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A.TONAL.THEATER. URAUFFÜHRUNG 11. November 2009, STUDIOBÜHNE KÖLN, 20Uhr

BASQUIAT:RE-MIX09

EINE RECHERCHEMASCHINE


A.TONAL.THEATER: BASQUIAT:RE-MIX09 || Foto: Wolfgang Weimer


A Portrait of the Artist as a Young Genius
Sie alle starben so jung: River Phoenix, James Dean, Jeff Buckley, Jimmy Hendrix. Das in Köln ansässige A.TONAL.THEATER nimmt sich nun eines hierzulande weitestgehend unbekannten amerikanischen Künstlers an, der seinen oben genannten Kollegen in punkto Genialität und Charisma in nichts nachsteht: Jean-Michel Basquiat. Ein Leben, das als trauriges Paradebeispiel für Real-Life-Doku beginnt und dort endet, wo es am schönsten ist, mit 27 Jahren. Eine anerkannte Größe neben Kollegen wie Andy Warhol, schwarz, jung, süchtig.

Ohne Atempause wird aus einem fragmentarischen Tagebuch vorgelesen, um Tage, Stunden, Minuten aus dem alles andere als alltäglichen Künstlerleben Revue passieren zu lassen. Und das ist noch vielleicht das "Konventionellste", was dem Theaterstück passiert, denn praktisch alle anderen Darstellungsformen, derer man sich bedient, gehören ganz objektiv betrachtet eher in einen schrägen Gondry-Film als auf die Kölner Studiobühne.
Ganz bewusst wird dem Zuschauer keine ruhige Sekunde gegönnt, um das Gesehene und Gehörte sacken zu lassen oder zeitliche und semantische Lücken im Geiste zu füllen. Häppchenweise werden Bruchstücke aus Basquiats rauhem, aber auch schillernden Leben vor Augen geführt, und Fragen tun sich auf. Hätte man damals Blogs zur Auswalzung der eigenen Gedankenwelt gekannt, wäre Basquiat ein Blogger gewesen, der so mit dem sowohl neugierigen als auch angetanen Publikum in Kontakt tritt? Man kann nur spekulieren.

Um ein wirklich umfassendes, zusammenhängendes Porträt des Künstlers bemüht man sich gar nicht erst. Obwohl die Tagebucheinträge in chronologischer Reihenfolge stehen, wird immer mal wieder ein spleeniges Detail oder ein zitierfähiger Ausspruch herausgegriffen, so wie man beliebig lose Fäden aus einem Flechtwerk aufgreift. Basquiats Leben scheint so ein Patchwork gewesen zu sein. Man hört im Stück, sofern man der englischen Sprache mächtig ist, allerhand wichtige und witzige, aber auch tragische Anekdoten aus seinen Anfangsjahren als Künstler mit dem Pseudonym SAMO - ein griffiger Name, der nicht nur für bildende Kunst, sondern gar für eine eigene Philosophie und für die Avantgarde schlechthin steht. Und man erfährt aus Mitschnitten, Einblendungen und Spoken Word - Versatzstücken viel über sein soziales Netzwerk, und ja, auch über seinen persönlichen Untergang. Was man nicht erfährt, das sind die tragischen Umstände seiner Kindheit, die ihn wohl auch zu dem gemacht haben, was er gewesen ist: seine Eltern, haitianischen sowie puertoricanischen Ursprungs trennten sich relativ früh, und im zarten Alter von 7 wurde Jean-Michel Opfer eines Verkehrsunfalls. Dass ihn trotzdem nicht allein ein Leidensdruck, sondern eine Leidenschaft zur Kunst und zunächst in die Graffiti-Szene gebracht hat, liest man aus seinen sehr kraftvollen, experimentellen Bildern heraus, von denen ein nicht unbedeutender Teil starke Züge von Symbolismus und afrikanischer Mythologie trägt.

