosemeh Adjei
Wirtin Eva Schneidereit
Trinker Marcin Tlalka
Löckchen Kristine Larissa Funkhauser
Drei jüdische Frauen und Stimmen im Kopf von Jaccuse Eva Schneidereit, Kristine Larissa Funkhauser, Karen Fergurson/Iris Marie Kotzian

Weitere Vorstellungstermine:

Freitag, 14. April 2006
Freitag, 21. April 2006
Dienstag, 25. April 2006
Freitag, 28. April 2006
Dienstag, 02. Mai 2006
Samstag, 13. Mai 2006
Sonntag, 21. Mai 2006
Mittwoch, 31. Mai 2006

Weitere Infos siehe auch: http://theater.osnabrueck.de






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