Würde man Basquiat nicht besser kennenlernen, könnte man meinen, seine Heimat sei der Kubismus - es werden schließlich alle möglichen Erzählebenen, so es sie denn überhaupt gibt, bunt und ungeniert durcheinandergewürfelt. Die Mini-Fernseher, die clipartig die 80er wiederauferstehen lassen, konkurrieren mit den eingeblendeten Fotos und YouTube-Videos, während die Darsteller im Hintergrund abwechselnd selbstversunken an E-Gitarre, Mischpult, Notebook und Schminktisch stehen. Handlungen, die den Soundtrack zu Jean-Michels Leben liefern sollen, die aber gleichzeitig nicht weniger sind als sein Leben selbst. Klingt nach einer "Recherchemaschine" (so der Untertitel) im wahrsten Sinne des Wortes, abgedreht zwar - aber das soll so. So unterhaltsam wie verwirrend stellt sich das Stück dar als furioser, eklektischer Mix nach Machart der damals so angesagten Videoclips. Wild, ungestüm und leicht schrill ist das, und als Herangehensweise durchaus originell und auch gewagt, doch beim Zuschauer bleibt letztlich der vage Eindruck, das Theaterstück selbst solle sich zu einem Kunstwerk auswachsen. Vielleicht der einzige echte Wermutstropfen.
Mögen ihn auch Welten von Michael J. trennen, die Parallelen sind dennoch unübersehbar: Beide sind sie, Basquiat und Jackson, Ikonen der Achtziger, beide sind schwarze Ausnahmekünstler und Innovateure in einer "cookie-cutter world", die scheinbar nach den Regeln der Selektion der Besten und Schönsten funktioniert. Und vor allem überstehen sie ihr Dasein als Star in Überlebensgröße nicht ohne Knacks. Obwohl Azizè Flittner, gerade auch als Frau, ihre Rolle als Jean-Michel sehr souverän umsetzt, kommt man doch als Zuschauer dem Menschen Basquiat nicht wirklich nahe. Vielleicht noch so ein subtiler Querverweis auf die verstorbene Pop-Ikone.
Die letzte Frage, die einem unter den Nägeln brennt: Warum wird auf diese Weise inszeniert und nicht anders, vielleicht weniger poplastig, weniger diffus? Eine mögliche Antwort: Dem Wunderkind Basquiat wären eine sang- und klanglose Inszenierung, feste Geschlechterrollen und eine klassische Aufteilung in fünf Akte (erst recht undenkbar!) ohnehin nicht gerecht geworden. Wenn die Truppe unter der Regie von Jörg Fürst zu diesem Zweck dann den Bogen ein wenig überspannt, umso effektvoller eigentlich.
Jean-Michel jedenfalls hätte sehr wahrscheinlich seine Freude an diesem bildgewaltigen Delirium gehabt.


Jaleh Ojan - red / 6. Dezember 2009
ID 00000004481
Darsteller: Alexe Limbach, Andrea Köhler, Azizé Flittner, Andreas Spaniol, Christof Hemming

Konzept & Regie: Jörg Fürst
Licht: Veit Griess
Bühne: Jana Denhoven
Kostüme: Monika Odenthal
Musik/Sounds: Wolfgang Proppe
Video: Valerij Lisac
Maske: Heike Helbach
Layout/Internet: Jörg Waschat/nondesign
Produktion/Technik: Garlef Kessler
Videodokumentation: Basa Vujin-Stein
Öffentlichkeitsarbeit: Nina Speyer
Tourmanagment: Stefanie Gauchel



Weitere Aufführungen in der Studiobühne Köln, Universitätsstraße 16a, 50937 Köln
13. - 17. Januar 2010

Weitere Aufführungen im Theater im Ballsaal Bonn, Frongasse 9, 53121 Bonn
11./12./13. Dezember 2009

Weitere Infos siehe auch: http://www.atonaltheater.de/





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